Frank Otfried July
"Eine neue Leidenschaft anzetteln"
Am 13. Mai 2010 fährt der württembergische Landesbischof Frank Otfried July zum Ökumenischen Kirchentag nach München. Birgit Mattausch hat mit ihm über die Ökumene und seine Erwartungen an den Kirchentag gesprochen.

- Landesbischof Frank Otfried July [Foto: Factum | Weise]
elk-wue: Herr Landesbischof, was werden Sie beim Ökumenischen Kirchentag machen? Wo werden Sie sein?
Frank Otfried July: Ich bin zu zwei Podiumsdiskussionen eingeladen. Bei der einen geht es um den Welthunger. Noch immer stirbt alle fünf Sekunden ein Kind, weil es nicht genug zu essen hat. Mit internationalen anderen Gästen werde ich in München darüber diskutieren, wie die Unterernährung weltweit zu bekämpfen ist. An der Runde nehme ich in meiner Funktion als Vorsitzender von "Brot für die Welt" teil.
Bei der anderen Podiumsdiskussion geht es um Ökumene im engeren Sinne. Die sogenannten "geistlichen Gemeinschaften" haben mich und Joachim Reinelt, den katholischen Bischof von Dresden, eingeladen. Wir werden darüber diskutieren, ob und wie die geistlichen Gemeinschaften der Ökumene neue Impulse geben können. Das ist hoch spannend: Es handelt sich bei den geistlichen Gemeinschaften um ganz unterschiedliche Gruppen, vom Christlichen Verein Junger Menschen bis zur Legion Mariae, theologisch und kulturell vollkommen verschieden. Und trotzdem gibt es unter ihren Mitgliedern sehr viele Begegnungen.
Dann werde ich noch Gast bei der ökumenischen Vesper sein. Nach der orthodoxen Liturgie werden wir das "Liebesbrot" miteinander teilen und essen. Und natürlich habe ich viele Anfragen für Gespräche und Treffen, auch Stände soll ich besuchen. Mal sehen, ob ich das alles schaffe in der doch kurzen Zeit.
elk-wue: Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer fährt nicht zum Ökumenischen Kirchentag – aus Protest gegen die Haltung der römisch-katholischen Kirchenleitung zum gemeinsamen Abendmahl. Können Sie ihn verstehen?
July: Nein, das kann ich nicht. Natürlich ist es schade, dass jetzt schon absehbar ist, dass manche ökumenischen Hoffnungen wieder nicht erfüllt werden. Auch ich wünsche mir, dass ich noch zu meinen Lebzeiten gemeinsam mit meinem katholischen Kollegen Abendmahl feiern kann. Aber zur ökumenischen Existenz gehört Geduld, die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. Und es gehört dazu, dennoch auf dem Weg zu bleiben.
elk-wue: Die katholische Kirche ist im Moment in einer schwierigen Situation. Die Gläubigen laufen ihr in Scharen davon. Wäre es Zeit für ein bisschen Profilökumene? Im Sinne von "Bei uns ist alles besser"?
July: Der Ausdruck "Profilökumene" stammt ja von dem ehemaligen EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber, dessen Person und Impulse ich sehr geschätzt habe. Aber das mit der "Profilökumene" fand ich immer schon schwierig. Entweder man hat ein Profil oder man hat keines. Und wenn man eines hat, dann braucht man es nicht dauernd wie ein Schild vor sich her tragen.
Ich will lieber deutlich machen, dass meine persönliche Sehnsucht und die meiner Kirche nach ökumenischer Gemeinschaft sehr groß ist. Und da wollen wir auch nicht locker lassen. Zugleich bin ich froh über viele Erfahrungen, die ich so nur in der evangelischen Kirche machen kann: dass bei uns eine demokratisch gewählte Synode Mitverantwortung für wichtige kirchenleitende Fragen hat, dass sehr kontroverse Diskussionen möglich sind. Das sind gute, gewinnbringende Erfahrungen.
elk-wue: Jetzt haben wir vor allem über die evangelisch-katholische Ökumene geredet. Sie haben aber auch viel Erfahrung im Gespräch mit den orthodoxen Kirchen. Welche Rolle spielen die beim Ökumenischen Kirchentag?
