englishfrancais

StartseiteArbeitsfelderKirche und MenschenMenschen im InterviewArchiv InterviewsIlse Ostertag

Wut Trauer und Hoffnung - Wenn Wege sich trennen


Interview mit Ilse Ostertag von den Evangelischen Frauen in Württenberg

Fast die Hälfte aller in Baden-Württemberg geschlossenen Ehen enden in einer Scheidung. Die Zeit danach ist für viele Betroffene sehr schwer und das Hilfsangebot weist hier ein Defizit auf. "Die Kirche deckt diesen Bereich nur lückenhaft ab. Daher haben wir beschlossen diese Lücke zu füllen", so Ostertag.


Ilse Ostertag, Referentin bei den Evangelischen Frauen in Württemberg [Foto: privat]

elk-wue: Frau Ostertag, Sie sind fast seit Beginn der Gottesdienstreihe dabei. Wie ist sie denn entstanden?
Ostertag: Wilfried Weber, damaliger Leiter der Telefonseelsorge in Stuttgart, und seine jetzige Frau Gisela Ringwald, kamen beide aus einer zerbrochenen Ehe. Zusammen haben sie festgestellt, dass die Kirche, was den Beistand und Hilfe von Geschiedenen angeht, wenig Unterstützung anbietet. Mit ihrem damaligen Gemeindepfarrer Christian Lorösch ist dann schnell die Idee zu dem Projekt „Kirchliche Feier für Menschen, die von Scheidung betroffen sind“ entstanden. Lorösch war es auch, der den Kontakt zur Leonhardskirche hergestellt hat, wo auch an diesem Sonntag wieder der ökumenische Gottesdienst stattfindet.

elk-wue: Der Gottesdienst war ja nicht von Beginn an ökumenisch…
Ostertag: Nein. Als wir 1998 den ersten Gottesdienst gefeiert haben, war dieser noch rein evangelisch. Der Zusammenschluss mit der katholischen Kirche entwickelte sich erst auf dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003. Unser Team war der Ansicht, dass es auf dem Kirchentag so einen Gottesdienst geben müsse – Bedingung war aber, dass er ökumenisch sein sollte.

 


Ökumenischer Gottesdienst für getrennt Lebende und Geschiedene

Wann?
Sonntag, den 23.10.2011 um 17 Uhr
Wo? Evangelische Leonhardskirche, Leonhardsplatz 26 in Stuttgart

Weitere Informationen:
www.ehe-familie.drs.de, www.frauen-efw.de, www.leonhardskirche.de

Kontakt:
Cornelie Ayasse, Tel. 0711245414
Johanna Rosner-Mezler, Tel. 07119791230 
 


elk-wue: Sie arbeiten also nicht im Auftrag der Kirche?
Ostertag: Wir haben keinen offiziellen landeskirchlichen Auftrag. Wir sind eine aus Eigeninitiative entstandene Gruppe, deren Einzelpersonen größtenteils selbst betroffen sind oder waren. Die Kirche deckt diesen Bereich nur lückenhaft ab. Daher haben wir beschlossen, diese Lücke zu füllen.

elk-wue: Welche Menschen besuchen die Gottesdienste?
Ostertag: Mal kommen die Leute in Begleitung eines Freundes oder einer Freundin, ein andermal allein. Unserer Gruppe will keinen Scheidungsgottesdienst veranstalten, sondern einen Zielgruppengottesdienst für Menschen, die in Scheidung leben und darunter leiden. Viele Besucher reisen von weiter her an. Anonymität ist sehr wichtig. Einige sind nicht zum ersten Mal hier. Der Gottesdienst ist für viele ein Prozess. In der Regel fließen dabei immer Tränen. So stehen beim ersten Mal noch die Wut und die Trauer im Vordergrund. Beim zweiten oder dritten Gottesdienst finden die Besucher langsam neue Kraft und sehen vielleicht schon Hoffnung.

elk-wue: Ist „Hoffnung finden“ ein Ziel des Gottesdienstes?
Ostertag: Wichtig ist es, den Menschen einen Raum zu geben, in dem sie trauern – aber auch wütend - sein können. Hoffnung spielt dabei natürlich eine große Rolle. Wir möchten den Betroffenen zeigen, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind und es auch andere gibt, die genau dieselbe Erfahrung durchleben müssen. In der Gruppe ist man stark.

elk-wue:
Wieso richten sie nicht öfter so einen Gottesdienst aus?
Ostertag: Unsere Gruppe organisiert diese Veranstaltungen aus eigenem Antrieb. Da wir aus verschiedenen Einrichtungen kommen – Männerwerk, Evangelische Frauen in Württemberg, Seelsorge, Kirche, psychologische Beratungsstellen – haben wir leider nicht die Zeit, dieses Projekt mehrmals im Jahr durchzuführen. Unser Ziel haben wir dennoch erreicht: Schon bald nach unseren ersten Gottesdiensten wurden auch in Hannover, Köln und Esslingen, um ein paar Beispiele zu nennen, Gottesdienste für Geschiedene ins Leben gerufen. Unsere Idee hat demnach Früchte getragen und auch andere Gemeinden sind auf den Zug aufgesprungen.

elk-wue: Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft aus?
Ostertag: Wir möchten einfach so weitermachen wie bisher – eine Anlaufstelle bieten für alle, die sie benötigen. Nach dem Gottesdienst geben wir genügend Möglichkeit, sich tiefgehender mit der Thematik der Trennung auseinanderzusetzen. Dafür legen wir immer genügend Informationsmaterial mit Adressen von Hilfestellen aus und laden außerdem zu einer Begegnung ohne Zwang ein. Bei einem Gläschen Wein oder Saft bietet sich jedem die Gelegenheit, unter Gleichgesinnten zu verweilen und sich auszutauchen.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Jens Schmitt 


Downloads
Einladung zum Gottesdienst [PDF, 3 MB]

(Wieder)Eintritt in die Kirche
Bookmarks und RSS

RSS Feed abonnieren

Hilfe für Missbrauchsopfer