Prälat i. R. Martin Klumpp wird 70
Impulse geben und unbekannte Wege beschreiten
Der ehemalige Regionalbischof und Dekan von Stuttgart, Martin Klumpp, feiert am Dienstag, 5. Oktober, seinen 70. Geburtstag. Der als liberal bekannte Theologe stieg in seinem über 40 Jahre langen Pfarrdienst vom Gemeindepfarrer bis zum zweithöchsten Amt der Evangelischen Landeskirche auf. Sieben Jahre lang war er Prälat von Stuttgart.

- Martin Klumpp [Foto: Dittmar]
Mit welchen Gedanken sehen Sie Ihrem Geburtstag entgegen?
Von Hause aus bin ich ein Geburtstagsmuffel, d. h. ich feiere im kleinen Kreis. Es ist üblich, dass wir mit unseren Kindern und ganz persönlichen Freundinnen und Freunden am Abend etwas feiern. Durch eine schwere Krankheit, die mich im Frühjahr heimsuchte und Spuren hinterließ, weiß ich, dass ich so alt bin, wie ich bin. Mich bewegt die Frage, was ich noch tun soll und was ich besser bleiben lasse. Das ist eine spannende Herausforderung. Mein Problem ist nicht die Angst vor Langeweile. Das Leben ist so vielfältig, dass ich den bunten Strauß der Möglichkeiten neu ordnen will.
Was war und ist in Ihrem Leben wichtig?
Mir war und ist das Leben wichtig. Es ist ein faszinierendes Experiment, das manchmal Glücksgefühle auslöst und manchmal scheitert. Die Botschaft von Jesus Christus bedeutet für mich Kraft und Korrektur, Vergewisserung und Infragestellung, Engagement und Zurückhaltung, große Freude und manchmal Trauer oder Zweifel an mir selber. Meine Frau und meine Kinder kennen mich mit allen Vor- und Nachteilen. Sie lieben mich trotzdem. Dafür bin ich dankbar. Ein Privileg meines Lebens ist, freigestellt zu sein für die Beschäftigung mit biblischen Texten, und diese auf mein Leben und das Leben anderer Menschen zu beziehen. Ich entdeckte immer neue Herausforderungen zu konkretem Engagement je nach Zeit und Umfeld. Dies führte mich immer auch über die Grenzen der Kirche hinaus. Ein Glück meines Lebens war, dass ich im Beruf jeweils das tun durfte, was mich auch persönlich bewegte und interessierte. Deshalb bin ich teilweise auch im Ruhestand noch engagiert.
In den Siebzigerjahren engagierte ich mich - neben den normalen Aufgaben eines Gemeindepfarrers - schwerpunktmäßig für die Schaffung eines kommunalen Jugendhauses, zugunsten von jungen Menschen, die keine Fürsprecher hatten. Dann kam der Schwerpunkt Erwachsenenbildung im Hospitalhof. Ich war selbst ein Lernender und durfte viele faszinierende Menschen kennen lernen. Wenn uns der Glaube mündig macht, dann wächst das Interesse für die Welt und ihre Probleme. Wer mehr weiß, kann besser mitentscheiden. Dazu gehört ein seelsorgerlicher Schwerpunkt vor allem mit Menschen, deren Leben zerbrochen, gescheitert oder blockiert ist, z. B. in Trauer oder schwerer Krankheit. Ich wurde zu einem Initiator von Hospizarbeit und bin bis heute dort engagiert. Meine Beziehung zur Kunst lebte ich aus im Engagement zugunsten von Kirchenmusik, in meiner Mitarbeit bei der Gründung der Stiftung für Kunst und Kirche und in meinem Einsatz für die Renovierung der Stuttgarter Stiftskirche. In den letzten Jahren war ich sehr beteiligt an der Erneuerung und Stärkung unserer evangelischen Seminare in Blaubeuren und Maulbronn, zwei Schatzkästlein der Landeskirche. Ich bin bis heute Vorsitzender des Bauausschusses der Evangelischen Seminarstiftung. Mir war und ist auch der Dialog mit anderen Religionen wichtig. Viele Jahre war ich Vorsitzender des Arbeitskreises Kirche und Islam. An viele Begegnungen mit Moslems, in denen wir unseren unterschiedlichen Glauben gemeinsam betrachteten, erinnere ich mich gerne. Auch wenn ich anders glaube, empfinde ich großen Respekt vor vielen gläubigen Moslems, die mir begegnet sind. In den letzten zehn Jahren war ich sehr engagiert im Bereich der Erzieherinnenausbildung in Stuttgart, Reutlingen, Herbrechtingen und Schwäbisch Hall. Eines meiner Anliegen war, die Ausbildung so zu verbessern, dass die Absolventinnen den heutigen Herausforderungen gewachsen sind. Dazu gehört auch die Möglichkeit, in einer säkularen Gesellschaft religionspädagogisch zu arbeiten. Wir haben einen „integrierten Studiengang“ entwickelt, in dem Fachschulausbildung und Hochschulausbildung verbunden sind. Das war viel Arbeit, die sich gelohnt hat. Diese Vielfalt macht mein Leben bis jetzt reich und bringt viele Begegnungen mit Menschen, die ich mag und die mir wichtig sind.
