"Die meisten Flüchtlinge sind aus Afghanistan und dem Irak"
Interview mit dem Stuttgarter Asylpfarrer Werner Baumgarten
Der Stuttgarter Asylpfarrer Werner Baumgarten sagt am Tag des Flüchtlings (30. September), dass die meisten Flüchtlinge in Deutschland aus Serbien kommen. Die Medien zeichneten ein Bild, das so nicht zutrifft.

- Stuttgarts Asylpfarrer Werner Baumgarten. [Foto: Factum]
elk-wue: Somalia, Lampedusa, Irak, Afrika: viele Menschen sind auf der Flucht. Über manche Flüchtlingslager wurde in den vergangenen Wochen viel berichtet – und jetzt ist das Thema doch wieder aus dem Blickfeld geraten. Wo brennt es denn am meisten?
Baumgarten: Der Mittelmeerraum ist ein großer Brennpunkt. Menschen aus Afghanistan, dem Irak, dem Iran sind auf der Flucht, landen in Griechenland. Die Flüchtlinge aus den Ländern des Arabischen Frühlings sind in Lampedusa angekommen – und werden wieder zurück geschickt. Neulich hat dort eine Sammelstelle für Flüchtlinge gebrannt, die Menschen wurden mit Steinen beworfen. In Griechenland werden jetzt – auf Druck der EU – Mauern gebaut, um die Flüchtlinge abzufangen. Sie vegetieren auf der Straße.
elk-wue: Woher kommen die meisten Flüchtlinge?
Baumgarten: Im ersten Halbjahr 2011 sind in Deutschland 20609 Flüchtlinge angekommen. An erster Stelle sind Menschen aus Afghanistan zu nennen (3.883 Personen), an zweiter Flüchtlinge aus dem Irak (2.877), an dritter Stelle Personen aus Serbien (1.681), an vierter Menschen aus dem Iran (1.382) und an fünfter Menschen aus Syrien (1.089). Unter den ersten zehn Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, ist nicht ein afrikanisches Land. Wir haben ja in Deutschland den Eindruck, die meisten Menschen kommen aus Afrika zu uns. Das ist aber falsch. Die Medien liefern spektakuläre Bilder aus Südeuropa, aber das trifft die Situation in Deutschland nicht. Bei uns sind andere Herkunftsländer dominierend. Außerdem bleiben 95 Prozent der afrikanischen Flüchtlinge auf afrikanischem Boden.
elk-wue: Serbien steht an dritter Stelle – das ist doch aber ein europäisches Land? Baumgarten: Serbien hat – wie viele ehemalige Länder des Ostblocks – ein Problem mit Sinti und Roma. Mit 12 bis 14 Mio. Menschen ist das die größte ethnische Minderheit in der EU. Auch in Bulgarien, Ungarn, Tschechien oder dem Kosovo haben sie keine vernünftigen Minderheiten rechte. Vielfach wurden Angehörige dieser Ethnien in der sozialistischen Ära eingegliedert, durch spezielle Programme. Das endete häufig nicht gut.
elk-wue: Woher kommen dann die starken Diskriminierungen mitten in Europa?
Baumgarten: Ich kann es mir eigentlich nur so erklären, dass die Menschen aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks sehr stark vom Hören auf die Obrigkeit geprägt sind. Wenn die Obrigkeit aber nicht mehr sagt, dass Minderheiten zu akzeptieren oder einzugliedern sind in die Gesellschaft, dann fällt der Eingliederungsdruck weg. In Ungarn haben wir es beispielsweise mit einer sehr rechts gerichteten Regierung zu tun. In Tschechien läuft das mehr auf kommunaler Ebene, da gibt es regelrechte Ghettos. Und im Kosovo – übrigens die Nummer acht unter den Top Ten – heißt es, die Roma hätten mit den Serben gegen die Kosovaren gekämpft. In Serbien haben die Roma quasi keine wirtschaftliche Chance, die Häuser, in denen sie wohnen sollen, sind oft nicht bewohnbar, sie haben meist keinen Zugang zur Bildung – und damit keine Chance auf Berufsausbildung oder einen guten Job.
elk-wue: Was kann das Land für die Flüchtlinge tun?
Baumgarten: Das erste ist, dass man sie vernünftig unterbringt – ihnen eine Wohnung gibt, aber auch Zugang zur Schulbildung. Außerdem sollte der Bundesgrenzschutz die Leute nicht am Flughafen abfangen, um sie wegen illegaler Einreise für ein halbes Jahr ins Gefängnis in Stuttgart-Stammheim zu stecken, sondern sie in die zentrale Aufnahmestelle nach Karlsruhe bringen. Eine gute Sache ist, dass wir derzeit einen Abschiebestopp für Sinti und Roma aus Serbien haben - und ich hoffe, dass dieser befristete Abschiebestopp verlängert wird.
elk-wue: Was kann denn der Einzelne tun, um Ihr Anliegen zu unterstützen?
Baumgarten: Jeder hat doch einen Abgeordneten im Parlament. Diese könnte man ansprechen oder anschreiben – um ihnen zu sagen, dass die Flüchtlinge in Baden-Württemberg doch eine recht überschaubare Anzahl an Menschen darstellen. Außerdem sollten wir unsere Politiker darauf aufmerksam machen, dass wir diese Menschen schnell in unsere Gesellschaft integrieren sollten – das tut den Menschen gut, aber auch der Gesellschaft: Viele Flüchtlinge – mit Ausnahme der Sinti und Roma – sind nämlich sehr gebildet und hoch qualifiziert. Außerdem müssen wir auch darauf hinwirken, dass der Text unseres Grundgesetzes neu wahrgenommen wird: Das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht, das die Betroffenen "genießen" sollen: "Politisch Verfolgte genießen Asyl", heißt es im Gesetzestext. Und die Kirche hat einen besonderen biblischen Auftrag, sich um Fremde und Flüchtlinge zu kümmern. Das wird immer in einem Atemzug mit den Witwen und Waisen genannt.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Nicole Marten





