Auf einem schwierigen, aber guten Weg
Interview mit der Beauftragen für Chancengleichheit, Ursula Kress
Kürzlich wurde der Oberkirchenrat mit einem Preis der Bundesregierung für Chancengleichheit ausgezeichnet. Total e-Quality heißt das Siegel, und es ist drei Jahre lang gültig. Im Interview spricht Ursula Kress, Beauftragte für Chancengleichheit im Evangelischen Oberkirchenrat über veraltete Rollenbilder und die die Schwierigkeiten, Frauen in der Kirche in Führungspositionen zu bringen.

- Ursula Kress, Beauftragte für Chancengleichheit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg [Foto: EMH]
elk-wue: Das Verhältnis Männer zu Frauen beträgt bei den Oberkirchenräten sechs zu eins, bei den Prälaten drei zu eins, bei den Dekanen 47 zu fünf. Hat der Oberkirchenrat bzw. die Landeskirche den Preis verdient?
Kress: Sie haben Recht, wir sind beim Thema Frauen in Führungspositionen noch ein gutes Stück von unserem Ziel entfernt. Viele dieser Leitungsstellen sind Wahl- bzw. Benenungsverfahren. Chancengleichheit ist in solchen Wahlverfahren schwer durchzusetzen. Immerhin kann man auf EKD-Ebene feststellen, dass es wieder mehr Bischofskandidatinnen gibt: Nehmen Sie beispielsweise Westfalen. Und nicht zu vergessen: Unsere Synode hat eine Präsidentin. Außerdem fangen gleiche Chancen im Beruf klein an: Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Beispiel. Da haben wir in den vergangenen Jahren einiges auf den Weg gebracht. So gibt es seit drei Jahren eine gemeinsame Kindertagesstätte des Oberkirchenrats, der Robert-Bosch-Stiftung und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Außerdem hat beispielsweise der Anteil an Beamtinnen und Frauen in Referatsleitungen, Juristinnen und Frauen in mittleren Führungspositionen im OKR deutlich zugelegt. Darüber hinaus bieten wir so genannte Kontakthalte-Tage an für Frauen und Männer in der Elternzeit. So verlieren wir zu diesen Kolleginnen und Kollegen nicht den Kontakt. Des Weiteren unterstützen wir auch Mitarbeitende, die einen Angehörigen zu Hause pflegen wollen – durch Teilzeitmodelle, Freistellung, und flexible Arbeitszeitmodelle.
elk-wue: Aber das ist Ihnen noch nicht genug…
Kress: Genau. Wir wollen, dass sich noch viel mehr ändert vor allem, dass sich familienbewusste Personalpolitik rechnet. In Zielbereichen wie Motivation, Fehlzeiten und Arbeitszufriedenheit leistet die Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen positiven Beitrag. Wir haben auch – speziell im Pfarrdienst – eine "Verausgabe- und Präsenzkultur". Das bedeutet, wir sind vom Gefühl her mit unserer Arbeitskraft erst dann etwas wert, wenn wir uns so richtig verausgaben und dabei zu 100 Prozent präsent sind. Wer längere Zeit nicht da ist, weil er oder sie in Elternzeit war oder eine anderweitige Auszeit genommen hat, also eine Erwerbsunterbrechung hat, hat sich eine Barriere für die Karriere aufgebaut. Das müssen wir ändern, auch wenn sich unsere Kultur damit schwer tut.
Das Prädikat Total e-Quality
Organisationen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung sowie Verbände mit in der Regel mindestens 15 Beschäftigten, die in ihrer Personal- und Organisationspolitik erfolgreich Chancengleichheit umsetzen, werden mit dem Prädikat Total e-Quality ausgezeichnet. Der Begriff steht für Total Quality Management (TQM), ergänzt um die Gender-Komponente (Equality). Das Prädikat umfasst eine Urkunde und einen Ehrenpreis für Nachhaltigkeit, verbunden mit dem Total-e-Quality-Logo, das in allen Innen- und Außenbeziehungen der Organisationen zur Präsentation und Imagepflege verwendet werden kann. Der Evangelische Oberkirchenrat erhielt die Auszeichnung nun zum dritten Mal. Weitere Informationen zur Auszeichnung Total e-Quality finden sich unter: http://www.total-e-quality.de/
elk-wue: Wie wollen Sie das erreichen?
Kress: Wir müssen Arbeitszeitkonten einführen und Strukturen schaffen, die das Home-Office einschließen. Oft wollen Frauen, die nach der Elternzeit mit einer 50-prozentigen Stelle wieder in das Berufsleben eingestiegen sind, nach einigen Jahren aufstocken, beispielsweise auf 70 Prozent. Meist gibt es dafür aber keine Stellen – so sind sie in einem Kreislauf gefangen. Bei Kirchengemeinderäten kommt es manchmal auch vor, dass sich das Gremium einen "Herrn Pfarrer" wünscht, weil der die Frau dann schon mitbringt. Insgeheim gehen die Menschen vor Ort dann davon aus, dass sich die Ehefrau eines Pfarrers auch stark ehrenamtlich im Gemeindeleben engagiert. Bewirbt sich eine Frau auf die Pfarrstelle, dann heißt es oft: "Ja, schafft die denn das auch?" Besonders dann, wenn sie Kinder hat. Auch hier muss ein Umdenken geschehen.
elk-wue: Es handelt sich also im Wesentlichen um eine Strukturfrage. Gibt es weitere Gründe, warum weniger Frauen in den höchsten Ämtern sind?
