"Wenn wir draußen nicht im Gespräch sind, sind wir draußen"
Interview mit dem Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
100 Tage im Amt – das ist die allgemeine Schonfrist, die jeder bekommt, der eine neue Aufgabe übernimmt. Die bekam natürlich auch Oliver Hoesch, seit 1. September letzten Jahres Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Davor war er für das Wirtschaftsressort der Deutschen Welle in Berlin verantwortlich. Nach Ablauf der 100 Tage berichtet Oliver Hoeschaus seiner neuen Tätigkeit.

- Oliver Hoesch, Sprecher der evangelischen Landeskirche in Württemberg [Foto | privat]
Jürgen Kaiser: Oliver Hoesch, Sie sind ein "Nordlicht". Wie sind Sie denn in Schwaben aufgenommen worden?
Hoesch: Sehr gut! Ich bin auf wirklich großartige, kompetente und hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen getroffen – das war ein guter Start. Ich habe schnell verstanden, dass 100 Tage nicht reichen, in dieser großen Landeskirche herum zu kommen und einen tieferen Überblick zu gewinnen. Das wird noch eine ganze Weile dauern. Das, was ich bisher gesehen und erlebt habe, gefällt mir, und die Entscheidung für den "wilden Süden" habe ich noch keine Sekunde bereut. Ich muss aber gestehen: Von Stuttgarts Freizeitmöglichkeiten habe ich bisher noch nicht so viel mitbekommen. Das muss sich noch ändern.
Kaiser: Nun gab es ja nicht nur einen personellen, sondern auch einen strukturellen Wechsel. Bisher war der Pressesprecher im Evangelischen Medienhaus angesiedelt. Jetzt haben wir statt einem Pressesprecher, einen Sprecher der Landeskirche mit Sitz im Bischofsbüro. Hat sich das in diesen hundert Tagen bewährt?
Hoesch: Die Veränderungen zeigen: Es gibt für den Sprecher zusätzlich zur Leitung der Pressestelle im Medienhaus noch andere wichtige Arbeitsbereiche. Beispielsweise die strategische Kommunikation oder die mediale Begleitung des Landesbischofs. Um diese Aufgaben gut lösen zu können, ist eine gute Vernetzung im Oberkirchenrat unerlässlich. Außerdem bin ich auch Sprecher der Landessynode, die ihre Geschäftsstelle ebenfalls im Oberkirchenrat hat.
Nach hundert Tagen gibt es schon gute Erkenntnisse.
Oliver Hoesch
Deshalb arbeite ich momentan den größten Teil der Zeit – wenn ich nicht unterwegs bin – von meinem Büro in der Gänsheidestraße aus. Mindestens ein Tag in der Woche ist für das Medienhaus reserviert. Dass Oberkirchenrat und Medienhaus geographisch getrennt sind, ist in der Tat eine Herausforderung. Jetzt arbeiten wir daran, diese Konstruktion zu optimieren. Nach hundert Tagen gibt es dafür schon einige gute Erkenntnisse.
Kaiser: Sie gelten als der "Schatten des Bischofs". Wie ist denn die Zusammenarbeit mit Frank Otfried July?
Hoesch: Die Zusammenarbeit mit dem Landesbischof – ich sag’s jetzt mal flapsig – macht einfach Spaß! Man macht sich kaum ein Bild davon, wie viele Menschen und Gruppen an den Landesbischof öffentlich oder im Hintergrund herantreten, wie viele Gespräche und Begegnungen zu seinem ohnehin engen Terminplan hinzu kommen. Trotzdem ist er besonders bei medialen Fragen offen für Ideen, für Vorschläge, auch Dinge anders und neu zu denken. Auf dieser Basis kann viel Gutes gelingen. Deshalb kann ich an der Stelle uneingeschränkt sagen: Alles gut!
Kaiser: Nun ist es ja nicht so, dass Sie sich langsam in das Amt einarbeiten konnten, sondern Sie wurden direkt ins kalte Wasser geworfen. Es standen schon einige Personalquerelen auf der Tagesordnung, die noch lange nicht ausgestanden sind. Wie ist es Ihnen bei diesen "Highlights" ergangen?
