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Dazu beitragen, dass das Leben bis zu seinem Ende lebenswert ist


Interview dem Stuttgarter Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich

"Wir wehren uns dagegen, dass Menschen aus Angst vor dem Sterben oder vor Schmerzen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen", sagt Hans-Peter Ehrlich, evangelischer Stadtdekan von Stuttgart und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Hospiz anlässlich des Deutschen Hospiztages am 14. Oktober 2011. 


Stuttgarts Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich [Foto: Olaf Krüger]

elk-wue: Weshalb engagiert sich der evangelische Kirchenkreis im Hospiz in Stuttgart?
Ehrlich:
Die Kirche ist auch dafür da, die Menschen in den Krisen des Lebens zu begleiten. Und das Sterben ist eine sehr große Krise. Da der Mensch aber ein sehr vielschichtiges Wesen ist, reicht es nicht aus, ihn nur in spiritueller Hinsicht zu begleiten.

elk-wue: Was macht eine gute Begleitung aus?
Ehrlich:
Eine gute Begleitung umfasst auch körperliche, medizinische, soziale, geistige – und psychologische Belange des Menschen. Wir wehren uns dagegen, dass Menschen aus Angst vor dem Sterben oder vor Schmerzen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Und wir wollen dazu beitragen, dass ein Leben bis zu seinem Ende lebenswert ist. Das gilt insbesondere für Fälle, in denen die Schulmedizin nichts mehr ausrichten kann. Wenn es heißt, jemand sei austherapiert. Das ist übrigens ein ganz gefährliches Wort: Austherapiert. Das heißt ja, dass man gar nichts mehr ausrichten kann. Und das stimmt eben nicht: Man kann die Lebensqualität für sterbende Menschen enorm erhöhen, wenn man für sie sorgt, ihnen eine Schmerztherapie zukommen lässt, Tag und Nacht jemand für sie da ist.

elk-wue: Aber viele solche Maßnahmen sind doch auch zu Hause möglich.
Ehrlich:
Ja, aber nicht in jedem Fall. Immer dann, wenn zu Hause ein gutes Leben nicht mehr möglich ist, gibt es das Hospiz, wo dafür gesorgt wird, dass die Menschen schmerzfrei sind, spirituell, psychologisch, medizinisch, pflegerisch umsorgt werden und soziale Ansprache haben. Es gibt viele Menschen, die aus einer Kurzschlusshandlung heraus Gefahr laufen, einen Suizid zu begehen. Dagegen müssen wir etwas tun. Solche Kurzschlusshandlungen sind sehr selten, wenn das Lebensumfeld und das Lebenssystem stimmen.


Das Hospiz Stuttgart veranstaltet am 22.02.2012 in der Filderhalle Leinfelden-Echterdingen unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann seinen 6. Fachtag, diesmal mit dem Thema: "Wege gehen, die die Mühe lohnen: Menschen im Mittelpunkt – 25 Jahre Hospiz Stuttgart"

gemeinsam mit der Abschlussveranstaltung des dreijährigen Projekts der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg: "Ausbau der ambulanten Kinder- und Jugendhospizarbeit in Baden-Württemberg"

Der Fachtag richtet sich an Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die sich in der Begleitung von Schwerkranken, Sterbenden und deren Angehörigen engagieren und für alle Interessierte aus Gesellschaft und Politik. Die Teilnahmegebühr für den Fachtag beträgt 38 Euro, darin enthalten sind Getränke und ein Mittagsimbiss. Das gesamte Programm gibt es als Papierversion beim Hospiz Stuttgart, Tel.: 0711 - 2 37 41-53 oder als Download. Das Anmeldeformular ist in der Papierversion enthalten, es lässt sich aber auch hier herunterladen . 


Die Villa Wittmann wird neues Zuhause für das Hospiz Stuttgart. [Foto: ev-ki-stu.de]

elk-wue: 2012 feiert das Stuttgarter Hospiz sein 25-jähriges Jubiläum. Wie hat die Arbeit seinerzeit begonnen?
Ehrlich:
Anfangs hatten wir ein ambulantes Hospiz. Später kam die Station dazu, gefolgt von der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie. Uns war und ist es sehr wichtig, unsere Leute selbst auszubilden. Inzwischen haben wir eine große Erfahrung in der Hospizarbeit. Die geben wir in unseren Kursen weiter. Parallel dazu entstand auch die Trauerbegleitung: Wir wollen die Angehörigen nicht alleine lassen, wenn ein Mensch, der von uns betreut wurde, stirbt.

elk-wue: Wer gab denn in Stuttgart den Startschuss für die Hospizarbeit?
Ehrlich:
Elisabeth Kübler-Ross hatte damals einige Vorträge im Hospitalhof gehalten – zum Thema "würdig sterben". Die Sterbensbegleiterin und –Forscherin hat den seinerzeitigen Leiter des Hospitalhofs, Martin Klumpp, so beeindruckt, dass er die Idee aufgriff. Das ist eine Stuttgarter Besonderheit: Aus der evangelischen Bildung erwächst ganz häufig ein neues Aufgabenfeld, weil man sieht, wie im Falle des Hospizes, dass die Gesellschaft hier etwas von der Kirche braucht.

elk-wue: Jetzt haben Sie ja gerade ein neues Haus für das Hospiz Stuttgart gekauft…
Ehrlich:
Ja, und das ist sehr wichtig für uns. Es gab bislang schon ein ambulantes Kinderhospiz – und als wir mit dieser Arbeit begonnen haben, war uns klar, dass wir auch ein stationäres Kinderhospiz wollen. Das nächste Kinderhospiz ist nämlich von Stuttgart 150 Kilometer weit entfernt.

elk-wue: Was ist das Besondere an dem neuen Haus, der Villa Wittmann am Eugensplatz?
Ehrlich:
Dass es sich dabei um ein altes, ehrwürdiges und schönes Gebäude handelt. Ein Haus mit Geschichte. Ich hätte mir nicht vorstellen können, das Hospiz in einem Neubau unterzubringen. Sterbende sind sensibel für das, was in einem Haus war: Ein Haus atmet und es steht für etwas. Wenn nun so ein Haus eine schlimme Vergangenheit hat, oder gar keine Geschichte, dann fühlen sich Sterbende dort auch nicht wohl. Und darum geht es uns ja gerade: Dass die Sterbenden sich wohl fühlen.
elk-wue: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Nicole Marten


Weitere Informationen

Auf der Seite zur Hospizarbeit finden sich Rezensionen zu Büchern über die Arbeit mit Sterbenden, Links zum Hospiz Stuttgart und zur Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz sowie ein Film über das neue Hospiz, das in Esslingen entsteht. 
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