"Als Außenstehender ist man hilflos"
Interview mit der ehemaligen Missionarin Christine Gühne
Die Lage in Mubi im Nordosten von Nigeria, ist heikel. Schon seit 2009 wird das Land von heftigen Unruhen heimgesucht, die von der islamistischen Sekte Boko Haram ausgehen. Pfarrerin Christine Gühne war, zusammen mit ihrer Familie, von 2007 bis 2010 vor Ort als Missionsbeauftragte tätig und berichtet im Interview über die neusten Entwicklungen.

- Pfarrerin Christine Gühne, ehemalige Missionarin bei mission 21. [Foto | Christine Gühne]
elk-wue: Frau Gühne, wie kam es dazu, dass sie nach Nigeria gegangen sind?
Gühne: Mein Mann und ich wollten schon immer nach Afrika. Wir wurden auf eine offene Stelle vom evangelischen Missionswerk Basel für Missionsarbeit in Nordnigeria aufmerksam und haben uns darauf beworben.
elk-wue: Nun sind Sie ja wieder in Deutschland. Hatte das einen bestimmten Grund?
Gühne: 2007 sind wir in Nigeria angekommen. Wir hatten einen Drei-Jahresvertrag unterschrieben und wollten nach dessen Ablauf den Aufenthalt für ein Jahr verlängern, um die Arbeit intensivieren zu können. 2009 gab es dann aber die ersten Unruhen der islamistischen Terrorsekte Boko Haram. Die Situation wurde uns zu gefährlich Deshalb haben wir uns zu unserer eigenen Sicherheit dazu entschieden, die Heimreise anzutreten.
elk-wue: Was waren ihre Aufgaben in Nigeria? Wie sieht ein Tag als Missionarin aus?
Gühne: Ich habe bei einem Projekt namens „Theological Education by Extension” (TEE) mitgearbeitet. TEE ist ein breit angelegter Fernstudiengang zur theologischen Aus- und Weiterbildung. Am Tagesanfang gab es meist ein Morgengebet zusammen mit den Nigerianern vom Team. Bei den Projekten arbeiten die Missionare immer mit den Menschen vor Ort zusammen. Nach der Andacht haben wir einzelne TEE-Klassen besucht, Unterrichtsmaterial erstellt, am Lehrplan gearbeitet und die Teilnehmer des Programms in Glaubensfragen unterrichtet. Das Programm ist für Menschen gedacht, die mehr über ihren Glauben und ihr Leben in Erfahrung bringen möchten. Entgegen der landläufigen Meinung ist diese Arbeit nicht irrelevant. Die Menschen ziehen praktische Folgerungen aus dem Gelernten. Sie erhalten beispielsweise eine andere Sichtweise zur Beziehung zwischen Frauen und Männern, zum Familienleben oder zur Gesundheitsvorsorge. Speziell was HIV-Aufklärung und die Bekämpfung von Infektionen angeht. Die Teilnehmer lernen, wie sie das in ihren Gemeinden einbringen und umsetzen können.
elk-wue: Welche Ziele haben die Hilfsorganisationen in Nigeria allgemein?
Gühne: Hauptsächlich geht es um die Demokratisierung des Landes und die Bekämpfung von Korruption. Nigeria ist der sechsgrößte Öllieferant der Welt. Es geht also um viel Geld und demzufolge auch um Macht. Die Hilfe kommt an der Basis des Landes deshalb nicht an, weil die ganze Politik korrupt ist.

- Christine Gühne besucht mit ihren beiden Kindern eine ganz normale nigerianische Familie - ein sichtbarer Beweis dafür, wie jung das Land ist und wie schnell die Bevölkerung wächst. [Foto | Christine Gühne]
elk-wue: Inwieweit hat sich die Situation im Land verändert?
Gühne: Der radikale Islamismus ist stärker geworden. Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Die Hälfte der Bewohner gehört dem Islam an. Würden sie das Land im Ganzen gewinnen, würde sich der Einfluss der Islamisten extrem erhöhen. Sie sind sehr stark engagiert. Überall in den Dörfern, wo es kein staatliches Schulwesen mehr gibt, werden neue Koranschulen erbaut.
elk-wue: Wie schätzen sie die aktuelle Situation in Nigeria nach den derzeitigen Ausschreitungen ein?
Gühne: Sehr, sehr gefährlich. Die Islamisten sind besser bewaffnet und besser organisiert als der staatliche Sicherheitsapparat, der zudem noch total unterwandert ist. Die Gefahr ist, dass die Boko Haram die öffentliche Ordnung dermaßen stört, dass das bestehende System in anarchische Zustände abrutscht. Dann kann es auch zum Bürgerkrieg kommen. Die Menschen fühlen sich nirgendwo sicher. Wir stehen noch immer in Kontakt mit amerikanischen Freunden vor Ort: Sie berichten uns, dass die Menschen in den Bergen und in ihren Heimatdörfern Zuflucht suchen. Die große Frage ist, wie sich die Situation wieder stabilisieren lässt. Das Prinzip aller modernen Regierungen, dass nur die staatlichen Organe die Legitimation zur physischen Gewaltausübung besitzen, existiert hier nicht. Die Gewalttäter werden wegen der korrupten Unterwanderung des Staates nie zur Rechenschaft gezogen.

- Die EYN ist eine vor allem in ihren Frauengruppen an der Basis starke Kirche, die mitten in Armut und Not auf begeisternde Weise das Lob Gottes singt. [Foto | Christine Gühne]
elk-wue: Wie reagiert man als Friedensvermittler auf diese Situation?
Gühne: Als Außenstehender ist man hilflos. Man kennt sich mit den tiefen Strukturen des Landes nicht aus. Als Helfer kann man den Menschen, wie unsere Freunde das tun, höchstens Zuflucht bieten. Gegen die Gewaltausschreitungen ist man machtlos. Diese Dinge kann man nur der internationalen Politik überlassen, für ausländische Helfer ist das viel zu gefährlich.
elk-wue: Wie wird sich die Lage in Nigeria in nächster Zeit weiterentwickeln?
Gühne: Das ist nicht abzusehen. Es sind viele Szenarien möglich. Auch wenn sich die Situation beruhigt, folgt wenig später die nächste Krise. Die Zeit zwischen den Ausschreitungen verkürzt sich immer mehr. Wir sprechen hier von tief sitzenden Problemen, die in absehbarer Zeit nicht zu lösen sind. Es könnte auch sein, dass sich dauerhaft eine Spaltung von Christen und Muslimen entwickelt. Das hätte zur Folge, dass die christliche Minderheit dort nicht mehr leben könnte. Das wäre der denkbar schlimmste Ausgang.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Jens Schmitt.




