"Theologen sind nicht die besseren Politiker"
Der neue Heilbronner Prälat Harald Stumpf will sich für sozial Benachteiligte einsetzen
"Gute Arbeit kann nur aus der Ruhe heraus entstehen", davon ist Prälat Harald Stumpf überzeugt. Deshalb will er sich auch künftig kreative Freiräume schaffen. Das gebe ihm Kraft, sich für sozial Benachteiligte einzusetzen und ein guter Berater für Pfarrerinnen und Pfarrer zu sein. Nicole Marten hat mit ihm gesprochen.

- Harald Stumpf ist neuer Prälat von Heilbronn. [Foto: privat]
elk-wue: Sie waren ja Gemeindepfarrer, Leiter des Bischofsbüros und zuletzt Dekan in Freudenstadt. Nun sind Sie Prälat von Heilbronn. Welche Erfahrungen aus Ihren vorangegangenen Tätigkeiten wollen Sie als Prälat einbringen?
Harald Stumpf: Ich war mit Leib und Seele Gemeindepfarrer – die Seelsorge, also das Gespräch, mit dem man Menschen begleitet, war dabei für mich immer wichtig. Außerdem liebe ich das Predigen und die persönlichen Begegnungen mit Menschen vor Ort. Das wird auch weiterhin zu meinen Aufgaben gehören. Etwa in der Beratung von Kirchengemeinden, wenn sie eine Pfarrstelle neu besetzen oder wenn sie in Konfliktsituationen stehen. Außerdem bin ich als Prälat weniger Dienstvorgesetzter als vielmehr Seelsorger für die Pfarrerinnen und Pfarrer – da möchte ich Ansprechpartner sein. Und natürlich werde ich immer wieder in verschiedenen Gemeinden predigen.
Im Bischofsbüro habe ich gelernt, gesellschaftliche Entwicklungen wach zu beobachten, in größeren Zusammenhängen zu denken. Bei den gesellschaftlichen Fragen ist wichtig zu fragen, wo wir als Kirche Orientierung oder Hilfe anbieten können – und diese Hilfe dann auch zu geben.
elk-wue: Haben Sie hierfür ein Beispiel?
Stumpf: Kirche muss für andere da sein – zum Beispiel für arme Menschen. Wir können ganz konkret helfen, diese Armut zu lindern, zum Beispiel mit Tafelläden. Als Prälat ist es mir auch wichtig, mich bei den in Politik und Gesellschaft Verantwortlichen für die Belange der Armen einzusetzen. Ich denke da zum Beispiel an Obdachlosenunterkünfte. Da gibt es noch viel zu tun. Als Dekan in Freudenstadt war für mich auch das Thema Alters- und Familienarmut wichtig. Wir haben dort zum Beispiel einen Laden für den "schmalen Geldbeutel" eingeführt. Ich möchte mich für die Rechte von Armen und Benachteiligten einsetzen. Nicht, weil Theologen die besseren Politiker sind, sondern weil die Kirche auch den Auftrag hat, sich um diejenigen zu kümmern, denen es nicht gut geht.
Ich möchte mich für die Rechte von Armen und Benachteiligten einsetzen, weil die Kirche den Auftrag hat, sich um diejenigen zu kümmern, denen es nicht gut geht.
Harald Stumpf
elk-wue: Welche weiteren Schwerpunkte wollen Sie als Prälat setzen?
Stumpf: Als Prälat bin ich gewiesen, mich um die Dekane, Dekaninnen, Pfarrerinnen und Pfarrer zu kümmern. Das heißt konkret: Seelsorge an Seelsorgenden anzubieten. Dazu ist allerdings Vertrauen eine wichtige Voraussetzung. Deshalb werde ich zunächst erst einmal das Gespräch mit den Beteiligten suchen – und doppelt so lange zuhören wie reden. Ich will sehr bewusst zuhören, was die Probleme sind, in Begegnungen mit Menschen präsent sein. Der Mensch, der mir im Gespräch gegenüber sitzt, ist in diesem Moment für mich am wichtigsten.
elk-wue: Welche Herausforderungen sehen Sie in Ihrem neuen Amt – und wie wollen Sie diese meistern?
