Brücken bauen für mehr Verständnis in Europa
Der württembergische Pfarrer Dieter Heidtmann ruft Bürger dazu auf, zur Europawahl zu gehen
Dieter Heidtmann hat bereits an vielen Orten, zum Beispiel in Musberg, Waldenbuch, Crailsheim, Tübingen, Oxford, Bonn und Brüssel gelebt und gearbeitet. Der Vollbluteuropäer erklärt, wie die Gurkenverordnung, Orgelpfeifen, die Europawahl und das christliche Menschenbild unter dem Motto „Einheit in der Vielfalt“ zusammen hängen. Auch ruft er dazu auf, zur Europawahl am 7. Juni zu gehen.

- Dieter Heidtmann ist Vertreter der evangelischen Kirchen bei den europäischen Institutionen in Brüssel.
„Die EU wird häufig negativ dargestellt. Erinnern wir uns nur an die Gurkenverordnung“, gibt Heidtmann offen zu. Wobei die doch im Grunde eine praktische Sache sei. Da gehe man auf den Markt und wisse ganz genau, dass man für Kategorie eins immer dieselbe Qualität erhalte. „So etwas sollte es einmal für Touristenhotels geben“, schmunzelt er. Die EU habe doch eine Vielzahl guter Regelungen für die Bürger hervorgebracht: Zum Beispiel wurden die Roaming-Gebühren für Mobilfunktelefonate im Ausland auf einen bestimmten Betrag begrenzt. In der Spielzeugindustrie wurde der Verbraucherschutz verbessert, um die Kunden vor giftigem Spielzeug zu schützen. Heidtmann könnte noch viele weitere Beispiele nennen.
Ein Herz für die Einheit Europas
Studiert hat er Theologie in Tübingen, Bonn und Oxford. Als Pfarrer der evangelischen Landeskirche war er in Waldenbuch und Crailsheim tätig. Danach wechselte er zum Missionswerk in Südwestdeutschland und war dort für die Zusammenarbeit mit den Partnerkirchen in der Dritten Welt zuständig. Seit 2004 wohnt Heidtmann mit seiner Familie in Brüssel und ist als Vertreter der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) tätig.
Es zählt nicht, was trennt, sondern was vereint
Dieter Heidtmann ist in der KEK der Vertreter der GEKE. Bei der Frage nach den Themen, mit denen sich die GEKE zurzeit beschäftigt, fallen Heidtmann sofort die Stichworte Menschenrechte und besonders die Sterbehilfe ein. „In der Diskussion um die Sterbehilfe gibt es noch große Differenzen zwischen den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland.“ Man müsse versuchen, zu einer gemeinsamen Position zu kommen. „Es ist nicht immer einfach, 32 Kirchen aus 17 Ländern zu einer gemeinsamen Position zu bewegen.“ Aber gerade deshalb sei die Arbeit der Kirchen für die Institutionen der Europäischen Union so interessant. Im „Kleinen“ passiere hier nämlich das, was nachher im „Großen“ ablaufe. „Einheit in der Vielfalt“, dieses Motto lebt Heidtmann in seinem Beruf. Für ihn zählt nicht, was die Mitgliedsländer der Europäischen Union trennt, sondern was sie zu einer Gemeinschaft vereint. Aber der Grundsatz gilt auch für sein Leben. Das bedeute, an vielen Orten zu leben und ganz unterschiedliche Arbeitsplätze zu haben. Nun ist Heidtmann, nach seinem 19. Umzug, in Brüssel bei der KEK gelandet.
Protestanten für Einheit in Europa
Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist ein Zusammenschluss der protestantischen Kirchen in Europa. Sie versteht sich, gemäß ihrem Motto „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“, als die Stimme aller evangelischer Kirchen in Europa. Die GEKE ist ein Teil der Konferenz der europäischer Kirchen (KEK), einem Zusammenschluss der evangelischen, orthodoxen, anglikanischen und altkatholischen Kirchen sowie einiger Freikirchen. Sie stehen für die Ökumene in Europa.
Dialog zwischen Kirchen und europäischen Institutionen fördern

- Europa ist seine Leidenschaft.
„Notwendig ist es, den Dialog zwischen den Kirchen und den europäischen Institutionen zu fördern“, da ist sich Heidtmann sicher. Das hat er mit seinen Kollegen beispielsweise mit der Unterstützung des Lissabonner Vertrags getan. „Damit entwickelt sich die EU immer mehr von einer Wirtschafts- zu einer Wertgemeinschaft.“ Dazu gehöre auch, dass die Grundrechte und das christliche Menschenbild in der Charta verankert seien. „Die Integration der EU muss weiter gehen“, bekräftigt Heidtmann. Insbesondere müsse die EU ihre letzten großen Erweiterungen noch verarbeiten. Es sei wichtig, die Unterschiede, die zwischen Ost- und Westeuropa bestehen, zu verkleinern. Diese Gegensätze liefen auch quer durch die Konfessionen. So hätten deutsche Katholiken und deutsche Protestanten ganz ähnliche Positionen in Fragen beispielsweise zur Stammzellenforschung, der Stellung der Frau oder der Entwicklung der Wirtschaft. Dagegen wiederum hätten Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen aus Osteuropa ähnliche Einstellungen, die sich von denen der westlichen Länder unterschieden. „Ein gemeinsamer Austausch ist notwendig, um Brücken zu bauen. Denn es wird nur Frieden auf dem Balkan geben, wenn die Länder aus Osteuropa in die EU integriert werden. Die Kirchen tragen dazu bei, indem sie eine gemeinsame Position haben und mit einer Stimme sprechen.“
Weil die EU einen großen Einfluss auf die Gesetzgebung in den Nationalstaaten hat, ist Heidtmanns Wunsch für 2009: „Gehen sie am 7. Juni zur Europawahl. Denn 60 Prozent der politischen Entscheidungen werden in Brüssel getroffen. Die Abgeordneten sind die Vertreter der Bürger.“ Aber nur wenn das Parlament von der Bevölkerung getragen wird, könne es auch stark sein und die Integration in Europa voranbringen.
Ann-Kathrin Radig
Downloads
Druckfähiges Bildmaterial
Erklärung der Evangelischen Württembergischen Landessynode zur Zukunft Europas [PDF, 110 KB]




