„Man kennt sich näher, wenn man miteinander geht“
Der Pfarrer und Theologieprofessor Christian Dietzfelbinger wird 85 Jahre alt
Am 16. April 2009 wird der Pfarrer und Theologieprofessor Christian Dietzfelbinger 85 Jahre alt. Noch bis zum vergangenen Wintersemester lehrte er das Fach Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen. Dort ist er eine Berühmtheit.
Berühmt ist Dietzfelbinger vor allem für die Wanderungen und Spaziergänge, die er mit vielen seiner Studentinnen und Studenten unternahm und auf denen er mit ihnen über Theologie diskutierte: durch den Schönbuch und auf der Schwäbischen Alb, querfeldein meistens, auf den Spuren alter Römerstraßen, die längst unter Buchenschösslingen und Brombeergestrüpp verschwunden waren.
„Mühsam weglose Strecken überwindend, so wanderten wir“, erinnert sich Christian Dietzfelbinger und seine Augen blitzen hinter seiner eulenhaften Brille. „Ich trat heldenhaft so manche Dornenhecke nieder, die uns im Weg war, vergleichbar den Jünglingen im Märchen von Dornröschen.“
Allmählich sei ja nun doch das Alter zu merken. Aber 20 bis 25 Kilometer, das schaffe er noch, gemeinsam mit einer seiner Töchter oder auch mit ehemaligen Studenten. Es gefällt ihm, „einer gewissen wohltuenden Primitivität“ ausgesetzt zu sein, sich mit dem zu begnügen, was im Rucksack ist. Und: „Das Gehen hält lebendig, den Körper wie den Kopf. Man kennt sich näher, wenn man miteinander geht, man tauscht sich aus im Gehen.“ Es soll nicht wenige württembergische Pfarrerinnen und Pfarrerinnen geben, die bei diesen Spaziergängen zum ersten Mal komplizierte Glaubenssätze und schwierige theologische Zusammenhänge wirklich verstanden haben.
„Ottensoos – das kennen Sie nicht?“

- Christian Dietzfelbinger geht mit seinen Studenten gern spazieren - vorzugsweise auf alten Römerstraßen.
Aus Franken kommt Christian Dietzfelbinger ursprünglich, an seinem rollenden R kann man es noch hören. Genau genommen stammt er aus dem kleinen Dorf Ottensoos bei Nürnberg, wo sein Vater Pfarrer war. „Ottensoos – das kennen Sie nicht?“ fragt er mit gespielter Strenge. „Schämen Sie sich!“
Eine „tragende Tradition“ habe ihn umgeben in jenem Ottensoos – einengend sei die natürlich auch gewesen, aber in erster Linie doch tragend: „Die Beschränktheit des Dorfes – sie hatte etwas Bewahrendes.“
Von der geistig überaus lebendigen Mutter spricht er, die sich sicher gerne mehr entfaltet hätte und davon, welch große Rolle sie für sein inneres Dasein gespielt habe. Dann auch vom Vater, der für die neuen Fragen in Kirche und Theologie nicht sehr aufgeschlossen gewesen sei, aber ihm eine Substanz, ein Fundament mitgegeben habe, das auch noch trug, als der 18-Jährige 1942 Soldat werden mußte. Eine unhinterfragte, weitgehend unverstandene Kirchlichkeit und Christlichkeit sei das gewesen. „Vermutlich wäre ich einfach ein braver fränkischer Dorfpfarrer geworden, hätte es da nicht die Begegnungen mit den Theologen Friedrich Gogarten und Rudolf Bultmann gegeben.“
Die Wahrheit hinter den Texten
Glauben und Verstehen: Das sind für Dietzfelbinger nicht zwei Pole, sondern die beiden Seiten ein und derselben Medaille. „Der christliche Glaube braucht die Theologie, er braucht das Nachdenken“, davon ist er überzeugt. Durch kritisches Nachdenken könne unterschieden und versucht werden, Fehldeutungen und Missverständnisse auszuschließen.
Selber hören und denken lernen, sich nicht auf das Urteil anderer einfach zu verlassen, das sind Fähigkeiten, die er seinen Studenten beigebracht hat in den Vorlesungen und unzähligen Seminaren. Zu vielen von ihnen hat er heute noch Kontakt. Sie laden ihn ein, in ihren Gemeinden zu predigen und theologische Vorträge zu halten.
„Glauben und Verstehen, Band I“ so heißt dann auch ein Buch, das Dietzfelbinger besonders wichtig ist. Rudolf Bultmann hat es Anfang der 30er Jahre geschrieben. Eben jener Rudolf Bultmann, der später mit seinem „Entmythologisierungsprogramm“ berühmt und berüchtigt wurde. Christian Dietzfelbinger erinnert sich an eine Pfarrersversammlung, in denen Bultmann von aufgeregten Kollegen als Teufel und Antichrist bezeichnet wurde, weil er gefordert hatte, die Bibel in ihrem historischen Kontext zu betrachten und nicht als unhinterfragbares Gotteswort zu verstehen.
„Bultmann fragte nach der inneren Wahrheit der Texte. Nach der Wahrheit, die meine Existenz betrifft“, erklärt Dietzfelbinger, „Das ist Theologie. Theologe kann nur sein, wer sich ergreifen lässt von der Sache, wer glaubt und versteht.“

- Am liebsten sitzt Christian Dietzfelbinger auf einem Gymnastikball.
Akademische Arroganz ist Christian Dietzfelbinger fremd, da sind sich seine Studenten einig. Während viele seiner Kollegen in ihren Veranstaltungen in erster Linie selber sprechen, fragt Dietzfelbinger nach dem Urteil und der Meinung aller seiner Seminarteilnehmer. So entstand auch sein 2001 erschienener, fast 800 Seiten dicker Kommentar zum Johannesevangelium. Im Seminar untersuchte er mit den Studierenden den biblischen Text und brachte die Ergebnisse dann zu Papier. „Einige Tage später waren immer zwei von uns eingeladen“, erzählt eine ehemalige Studentin. „Es gab roten Tee und wir lasen den neuen Abschnitt des Kommentars Korrektur. Professor Dietzfelbingers wichtigste Frage war dabei jedes Mal: Kann man verstehen, was ich schreibe?“
Damals wie heute wohnt Christian Dietzfelbinger mit seiner Frau, die ebenfalls Theologin ist, im 13. Stock eines Hochhauses im Tübinger Stadtteil Waldhäuser-Ost. Bis an die Decke reichen die Bücherregale. Neben den theologischen Standardwerken sind auch die Großen der Literatur hier versammelt: Wilhelm Raabe, Jeremias Gotthelf, Eduard Mörike und all die andern. Abgegriffene Leinenbände, tausendfach umgeblättert, durchgearbeitet, wieder und wieder gelesen. Der Blick aus dem Fenster geht in die Weite, am Horizont ist die Linie der Albhochfläche zu erkennen: ein feiner Strich im Aquarell zwischen Himmel und Erde.
„Da müssen `s mir jetzt helfen!“
Anlässlich von Dietzfelbingers 85. Geburtstag wird es wieder eine Seminarsitzung geben. Ehemalige Studentinnen und Studenten sind eingeladen, sich mit zentralen Stellen aus dem Römer- und dem 2. Korintherbrief zu beschäftigen. Er wird alle ihre Namen kennen. Er wird sie aufrufen und dabei ertappen, dass ihre Griechischkenntnisse nicht mehr so glänzend sind. „Schämen Sie sich!“ wird er sagen. Und gleich darauf fragen: „Was versteht der Apostel hier unter „Glauben“? Da müssen `S mir jetzt helfen!“
Birgit Mattausch




