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Trotz Zweifel steht er hinter seinem Glauben


Friedrich Gölz, ehemaliger Studentenpfarrer in Hohenheim, ist 80 Jahre alt geworden


Frieder Gölz sitzt in seinem Arbeitszimmer und schaut erfreut auf den Bildschirm seines Computers. „Ich bin fasziniert von Computern“, sagt der schmächtige, graubärtige Pfarrer im Ruhestand und seine aufgeweckten Augen blitzen auf. „Alles, was ich früher stapelweise auf Papier gesammelt habe, kann ich jetzt einfach abspeichern.“

Und da kommt jede Menge zusammen. Denn Friedrich Gölz, der am 10. April seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, ist fit und interessiert und beschäftigt sich nach wie vor „fast pausenlos“ mit dem Verhältnis von Judentum und Christentum – seinem Lebensthema, wie er selbst sagt.


Friedrich Gölz

Am Morgen nach der „Reichskristallnacht“ führte ihn sein Schulweg an verwüsteten jüdischen Geschäften und an der noch brennenden Stuttgarter Synagoge vorbei. Schon damals merkte der Elfjährige, dass „mit den Juden etwas nicht stimmte“. Im Kindergottesdienst und im Religionsunterricht war über die Juden nur Unerfreuliches zu hören. Aber war denn nicht Jesus, waren nicht seine  Apostel alle Juden?

Später waren es Begegnungen  mit jüdischen Menschen und in der Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“, die er 1975 im Kloster Denkendorf mitbegründete, die Frieder Gölz immer mehr bewusst machten, wie folgenschwer „die Ablösung der christlichen „Tochter“-kirche von ihrer jüdischen Herkunft“ war. Schon in der Entstehungszeit des Christentums war Abgrenzung, später bald Verfolgung  und gar Verteufelung  der jüdischen „Mutter“ zu erkennen. Das hat sich durch Jahrhunderte hindurch als Negativ-Bild alles Jüdischen in den Kirchen verfestigt. Die Tochter Ekklesia sei bald schon blind geworden für die Schönheiten ihrer Mutter, der Synagoge.

Dem in so langer Zeit eingefahrenen christlichen Antijudaismus sei aber nicht durch ein  einseitiges Idealbild des Judentums zu begegnen, meint Gölz. Beide seien durch die Trennung und durch das gegenseitige Missverstehen krank geworden.  „Eine fehlerfrei-ideale Gemeinschaft ist die Judenheit so wenig wie unsere Christenheit“, schreibt Gölz in einem seiner „Briefe an David“. In diesen Briefen erzählt er dem Enkel von Begegnungen mit  jüdischen Menschen und von den  Veränderungen, die sein Lebensthema in ihm ausgelöst hat. Was ihn besonders stört: der exklusive, gegen die „Mutter“ gerichtete Wahrheitsanspruch der sich abgrenzenden und bald nur noch überlegen fühlenden „Tochter“.  Für eine Gesundung der lange und zutiefst verdorbenen Beziehung  wäre freilich mehr nötig als gelegentliche ‚judenfreundliche’ Synodalerklärungen. Nämlich „ein neues Horchen auf einander und jedenfalls auf unserer Seite auch eine kritische Revision festgefahrener Gewohnheiten und  Gewissheiten in unserem Bibelverstehen, unserem Singen, Beten und Predigen. Wie könnten wir den Juden, denen Christen so viel Schlimmes nachgesagt und angetan haben, wirklich begegnen ohne die Bereitschaft, uns selbst dadurch zu ändern?"

