Das Gedächtnis der Kirche
Dietmar Wörz leitet die Zentrale Registratur im Evangelischen Oberkirchenrat
Der Gebäudekomplex in der Gänsheidestraße 4 liegt in bester Stuttgarter Halbhöhenlage. Er erlaubt einen großartigen Ausblick auf den Talkessel der Stadt. Von hier aus leitet der Oberkirchenrat die Evangelische Landeskirche Württemberg. Im Untergeschoss des Gebäudes befindet sich die Zentrale Registratur. Wer hierher kommt, sucht nicht Ausblick, sondern Einblick - in das, was in der Kirche passiert und was davon aufgezeichnet wurde.

- Dietmar Wörz freut sich über seinen Job.
Hier arbeitet Dietmar Wörz, der Herr über 1,7 km Akten. In der Zentralen Registratur werden alle Dokumente, also Briefe, Faxe und teilweise auch E-Mails, die an den Oberkirchenrat adressiert sind, abgelegt. Ein trockener Job? „Keineswegs“, schwärmt Dietmar Wörz von seiner Arbeit. „Man bekommt alles mit, was in der Landeskirche passiert und kann so an allen Freuden und Problemen Teil haben.“
Jeder Arbeitstag in der Zentralen Registratur bringt Einzelheiten aus den unterschiedlichsten Bereichen der kirchlichen Arbeit ans Licht. „Heute habe ich ein Dokument über das Engagement eines Pfarrers im Projekt ‚Grünes Klassenzimmer’ erhalten. Super, dass sich die Mitarbeiter der Kirche auch für solche Themen einsetzen.“ Beim Projekt geht es darum, junge Menschen für Natur und Umweltschutz zu begeistern. Dietmar Wörz wird das Dokument zur Personalakte des Pfarrers legen, so dass es jederzeit griffbereit ist.
Akten aus allen möglichen Ländern
„Einmal“, erzählt Dietmar Wörz, „kam Landesbischof July mit einem afrikanischen Bischof in die Zentrale Registratur, um dem Kollegen aus Kenia zu erklären, was hier gemacht wird. Wir haben Akten von allen Ländern, zu denen kirchliche Kontakte bestehen. Und als ich die Länderakte „Kenia“ öffnete, war sofort zu sehen, dass Bischof July zuvor die kenianische Gemeinde besucht hat“. Dietmar Wörz freut sich, dass das relevante Datenmaterial auf Anhieb am richtigen Ort gefunden wurde und er den ehrwürdigen Gästen gleich einen Überblick über den Verlauf der gegenseitigen Beziehungen präsentieren konnte.
Die Aufgabe der Zentralen Registratur ist die Schriftgutverwaltung und das bedeutet, so Dietmar Wörz, „Schriften gut verwalten“. Die Dokumente sollen schnell und zuverlässig wiedergefunden werden können, um sie der laufenden Verwaltungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Wenn beispielsweise ein Pfarrer für Renovierungsarbeiten an seiner Kirche Gelder beantragt, kann sofort geprüft werden, wann diese Gemeinde das letzte Mal finanzielle Mittel bekam und ob sie schon wieder an der Reihe ist.
Personalakten werden immer dicker
Nicht mehr benötigte Akten werden dem Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart-Möhringen zur Langzeitlagerung angeboten. Dort sind sie auch öffentlich einsehbar. Sie können beispielsweise Aufschluss darüber geben, wie sich die Kirche zur Apartheid verhalten hat oder Daten für soziologische Studien liefern.
„Früher waren die Akten dünn“, erklärt Dietmar Wörz und zeigt auf eine aus dem Jahr 1956. „Damals hat man die einzelnen Bearbeitungsschritte bis zur Erledigung auf das gleiche Dokument geschrieben.“ Mit der Entwicklung von modernen Bürogerätschaften sei immer mehr Papier verbraucht worden. Jeder Schritt stehe mittlerweile auf einem eigenen Blatt. Die Akte eines Pfarrers, der jetzt in den Ruhestand geht, sei genauso dick wie die Akte eines Theologiestudenten von heute.
