Blick über den Tellerrand
Das Gustav-Adolf-Werk macht sich für Ökumene innerhalb des Protestantismus stark
Prälatin Gabriele Wulz wurde im Herbst 2009 zur Vizepräsidentin des Gustav-Adolf Werkes (GAW), dem Diaspora-Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, gewählt. Am 29. Januar wird sie in Leipzig mit einem Gottesdienst offiziell in ihr neues Ehrenamt eingeführt. elk-wue hat mit der langjährigen 1. Vorsitzenden der württembergischen Hauptgruppe des GAW gesprochen.

- Prälatin Gabriele Wulz [Foto: privat]
elk-wue: Was bedeutet es für evangelische Kirchen, in der so genannten Diaspora zu leben?
Gabriele Wulz: Meistens handelt es sich dabei um Länder, in denen der Anteil der Protestanten an der Gesamtbevölkerung kleiner ist als ein Prozent. Das bedeutet für die einen, dass sie sich als Teil einer ohnmächtigen Minderheit fühlen. Für die anderen heißt es, etwas ganz besonderes zu sein, besonders erwählt zu sein und deshalb auch ein besonderes Zeugnis abzugeben.
elk-wue: Welche Auswirkungen kann das denn haben?
Wulz: In Italien zum Beispiel ist der gesellschaftliche Einfluss der Protestanten recht groß, obwohl diese Gruppe zahlenmäßig sehr klein ist. Die Menschen tun sich zusammen und beginnen an Projekten zu arbeiten. Beispielsweise sind sie in der Diakonie tätig oder in der Schule. Dann gibt es andere Länder, in denen die evangelischen Traditionen durch Erzählungen der Großmütter am Leben erhalten wird.

- Jedes Jahr werden Jugendliche vom GAW in Partnerländer ausgesandt, um vor Ort zu helfen. [Foto: GAW]
elk-wue: Wie hilft das GAW in den einzelnen Ländern?
Wulz: In der Geschichte waren die Protestanten in vielen Ländern, auch in Europa, nicht als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt, inzwischen ist dies anders – Österreich ist so ein Beispiel. Hier unterstützt das GAW vor allem ideell – indem wir uns mit den Menschen vor Ort treffen. Es tut den Minderheiten gut zu sehen, dass sie nicht alleine sind. Dann gibt es wiederum sehr arme Kirchen, wie zum Beispiel in Lateinamerika oder auch in Osteuropa. Hier gibt das GAW Geld, damit die Pfarrer im Alter auch eine Pension bekommen können. Generell kann man unterscheiden in Einzelhilfe für Pfarrer, die extrem in finanzieller Not sind, und der strukturellen Hilfe für die Partnerkirchen – was bedeutet Pensionsfonds, Hilfe für die Renovierung von Kirchen und Gebäuden, Unterstützung von diakonischen Projekten der Frauenarbeit, für Straßenkinder, Schulen und vieles mehr. Konkrete Hilfe heißt auch, Bibeln, Gesangbücher Orgeln, Kirchenbänke zu finanzieren, die Bildungsarbeit zu unterstützen. Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg betreut Aufbaulager, so dass die Jugendlichen dort auch einmal auf eine Freizeit fahren können, Gemeinschaft unter Gleichaltrigen erleben. Dann ist natürlich auch wichtig für uns, die Menschen aus den Partnerkirchen einzuladen, sie zu besuchen, mit ihnen zu sprechen, geistlichen Austausch zu haben.

- Bei Besuchen von Delegationen gehört das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten dazu. [Foto: GAW]
elk-wue: Welchen Herausforderungen sehen sich die Partnergemeinden gegenübergestellt?
Wulz: Wichtig ist es, dass die Gemeinden nicht einfach nur ihr Deutschtum pflegen, sondern die sozialen Herausforderungen der Gesellschaft wahrnehmen. Das bedeutet dann konkret, die Sprache des Landes zu sprechen, für Menschenrechte einzutreten, die Geschichte des jeweiligen Landes aufzuarbeiten, dort heimisch zu werden, das Wachstum ihrer Kirche zu fördern – auch beispielsweise durch Schulen und Kindertagesstätten. Ein Grundgefühl der Partnergemeinden ist das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land – sie leben im Exil. Im Austausch mit den Menschen aus unseren Partnergemeinden stellt sich auch für uns die Frage: Wie gehen wir als Mehrheitsgesellschaft mit unseren Minderheiten um? Sicher, Minderheiten sind nicht immer die „armen“, sie können auch elitär sein, wie das zum Beispiel in Frankreich der Fall ist. Hier ist es wichtig, dass die Brüder und Schwestern sich einlassen auf die Situation zum Beispiel der Christen in Kasachstan, die zu den „armen“ ihrer Gesellschaft gehören.
elk-wue: Das heißt, Sie betreiben Ökumene unter Protestanten?
Wulz: So kann man das sehen. Die reformatorische Tradition hat sich in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich entwickelt, wir unterliegen ja alle den Anforderungen und Bedürfnissen unserer Zeit. Die spannenden Fragen in den Begegnungen ist: „Wie können wir voneinander lernen? Wie schauen wir über unseren eigenen Tellerrand? Toll ist das Gefühl, dass wir so sehen: Die evangelische Kirche ist viel größer als die jeweilige Kirche vor Ort. Das macht Mut.
Über das GAW

- Das Logo des Gustav-Adolf-Werkes.
Das Gustav-Adolf-Werk ist ein gemeinnütziger Verein, der sich als Partner der evangelischen Minderheitskirchen in Europa, Lateinamerika und Zentralasien versteht. Es unterstützt beim Gemeindeaufbau, bei der Renovierung, beim Kauf und beim Neubau von Kirchen und Gemeinderäumen, bei sozialdiakonischen und missionarischen Aufgaben in den Gemeinden, bei der Aus- und Weiterbildung von kirchlichen Mitarbeitenden und vieles mehr. Bundesweit wird das GAW getragen von 24 Hauptgruppen und 17 Frauengruppen. Das GAW ist das älteste evangelische Hilfswerk in Deutschland; es wurde 1832 in Leipzig gegründet.
Das Gustav-Adolf-Werk Württemberg gehört zu den größten Hauptgruppen des GAW. Es entsendet jährlich 15 bis 20 junge Menschen für ein Jahr in Partnergemeinden, um die Arbeit vor Ort zu unterstützen. Bislang gab es jährlich, ein Jahresfest in Württemberg, ab 2011 wird dieses alle zwei Jahre stattfinden.
Weitere Informationen:
www.gustav-adolf-werk.de
Die Seiten des Gustav-Adolfwerkes der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Die Seiten des Gustav-Adolf-Werkes in Württemberg.




