Den Dialog mit Muslimen angstfrei führen
Interview mit der Landessynodalen Kerstin Schmidt (geb. Leuz)
"Wie wir in Deutschland mit den Muslimen umgehen, hat Auswirkungen auf die Christen in Indonesien", davon ist die Landessynodale Kerstin Leuz überzeugt. Mit einer Delegation aus Württemberg war sie bis Mitte September 2011 in Indonesien, um Kirchen, Gemeinden und Projekte zu besuchen. Kerstin Leuz ist Mitglied im Synodalausschuss Mission, Ökumene und Entwicklung (MÖE).
elk-wue: Zwei Wochen lang war eine Delegation aus Württemberg in Indonesien unterwegs. Was war der Anlass für diese Reise?
Schmidt: Als Ausschuss für Mission, Ökumene und Entwicklung besuchen wir immer wieder Partnergemeinden unserer Kirche und Projekte von Missionsgesellschaften. Dieses Mal haben wir uns einige Projekte des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland angeschaut. Das EMS unterhält die Kontakte schon seit seiner Gründung, also seit 1972, denn bereits an der Gründung des Missionswerkes waren drei indonesische Kirchen beteiligt. Wir wollen mit dem Besuch einerseits zeigen, dass uns die Partnerschaften wichtig sind. Diese gilt es zu erhalten, zu pflegen und manchmal auch aufzubauen. Die Wahl fiel auf Indonesien, weil das EMS in seinem Jahresprojekt 2011 dieses Land in das Blickfeld rückt. Dieses heißt "Aufbruch in ein Leben in Fülle – Gemeindeaufbau und Dorfentwicklung in Indonesien". Damit setzen vier indonesische Kirchen ein Programm um, das wirtschaftliche Entwicklung, Friedens- und Versöhnungsarbeit mit den Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft verbindet.
elk-wue: Welches Ziel haben solche Auslandsreisen von Kirchendelegationen?
Schmidt: Für uns ist es wichtig, einerseits die Menschen vor Ort zu besuchen, sie in ihrer Lebensweise zu stärken, ihnen zuzuhören – und dann auch konkret zu helfen, zum Beispiel über Gelder oder Förderprogramme. Wir haben bei dem Besuch in den Gemeinden gespürt, wie geehrt sich die Menschen fühlen, wenn sie von uns Besuch bekommen. Dass ihnen jemand zuhört, sie ernst nimmt und sie als gleichwertiges Gegenüber behandelt.
elk-wue: Die Situation von Christen in Indonesien ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Was sind die schwierigsten Probleme für die christlichen Kirchen dort?
Schmidt: Indonesien ist muslimisch geprägt, die Christen dort leben meist als Minderheit dort. Mich haben am meisten die Beispiele beeindruckt, wie Christen und Muslime zusammen leben: Friedlich, interkulturell. Die vielen christlichen Kirchen sind im ständigen Dialog mit den Muslimen. Sie suchen gemeinsame Strategien, wie sich zum Beispiel Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen vermeiden oder deeskalieren lassen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Gegensätze zwischen Muslimen und Christen stark hervorgehoben werden, fragen die Menschen in Indonesien: "Wie schaffen wir es, die Armut zu bekämpfen und eine gute Bildung für alle zu gewährleisten?". Es gibt sehr viele Projekte, bei denen die Religionszugehörigkeit keine Rolle spielt. Muslime sind selbstverständlich dabei. Wenn es dann ums Predigen geht, werden schon Unterschiede gemacht. So predigt beispielsweise ein Christ, wenn die Versammelten mehrheitlich Christen sind. Umgekehrt spricht ein Imam, wenn die meisten Teilnehmer Muslime sind.
Bildung und Armut sind bestimmende Themen
elk-wue: Wie steht es mit der Religionsfreiheit im Land?
Schmidt: Die Christen in Indonesien haben uns erzählt, dass sie beispielsweise zwar Gottesdienste feiern dürfen – aber ohne Glockengeläut vorneweg. Das kam mir bekannt vor – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Muslime in Deutschland dürfen sich zwar versammeln, aber der Muezzin darf nicht öffentlich zum Gebet rufen. Andererseits hat mich auch beeindruckt, dass diese Frage für die Christen in Indonesien zwar vorhanden ist, aber nicht die Wichtigste. Viel mehr geht es ihnen auch darum, wie sie beispielsweise mehr Pfarrer ausbilden oder die Armut in der Bevölkerung lindern und Ausbildung bzw. Schulbildung fördern können.
elk-wue: Die (Bildungs-)Armut bekämpfen bedeutet dann beispielsweise?
Schmidt: Häufig können Kinder nur deshalb nicht zur Schule gehen, weil die Familien sehr weit von der Stadt entfernt wohnen und die Eltern das Geld für den Schulbus oder die Unterbringung am Schulort nicht haben. Die Kirchen versuchen, diese Kinder aufzufangen, indem sie ihnen einen Ausbildungsplatz oder Wohnplatz in einem Kinderheim zur Verfügung stellen. Außerdem sind die Gemeinden auch dabei, die Erwachsenen zu schulen: Sie sollen dazu befähigt werden, sich eine eigene Lebensgrundlage zu schaffen, beispielsweise in der Landwirtschaft.
elk-wue: Was konkret können denn der Ausschuss, die Synode, die Landeskirche tun, um Christen in Indonesien zu unterstützen?