Hoesch: Von 100 Tagen Schonfrist kann keine Rede sein! Da köchelt gerade einiges, wobei man eine professionelle Distanz bewahren und präzise arbeiten muss. Denn in Zeiten, in denen schon manche staatliche Gesetze immer weniger Akzeptanz finden, hat es die Kirche noch mal schwerer. Man muss immer noch einen Schritt weiter gehen, sich zu erklären: Warum gelten für Pfarrerinnen und Pfarrer besondere Regeln und Gesetze? Warum sollten die nicht leben, wie und mit wem sie wollen? Während manche Journalistenkollegen das nach detaillierten Erklärungen nachvollziehen können, finden andere das überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Grundlegende Sachverhalte und Hintergründe im immer schnelleren Recherchegeschäft zu vermitteln, ist eine schwierige Aufgabe, die nicht immer gelingt.
Man muss professionelle Distanz wahren.
Oliver Hoesch
Und dann ist es auch nicht so, dass diese Themen nur außerhalb der Kirche für Kritik sorgen. Diese werden ja auch innerkirchlich kontrovers diskutiert. Zu Recht, denn das ist typisch evangelisch. Wenn Sie aber oft nichts sagen dürfen, weil sich natürlich auch der Sprecher der Landeskirche an die Fürsorge- und Verschwiegenheitspflichten in Personalfragen halten muss, ist das eine echte Herausforderung. Und ich finde es ausgesprochen schade, dass einige – wie Sie sagen: "Highlights" – die flächendeckend und andauernd bewundernswerte Arbeit in Kirche und Gemeinden, auch der Diakonie, medial in den Hintergrund treten lassen. Von diesen schönen Dingen gibt es in der württembergischen Landeskirche nämlich weitaus mehr! Ich finde da jede Menge Substanz, die es gilt, auch medial relevant zu machen.
Kaiser: Bisher waren Sie auf der journalistischen Seite tätig. Jetzt sind Sie Sprecher der württembergischen Landeskirche. Wie unterscheiden sich diese beiden Tätigkeiten?
Hoesch: Ja, als "Chef vom Dienst" einer Fernseh-Nachrichtensendung ist man mit einer überschaubaren Zahl von Themen, die man verantwortet, beschäftigt. Als Sprecher gilt es zu einer Fülle von Themen Auskunft zu geben: Wo gibt es und wo gab es Fusionen von Kirchengemeinden? Wie steht die Landeskirche zu Willow Creek? Wie dazu, dass über Stuttgart21 am Ersten Advent abgestimmt wird? Wie entwickeln sich die Kirchensteuern oder die Mitgliederzahlen? Wann wird eine bestimmte Pfarrstelle wieder besetzt? Wie kriegt man es hin, dass keine Hochzeitstauben mehr geschwächt im Pfarrgarten liegen? Und, und, und...
Jeder Pfarrer, jede Predigt, jede Amtshandlung ist Teil der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit.
Oliver Hoesch
Von der Arbeitsweise her fühle ich mich immer noch als Journalist. Es gilt noch immer, Themen zu recherchieren, Informationen, Positionen, Meinungen zusammenzutragen und verständlich aufzubereiten. Das ist genuin journalistische Arbeit. Aber dann geht es natürlich noch einen Schritt weiter: Diese zusammengetragenen Informationen werden teilweise auch als Vorlage für Entscheidungen und für konzeptionelle Überlegungen genutzt. Aber vergessen sollten wir nie: Jede Pfarrerin, jeder Pfarrer, jede Predigt, jede Amtshandlung ist Teil der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit. Nicht nur das, was zentral abgesendet wird.
Kaiser: Was haben Sie denn vor in ihrer Zeit noch umzusetzen? Was steht in nächster Zeit noch auf ihrer Agenda?
Hoesch: Wir haben mit Vielem schon gut begonnen: Dass Öffentlichkeitsarbeit und professioneller Umgang mit den Medien als wichtig erkannt ist und ausgebaut werden muss, muss jetzt noch weiteren strukturellen Niederschlag finden. Die Medienwelt bewegt sich in einem atemberaubenden Tempo, darin liegen viele Chancen für Kirche – aber nur, wenn wir auch zupacken! Anders gesagt: Wenn wir draußen nicht im Gespräch sind, sind wir draußen!
Kaiser: Oliver Hoesch, besten Dank für das Gespräch!
Das Interview führte für die Pfarrerzeitschrift "Für Arbeit und Besinnung" (AuB), erschienen am 1. Januar 2012, Jürgen Kaiser. Mit Erscheinen der zweiten Ausgabe am 15. Januar 2012, steht das Interview nun auch online zur Verfügung.