Kress: Viele Frauen, besonders Kirchenfrauen, wollen in Harmonie mit dem oder der Nächsten leben. Als Führungskraft muss ich aber auch mal hin stehen, unangenehme Entscheidungen treffen. Da ecke ich an, da muss ich etwas aushalten. Viele Frauen wollen das nicht. Bisweilen lassen Frauen sich aber auch von lieb gewordenen Überzeugungen und etlichen Ambivalenzen zurückhalten. Enorm widerstandsfähig sind dabei sogenannte Strategien der Selbst-Sabotage. Das sind Sätze wie: "Was zählt, ist schlussendlich die fachliche Leistung!" Ein von Frauen bevorzugter Lösungsweg ist zum Beispiel die Weiterbildung. Oder auch "Warten wird belohnt" – irgendwann wird es sich auszahlen. Viele Frauen haben zudem Probleme mit der Selbstdarstellung. Sie lehnen dies als "Angeberei" ab, wollen sich nicht verbiegen. Diese Überzeugungen vieler Frauen erfüllen wichtige Aufgaben. Sie schützen vor Niederlagen, vor großen Ängsten, schweren Abschieden und vor den Gefahren der Sichtbarkeit. Das ist der Gewinn. Sie haben aber auch einen Preis: Sie versperren die Aussicht auf neue Horizonte jenseits der eng begrenzten Möglichkeiten. Keine Frau, die über mehr Einfluss nachdenkt, kommt um die Güterabwägung herum. Zu den Strategien der Selbstermächtigung gehört es, sich bewusst und absichtsvoll dem Feld unterschiedlicher Interessen zuwenden, mögliche Partner, Partnerinnen und Verbündete zu identifizieren und Beziehungen gezielt zum eigenen Vorteil zu nutzen. Diese Gründe machen zwar – verglichen mit den Strukturproblemen – nur einen kleinen Teil dessen aus, warum Frauen noch nicht so weit sind, wie sie sein könnten, aber es ist eben auch eine Hürde.
Das Büro der Beauftragten für Chancengleichheit
Seit 1. Januar 1994 gibt es das Büro der Frauenbeauftragten, eingerichtet als Stabsstelle beim Direktor/der Direktorin des Evang. Oberkirchenrats. Seit dem 1. Juni 2007 lautet der neue Name: "Büro der/des Beauftragten für Chancengleichheit von Frauen und Männern". Die Beauftragte für Chancengleichheit macht die Situation der Frauen und Männer in der Kirche sichtbar und erarbeitet Maßnahmen, die bestehenden Benachteiligungen aufzuheben. Dazu nimmt sie Anregungen und Fragen auf, die Frauen und Männer in der Kirche betreffen. Weitere Informationen: http://www.buero-fuer-chancengleichheit.elk-wue.de
elk-wue: Ein vernachlässigtes Problem sind auch die Pfarrmänner: Also die Ehemänner der Pfarrerinnen, die selbst einem anderen Beruf nachgehen. Mit welchen Problemen hat diese Personengruppe zu kämpfen?
Kress: Die Pfarrmänner sind durch ihre Berufstätigkeit eher weniger in der Gemeindearbeit engagiert, sie kommen in der Gemeinde weniger vor.
elk-wue: In den vergangenen Tagen wurde – einmal mehr – in Deutschland über die Einführung einer Frauenquote diskutiert. Was halten Sie von diesem Instrument?
Kress: Eine fest vorgeschriebene Quote ist generell ein sinnvolles Instrument. Denn aus Erfahrung sage ich, dass eine Selbstverpflichtung nicht funktioniert. Allerdings können wir das beispielsweise den Gemeinden auch nicht so ohne Weiteres vorschreiben: Sie sind rechtlich selbstständig. Deshalb sollten wir uns Zielvorgaben vornehmen. Bei Daimler zum Beispiel gibt es ein Ranking, Chefs, die es nicht schaffen, die Führungspositionen zwischen Männern und Frauen gleich aufzuteilen, müssen mit einer Kürzung der Boni rechnen. Das können wir als Kirche natürlich nicht machen, weil es bei uns keine Boni gibt. Aber wir können ein Monitoring einführen und die Untersuchungen immer wieder veröffentlichen: Wer ist gut in diesem Bereich, wer nicht – und welche Gründe gibt es dafür? Die Veröffentlichung kann auch dadurch geschehen, dass ich als Beauftragte für Chancengleichheit das Thema - in dem Bericht, den ich alle zwei Jahre vor der Landessynode gebe, aufgreifen.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Nicole Marten.