Über seine Zweifel sprechen, das konnte er vor allem in seiner Zeit als Studenten- und Gemeindepfarrer in Hohenheim. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie hilfreich die gottesdienstliche Gemeinschaft von Studenten und älteren Christen für uns gewesen ist“, sagt Frieder Gölz und atmet tief durch: „ Zum Beispiel bei entkrampften Abendmahlsfeiern oder bei Predigten, die nicht einstimmig, nicht mit einer  patenten  Lösung, sondern mit einer Frage  schlossen. Eines Tages kam eine Frau mit Tränen in den Augen in die Sakristei und meinte: ‚Bin ich froh, Herr Pfarrer, dass Sie auch zweifeln und nicht alles verstehen!’“. Von den „narrativen“ Predigten in Hohenheim schwärmt auch sein langjähriger Bekannter Joachim Hahn, Pfarrer beim Evangelischen Oberkirchenrat, heute noch: „Er stand mit einer virtuellen Person, zum Beispiel einem Rabbiner, auf der Kanzel und hat mit ihr einen offenen Dialog geführt - das hat mich schwer beeindruckt.“

Dass er immer in kleineren Gemeinden geblieben ist und kein höheres kirchliches Amt anstrebte, bereut Frieder Gölz nicht. Heute predigt er nicht mehr, hält aber des Öfteren Vorträge zum Thema Juden und Christen. Dabei eckt er noch immer an, „beispielsweise, wenn ich zeige, dass das Vaterunser ein ganz jüdisches Gebet ist“, sagt er schulterzuckend. In seiner freien Zeit malt er, liest, schreibt Briefe und musiziert mit Freunden. Fast täglich frischt er sein Althebräisch auf, das er nach der Pensionierung sechs Jahre lang im Stuttgarter Karlsgymnasium unterrichtete. Für seine Zukunft wünscht er sich: „Noch Zeit haben, um zu studieren. Ich möchte noch besser verstehen, warum und wie es zu jener Trennung kam.“  Seine zwölf Enkel möchte er noch weiter aufwachsen sehen, und auch der dringend ersehnte Besuch bei alten Bekannten in Israel steht noch aus.

Trotz aller Unsicherheiten und seiner Kritik an der Kirche steht Frieder Gölz hinter dem christlichen Glauben. „Ich gehör’ doch zu dem Verein“, sagt er lachend: „ Auch wenn mir an den überkommenen Formen und Formeln des kirchlichen Glaubens manches fragwürdig und fremd geworden ist:  wir können in die Worte unserer frommen Voreltern einstimmen, auch wenn wir nicht mit allem übereinstimmen. Aber das Letztere muss gesagt und gehört werden dürfen!“ Die Geschichte des Christentums fasziniert, das misstrauische Nebeneinander von Judentum und Christentum, wie auch die im deutschen Bürgertum verbreitete pauschale und realitätsblinde Verurteilung der Politik Israels bedrückt ihn. Was er sich für seine christliche Kirche wünscht, ist ein mutiges Zugehen auf Judentum und Islam; ein aufmerksames  Horchen auf die, die von „Gott“ anders reden als wir es gewohnt sind.

Friedrich Gölz wurde am 10. April 1927 in Stuttgart als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Luftwaffenhelfer und dann als Soldat der letzten Monate eingezogen wurde und seine vier älteren Brüder verlor, begann er 1945 sein Theologiestudium in Tübingen. Von 1954 bis 1960  war er im Auftrag der Basler Mission als Lehrer im Missionsseminar in Wuppertal-Barmen, bevor er ein Pfarramt in (Albstadt-)Tailfingen übernahm. 1962 promovierte er zum Dr. theol. mit dem Thema „Der primitive Mensch und seine Religion“. Nach fünf Jahren in Tailfingen trat er die Pfarrstelle in der Stuttgarter Haigstkirche an und war dann einige Jahre in der Pfarrer-Ausbildung tätig. Er unternahm viele Gruppen-Reisen nach Israel. Von 1981 bis zu seinem Ruhestand 1990 lebte er als Studenten- und Gemeindepfarrer in Hohenheim. Seine dortigen Predigten veröffentlichte er 1996 in dem Predigtband „Gehören die Christen zu Gottes Volk?“. Friedrich Gölz ist verheiratet, hat vier Kinder und zwölf Enkel.

Sabine Hellebrand


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