Was wünschen Sie sich: für sich selbst, für unsere Kirche, für unsere Welt?
Für mich wünsche ich eine gute Balance zwischen Tun und Lassen, zwischen Freude am Leben und dem Wissen um das Ende, frohe Gemeinschaft mit Menschen und die Fähigkeit, allein zu sein, eine passable Gesundheit und Bereitschaft, mit Einschränkungen zu leben. Man muss aufpassen, dass man im Alter nicht zu viel Dankbarkeit fordert für das viele, das man tat. Wer zu viel fordert, wird umso mehr enttäuscht. Gott möge mir helfen, stets der zu sein, der ich bin. Das gilt bis zum letzten Augenblick des Lebens. Dass ich materiell im Wohlstand lebe, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.
Für die Kirche wünsche ich große Freude an dem, was sie verkündigt. Je gewisser wir im Glauben sind, desto toleranter können wir gegenüber Andersgläubigen sein. Gewissheit im Glauben schützt vor engstirnigem Fundamentalismus und vor falscher Anpassung. Ich wünsche für die Kirche, dass die Diskussionen über Einsparungen und Strukturreformen bestimmt sind von der Frage, wie die Botschaft am besten lebendig wird. Es geht nicht um weniger Kirche, sondern um menschennähere Kirche. Ganz wichtig ist mir der Zusammenhang zwischen Predigt und Seelsorge. Zur Seelsorge gehört das genaue Hinhören auf das, was Menschen erleiden, fühlen, verstehen oder nicht verstehen, auch auf das, was Menschen können. Schwache, alte, kranke, behinderte, trauernde oder sterbende Menschen sind unsere Lehrmeister. Bei ihnen entdecken wir, wie der Heilige Geist in kleinen Schritten hilft auch dort, wo wir nichts „machen“ können. Diese Nähe zu Menschen verändert auch die Sprache unserer Predigt. Ich kann die Kritik vieler Menschen, wir redeten häufig floskelhaft, jetzt besser nachvollziehen. Ich habe großen Respekt vor allen, die Predigten halten und sich darum mühen. Deshalb wünsche ich allen Pfarrerinnen und Pfarrern die Freiheit, sich – neben aller Alltagsarbeit - Zeit zu nehmen für theologisches Studieren. Man muss spüren, wie fasziniert wir sind, von dem, was uns die Bibel sagt. Der ganzen Kirche wünsche ich die Klugheit, den Dienst von Pfarrerinnen und Pfarrern so zu strukturieren, dass dafür Zeit bleibt. Sie sollen nicht nur Manager oder Verwaltungsdirektoren sein. Wo die Bibel im Zentrum steht, da ist immer Reformation. Das wünsche ich der Kirche und den Kirchen.
Für die ganze Welt wünsche ich, dass viele Menschen sich betreffen lassen von der Not und Gewalt in vielen Ländern der Erde. Globalisierung ermöglicht der Wirtschaft weltweite Märkte. Sie bedeutet aber auch, dass die Frage der sozialen Gerechtigkeit auch weltweit gestellt werden muss. Ich wünsche, dass wir die komplizierten Wechselwirkungen erkennen zwischen dem, was global geplant und lokal erlitten wird. Wir brauchen eine hohe Sensibilität dafür, wie unser Lebensstil und unsere Entwicklungen für Menschen in anderen Ländern schädlich oder hilfreich sein können. Ich wünsche, dass die Religionen klären, ob es in ethischen Fragen gemeinsame Schnittmengen oder Übereinstimmungen gibt. Dann könnten sie in Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens, der Gestaltung von Wissenschaft und Technik trotz ihrer theologischen Unterschiede zusammenwirken. Ich wünsche für die Welt, dass möglichst viele Menschen Ehrfurcht haben vor dem Leben und vor dem Wunder der Schöpfung Gottes.