July: Es wird gemeinsame Gottesdienste nach orthodoxem Vorbild geben. Überhaupt werden die Orthodoxen eine wichtigere Rolle spielen als beim letzten Ökumenischen Kirchentag vor sieben Jahren. Das halte ich auch für wichtig. In Deutschland leben über 1,5 Millionen orthodoxe Christinnen und Christen. Sie haben jetzt eine eigene Bischofkonferenz. In einem gemeinsamen Europa werden sie sehr wichtig werden. Das Gespräch mit den Orthodoxen ist für uns Evangelische nicht unbedingt leichter als das mit den Katholiken. Aber ich denke, es tut uns gut, nicht nur mit unseren unmittelbaren Nachbarn ins Gespräch zu kommen, sondern auch über den Tellerrand hinaus zu sehen.

- Landesbischof July will von Christen anderer Konfessionen lernen.
elk-wue: Was haben Sie von Glaubensgeschwistern aus anderen Konfessionen gelernt?
July: Ich empfinde es so, dass bei katholischen und orthodoxen Christinnen und Christen die Liebe zur Kirche größer ist als bei uns, auch die Liebe zur ganz realen, sichtbaren Kirche. Sie identifizieren sich stärker mit ihr. Für viele Evangelische ist "die Kirche" manchmal nur eine lästige Institution, ein überflüssiger Verwaltungsapparat, wichtig allein ist ihnen die Gemeinde vor Ort. Ein solches Denken hat zum Teil natürlich auch seine Berechtigung, aber mir ist das zu verkürzt. In den orthodoxen Kirchen hängen an den Wänden viele, viele Bilder von Heiligen und Kirchenlehrern. Als evangelischer Christ kann man diese Bilder so interpretieren: Und selbst wenn man ganz allein in einem solchen Raum ist, weiß man: Es gab welche vor mir, es wird nach mir, so Gott will, welche geben. Ich und mein Leben sind Teil eines langen Weges, den Gott mit den Menschen geht. Der Philosoph Odo Marquardt hat einmal geschrieben: "Zukunft braucht Herkunft." Das stimmt. Und das können wir von unseren ökumenischen Geschwistern lernen.
elk-wue: Was wünschen Sie sich für den Ökumenischen Kirchentag?
July: Im Moment herrscht eine gewisse Resignation bei denen, die sich bisher für die Ökumene engagiert haben. Es gibt auch Auseinandersetzungen zwischen den ökumenischen Partnern. Das darf nicht verschwiegen oder zugedeckt werden. Trotzdem hoffe ich, dass die Menschen beim Ökumenischen Kirchentag eine neue Leidenschaft anzetteln, dass da ein neues Feuer entsteht für die Ökumene. Dass klar wird: die Sehnsucht nach Gemeinschaft über Konfessionsgrenzen hinweg, das ist kein Luxusproblem einzelner, sondern das wollen und brauchen sehr viele Christinnen und Christen in diesem Land, dafür brennen sie.
elk-wue: Brauchen Sie noch Kultur-, Café- oder Biergarten-Tipps für München von unseren Leserinnen und Lesern? Oder kennen Sie sich aus?
July: Ich war natürlich schon öfter in München, aber besonders gut kenne ich die Stadt nicht. Als Jugendlicher war ich mal im Hofbräuhaus. Aber sonst? Über Insider-Tipps würde ich mich freuen. Und bedanke mich schon im Voraus!
Das Gespräch führte Birgit Mattausch.
Tipps rund um München für den Landesbischof dürfen gern per E-Mail geschickt werden an: kontakt@elk-wue.de.