Schmidt: Wir können verstärkt Menschen nach Indonesien schicken, um dort für eine begrenzte Zeit mitzuarbeiten. Dazu müssten wir die entsprechenden Strukturen schaffen. Außerdem ist die Partnerschaftspflege ein wichtiger Aspekt. Das heißt, dass wir die Christen dort immer wieder besuchen sollten, über E-Mail und Internettelefonie mit ihnen in Kontakt bleiben. Und dann müssten wir den Blick für die weltweite Kirche öffnen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir nicht nur die württembergischen Fragen diskutieren, sondern auch andere Länder in den Blick nehmen. Nicht nur die Christen im Ausland können was von uns lernen, sondern wir auch von ihnen. Da ist es wichtig zu fragen, wo wir uns ergänzen können – nicht nur finanziell, sondern auch geistlich. Auf landeskirchlicher Ebene könnten wir uns dafür einsetzen, dass Pfarrer aus anderen Landeskirchen, die zum Beispiel schon einmal in Indonesien gearbeitet haben, auch hier zu Vorträgen eingeladen werden.
elk-wue: Und was kann der/die Einzelne tun, außer Geld zu spenden?
Schmidt: Wir können uns durch die Berichte aus anderen Ländern dazu anregen lassen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und fragen, wie Christen in anderen Ländern leben. So könnten wir unseren Blick dafür schärfen, wie wir hier in Württemberg fremden Menschen, Migranten begegnen. Und auch der/die Einzelne kann Beziehungen ins Ausland aufbauen – denn die sind letzten Endes sogar wichtiger als Geld, weil man voneinander lernen kann.
Wie Deutschland mit Muslimen umgeht, hat Auswirkungen auf indonesische Christen

- Die deutschen Gäste bekamen auch traditionelle Trommel- und Gamelanmusik zu hören und zu sehen. [Foto: privat]
elk-wue: Auch das EMS-Jahresprojekt haben Sie besucht. Was geschieht dort?
Schmidt: Dabei handelt es sich um ein Gemeinde-Aufbau und Dorfentwicklungsprojekt. Die Ältesten des Dorfes werden geschult. Je nachdem, welche Problematik in dem Dorf vorherrscht, haben diese Schulungen unterschiedliche Schwerpunkte. Die können zum Beispiel sein: "Wie leben wir im Dorf friedlich miteinander?" oder "Sorgsamer Umgang mit der Schöpfung – in Viehzucht und Landwirtschaft". Aber auch Plastikvermeidung, oder Tiere gesund erhalten sind Themen, die dort angesprochen werden können. Finanziert werden diese Schulungen durch Spendengelder.
elk-wue: Welche Schlüsse ziehen Sie persönlich aus dem Indonesienbesuch?
Schmidt: Aus den vielen Gesprächen habe ich gelernt, dass die Art, wie wir hier in Deutschland mit den Muslimen in unserer Gesellschaft umgehen, Auswirkungen hat auf die Christen in Indonesien. Deshalb sollten wir bei Anschlägen immer vorsichtig sein, das gleich auf muslimische Hintergründe zu schieben. Wichtiger ist, zu fragen, was passiert ist und warum. Außerdem sollten wir solche Ereignisse differenziert betrachten. Die Religion ist häufig nicht der Auslöser für Gewalttaten, sondern die sozialen, politischen und ethnischen Gegebenheiten in einer Region. Dann die Berichterstattung nur auf die Religion zu beziehen, halte ich für zu einfach gedacht. Ein Zweites habe ich gelernt in Indonesien: Die christliche Entwicklungsarbeit bringt viel Gutes, sie sorgt oft genug für mehr Lebensqualität. Dennoch müssen wir uns auch fragen, wie weit die Entwicklungsarbeit in Lebensumstände eingreift. Wir sollten die seitherige Kultur nicht komplett ausradieren wollen. Das ist ein Spannungsfeld, denn können beispielsweise Ahnenkult und Animismus bestehen bleiben trotz des neuen Glaubens? Hier Wege zu finden, ist eine große Aufgabe. Von den Christen in Indonesien können wir überdies lernen, dass der interreligiöse Dialog angstfrei geführt werden kann. Es hat mich sehr beeindruckt, dass die Christen dort nie von "bösen Muslimen" sprachen.
elk-wue: Sie haben ja auch einen Gottesdienst in Indonesien mitgefeiert. Was waren für Sie die ungewöhnlichsten Szenen?
Schmidt: Klar, es war schon seltsam, dass es zu Beginn kein Glockengeläut gab. Der Gottesdienst begann einfach irgendwann. Und dann gab es da noch den Handel – mitten im Gottesdienst versteigerten Besucher Kaffee oder auch einen Sack Reis. Der Erlös geht dann an die Gemeinde. Und dann war da natürlich die Musik, die ganz anders ist als unsere.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Nicole Marten