„Ich bin ein Teil meines Teams“

- Sein Team ist Dietmar Wörz besonders wichtig.
Sein Team ist Dietmar Wörz besonders wichtig. Als er die Stelle vor sechs Jahren antrat, hat er viel angepackt. „Ich habe damals versucht, die Arbeitsabläufe unter betriebswirtschaftlichen Aspekten zu straffen und die EDV-Programme zu modernisieren. Bei allen Veränderungen war es mir besonders wichtig, mein Team mitzunehmen.“ Seine elf Mitarbeiter und er haben auch zusammen das große bunte Gemälde gestaltet, das mitten in der Registratur neben den Aktenregalen hängt. Die Gemeinschaftsaktion ist für ihn ein Sinnbild dafür, dass in seiner Abteilung jeder seinen Teil zum großen Ganzen beisteuert.
Humorvolle Einarbeitung
Für seine Mitarbeiter denkt sich Dietmar Wörz oft etwas Originelles aus. Neue Kollegen bekommen beispielsweise zur Einarbeitung das „Handbuch Registratur“ vorgelegt. Wer sich durch die ersten Seiten mit sachlichen Informationen gekämpft hat, trifft auf einen Fragebogen, in dem Begriffe erklärt werden. Da heißt es beispielsweise: „Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass eine Akte, die Sie auf den Weg schicken, nicht irgendwo liegen bleibt oder verloren geht?“ Daneben steht die richtige Antwort: „Natürlich nichts. Verhindern können Sie das allenfalls, wenn Sie das Aktenstück nicht aus der Hand geben oder sich drauf setzen“. Für eine Kollegin, die 42 Dienstjahre lang mit der Straßenbahn zur Arbeit fuhr, hat er an ihrem letzten Arbeitstag den Dienstwagen des Landesbischofs samt Chauffeur organisiert und die Kollegin nach Hause fahren lassen. Zurzeit freut er sich besonders, dass es gelungen ist, einen gehörlosen Kollegen in das Team zu integrieren.
Bandbreite der Aufgaben fasziniert
Zur Kirchenleitung kam Dietmar Wörz 1978 zunächst als Programmierer. Damals gab es dort nur eine elektronische Magnetkartenschreibmaschine. Wörz baute die EDV auf und betreute schließlich ein Netzwerk von 600 Computern. Doch nach 25 Jahren Technikerdasein wollte er sich beruflich noch einmal verändern. So bewarb er sich im Jahr 2003 auf die Stelle in der Zentralen Registratur und bekam sie. Die Jahre im Haus kamen ihm zugute, er kannte die Menschen, die Strukturen und die Inhalte. Dietmar Wörz gefällt seine Arbeit sehr gut. Am meisten fasziniert ihn die große Bandbreite seiner Aufgaben: die Vielzahl der täglich eintreffenden Dokumente zu bewältigen, die Themenvielfalt sachgerecht zu bearbeiten und mit seinen Mitarbeitern gemeinsam ständig neue Herausforderungen in EDV und Dokumentenmanagement zu meistern.
Freizeit als Imker und Opa
Nach der Arbeit fährt Dietmar Wörz nach Gärtringen. In der kleinen Gemeinde am Rand des Schönbuchs wohnt er mit seiner Frau, auch seine Tochter ließ sich mit ihrer Familie im Ort nieder. Zu Hause kümmert sich Dietmar Wörz um seine Bienen. Der Hobbyimker findet, dass seine Freizeitbeschäftigung Naturschutz pur ist: „Bienen helfen, die Vielfalt unserer Pflanzenwelt zu erhalten. 80 Prozent der gesamten Bestäubungsleistung hängt an der Biene.“ Dass es nebenbei noch leckeren Honig gibt, wissen auch seine Enkel zu schätzen. Dietmar Wörz ist nämlich auch „praktizierender“ Opa von eineinhalbjährigen Zwillingen.
Ulrike Dossow
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