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"Schutzraum für Schutzleute"


Polizeiseelsorger Sebastian Berghaus im Interview

Jeden Tag sehen sich  Polizisten und Polizistinnen mit Gewalt konfrontiert und sorgen auf den Straßen für Recht und Ordnung. Doch wer kümmert sich um das Leid der Beamten? Sebastian Berghaus ist einer von rund 80 Polizeiseelsorgern. Diese treffen sich vom 27. Februar bis zum 1. März bei der Konferenz Evangelischer Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer (KEPP) in Bad Boll, um ihre Frühjahrstagung abzuhalten. Im Gespräch mit Jens Schmitt spricht Sebastian Berghaus über seine Arbeit.


Polizeiseelsorger Sebastian Berghaus [Foto | EMH]

elk-wue: Herr Berghaus, was sind die Aufgaben der Polizeiseelsorge?
Berghaus: Einerseits sind wir eingebunden in die polizeilichen Strukturen: Wir begleiten die Beamten auf Streife, beraten bei Kriseninterventionen und Großeinsätzen und sind für die Polizisten und Polizistinnen und ihre Familien Ansprechpartner. Wichtig dabei ist, dass wir nicht Teil der Polizei, sondern der Kirche sind. Das bedeutet, dass wir das Beichtgeheimnis wahren und auch vom Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht Gebrauch machen. Andererseits verantworten die Kirchen in Baden und Württemberg den berufsethischen Unterricht in den Polizeischulen. Wir bieten Fortbildungsseminare an, die den beruflichen Alltag unterstützen und den Polizeibeamten ermöglichen, ihre Tätigkeit zu reflektieren. Der Schwerpunkt liegt hierbei bei mehreren Themen: Grundlagen ethischer Urteilsfindung, Umgang mit gesellschaftlichen Randgruppen, belastenden Situationen und Stress, das Überbringen von Todesnachrichten oder die Frage, wie man sich gegenüber Kindern am Einsatzort verhält. Die Gespräche sind notwendig, weil die Respektlosigkeit und die Gewalt zunehmen.

elk-wue: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit von Polizeiseelsorgern und der Polizei?
Berghaus: Sehr wichtig. Wenn ein Beamter mit etwas zu kämpfen hat, denkt er nicht zuerst an uns Seelsorger. Doch die Polizei schätzt unsere Arbeit immer mehr. Teil unserer Aufgabe ist es, um das Vertrauen und die Beziehung zu den Polizisten und Polizistinnen zu werben. Wir müssen in den Institutionen, wie auch bei aktuellen Themen, präsent sein: Was belastet den Polizisten? Was bereitet ihm Freude im Beruf? Um das nachzuempfinden und zu verstehen, begleiten wir die Beamten im Streifenwagen, beteiligen uns an Besprechungen von Sonderkommissionen der Kripo und sind beispielsweise bei Krisenbesprechungen mit dabei. Wir versuchen ethische Grundsätze im polizeilichen Handeln gegenwärtig zu halten.

elk-wue: Wie stark wird die Seelsorge von den Polizeibeamten in Anspruch genommen?
Berghaus: Die Initiative geht selten von den Polizeibeamten aus. Wenn ich aber als Pfarrer komme und sage: "Mich interessiert was ihr da macht. Was sind das für Situationen, die ihr durchlebt? Wie nehmt ihr das wahr? Was geht euch dabei durch den Kopf?", habe ich noch nie eine Ablehnung erfahren. Im polizeilichen Alltag gibt es viel zu reflektieren. Die Gespräche reißen nie ab. Bei dieser Gelegenheit drücken wir den vielen Polizisten und Polizistinnen auch unseren Dank aus. Eine positive Würdigung seitens der Gesellschaft bleibt meist aus. Umso wichtiger ist es, dass wir das tun.

elk-wue: Was beschäftigt die Beamten?
Berghaus: Die zunehmende Konfrontation mit Gewalt und Respektlosigkeit wird viel diskutiert. Auch die Verunsicherung durch Reformen ist Gesprächsthema: Wo wird mein Arbeitsplatz demnächst sein? Eine Polizistin und alleinerziehende Mutter ist darauf angewiesen, dass ihr Arbeitsplatz auch künftig in der Nähe des Wohnortes ist. Bleibt das auch nach der Reform so? Ein anderes Thema, vor allem im ländlichen Bereich, ist die hohe Überalterung im Schichtdienst, gerade nachts. Wie hält man das körperlich und konstitutionell durch? Extremsituationen gibt es natürlich auch. Beispielsweise die Gefühle der Beamten, nachdem sie ihre Waffe benutzen mussten. Teilweise haben die Menschen Schweres erlebt. Gerade hier gilt es, die Betroffenen zu betreuen und zu begleiten.

elk-wue: Das Thema der Tagung in Bad Boll lautet "Wächteramt". Was ist der zentrale Gedanke der Tagung? Worum geht es?
Berghaus: Wir beschäftigen uns mit der Rolle der Kirche, wo Recht und Gesetz vom Staat ein Gewaltmonopol übertragen bekommen. Inwieweit steht es der Kirche nicht nur zu, sondern ist es ihre Aufgabe, als Wächter zu fungieren? Unsere Aufgabe ist es, den Beamten tröstend zur Seite zu stehen  und diejenigen zu stärken, die Gewalt ausüben müssen. Es geht nicht darum, dass die Kirche und ihre Vertreter sagen können, was gut und richtig ist, sondern zu zeigen, dass wir Menschen in der Polizei, aber auch die Institution Polizei, in dem Ringen um ein ethisch verantwortetes Umgehen mit Gewalt nicht allein lassen können. Sich dieser Verantwortung zu entziehen wäre der leichte Weg. Die Kirche hat sich aber entschlossen, diesen Menschen zur Seite zu stehen. Das wiederum erfordert, dass wir genau hinsehen: Was ist unsere Auftrag? Wie begründen wir diesen Auftrag biblisch? Dazu gehört auf der einen Seite, dass wir die Perspektive der Gesellschaft und der Politik beachten und auf der anderen, dass wir mit den Polizisten und Polizistinnen selbst ins Gespräch kommen. Uns beschäftigen Fragen wie: Wer passt auf die Beamten auf? Wer schärft ihr Gewissen im Umgang mit Gewalt? Die Konferenz gibt uns die Möglichkeit, diese Perspektive nicht allein aus Literatur und Wissenschaft wahrzunehmen, sondern mit Menschen direkt zu erörtern, die an diesem Thema dran sind. Da geht es um ein Ringen nach einem hilfreichen Beitrag der Kirche und dieses Ringen hat eine ganz ausdrückliche geistliche Grundlage.
Wichtig für das Selbstverständnis der Polizeiseelsorge ist folgender Ausdruck, den das Vorstandsmitglied der KEPP, Kurt Grützner, Landespolizeipfarrer in Kassel, geprägt hat: "Schutzraum für Schutzleute" Dieser Begriff bringt unser Wirken auf den Punkt, sowohl in der Ethik als auch in der Seelsorge.

elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!


Jens Schmitt
 


Weitere Informationen:


Mittwoch, 29. Februar 2012, 18 Uhr
Gottesdienst in der Stiftskirche Stuttgart mit Landesbischof Frank Otfried July

Mittwoch, 29. Februar 2012, 19.30 Uhr

Empfang des Innenministers des Landes Baden-Württemberg im Neuen Schloss





(Wieder)Eintritt in die Kirche
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