Stumpf: Der demographische Wandel wird uns auch als Kirche betreffen. Da stellt sich für uns die Frage: "Wie können wir die Strukturen so aufstellen, dass Kirche präsent ist – auch dann, wenn es weniger Pfarrerinnen und Pfarrer gibt?" Gerade im ländlichen Raum ist das ein wichtiger Punkt. Vielleicht müssen Gemeinden zusammengelegt, Gemeindegrößen verändert werden. Das hat auch eine finanzielle Seite: Momentan haben wir viele Einnahmen. Wir müssen sehen, wie wir künftig auch mit weniger Geld gut auskommen. Solche Veränderungen lassen sich nicht einfach von oben verordnen, wir müssen mit den Gemeinden vor Ort im Gespräch sein – und dann mit den Beteiligten die beste Lösung herausfinden und umsetzen. Eine weitere Frage ist die, wie wir die Pfarrerinnen und Pfarrer langfristig entlasten können. Beispielsweise, indem wir zentrale Kirchenpflegen oder Verwaltungen einführen, damit unsere Theologen und Theologinnen ihre eigentlichen Aufgaben wahrnehmen können.
Nur, was wir mit Freude tun, machen wir auch gut.
Harald Stumpf
elk-wue: Sie sind von Freudenstadt nach Heilbronn umgezogen. Welchen Unterschied macht das für Sie?
Stumpf: Uns als Familie ist der Abschied nicht leicht gefallen. Freudenstadt ist eine unglaublich lebens- und liebenswerte Stadt mit einem hohen Freizeitwert. Aber in Heilbronn gibt es ein tolles kulturelles Leben. Die Stadt hat hier unglaublich viel zu bieten. Und das Umland mit den Weinbergen ist wunderschön.
elk-wue: Sie haben auch ein Jahr lang in Vancouver/Kanada studiert. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Stumpf: Ich wollte damals eigentlich nach Amerika zum Theologie-Studium. Aber dort habe ich keine Partner-Universität mit guter theologischer Fakultät gefunden. Und in Vancouver gab es dann eine Möglichkeit. Was mich dort sehr fasziniert hat: Das Studium war auch interdisziplinär angelegt. Beispielsweise haben Mediziner dort auch Theologie studiert. Es war sehr spannend, mit Studenten aus anderen Fachgebieten ethische Fragen zu diskutieren. Außerdem hat sich mein Blick für die Ökumene sehr geweitet: Ich besuchte in Kanada ganz unterschiedliche Gemeinden, Anglikaner, Presbyterianer und viele freie Gemeinden. Vancouver hat meine liebe zur weltweiten Ökumene geprägt. Die Kirche Jesu Christi ist größer als Württemberg.
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Prälat Harald Stumpf wird in sein Amt eingeführt

Beitrag von Kathrin Lischke für Radio Ton.
elk-wue: Als Prälat haben Sie viele Termine, die sie wahrnehmen müssen. Wie wollen Sie mit dem Termindruck und steigenden Anforderungen umgehen, um sich nicht zu überfordern?
Stumpf: Ich habe schon immer darauf geachtet, dass ich mir Freiräume schaffe – um geistlich aufzutanken, aber auch um meine Hobbies zu pflegen. Oder einfach, um als Mensch zu leben. Ich gehe zum Beispiel gerne wandern oder auch lange spazieren, oder fahre Ski. Und sehr oft unternehme ich etwas mit meiner Familie. Daraus schöpfe ich viel Kraft, bekomme neue Ideen für meine Arbeit - und auch neue Freude daran. Und nur, was wir mit Freude tun, machen wir auch gut. Das geht nicht gut, wenn wir immer nur gehetzt sind. Gute Arbeit kann nur aus der Ruhe heraus entstehen. Und das möchte ich mir als Prälat auch gönnen. In so einem Amt sind natürlich immer sehr viele Dinge und Termine wichtig. Aber auch das Leitungsamt braucht Freiräume für die eigene Kreativität. Das habe ich als Dekan den Pfarrerinnen und Pfarrern immer wieder gesagt. Und ich hoffe, dass ich mir das erhalten kann.





