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Entspannen - trotz Stress


Interview mit Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz zum Thema Burnout

Burnout begegnen – so heißt eine Tagung, die vom 30. Juni bis zum 1. Juli in der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfindet. Der Titel ist dabei bewusst so gewählt, dass er zwei Bedeutungen hat: Zum Einen begegnen die Teilnehmenden Menschen, die unter dieser Krankheit gelitten haben, zum anderen sollen sie Möglichkeiten entdecken, wie man diesem Phänomen Einhalt gebieten, ihm gegenübertreten, also auch begegnen kann. Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz hat die Tagung vor mehr als vier Jahren aus der Taufe gehoben – zuerst als Weiterbildungsangebot für Betriebsräte und Mitarbeitervertretungen, später dann auch für Führungskräfte und beispielsweise Betriebsärzte. Nicole Marten hat mit ihr gesprochen.


"Die Technik setzt uns keine Grenzen, das müssen wir schon selbst tun", sagt Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz. [Foto: privat]

Wann ist eigentlich eine Erschöpfung unter den Begriff Burnout zu fassen?
Kuhn-Luz: Es geht bei Burnout nicht um das Gefühl "oh, ich müsste einmal in Urlaub fahren". Betroffene haben so wenig Energie, dass ein Urlaub alleine nicht mehr hilft. Ich vergleiche das gerne mit einem Topf: Dieser ist leer, steht aber trotzdem auf dem Feuer. Und wenn man das Feuer nicht löscht, dann bekommt der Topf Risse und ist irgendwann nicht mehr zu gebrauchen.Wir sprechen auch von Erschöpfungsdepression. Aufgrund dieser Krankheit fallen Betroffene häufig mehrere Monate aus – im Schnitt, das belegt eine Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse, sind es 28 Tage im Jahr.
Die Zahl derer, die unter dem Ausgebranntsein leiden, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Mittlerweile ist Schätzungen zufolge jeder fünfte Deutsche davon betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass Burnout im Jahr 2015 in Deutschland Krankheit Nummer eins sein wird. Worauf führen Sie das zurück?
Kuhn-Luz: Die Arbeitswelt hat sich rapide verändert. Sie ist flexibler geworden, mobiler, dezentraler. Viele Menschen haben nur eine befristete Anstellung, man ist ständig online. Die technischen Möglichkeiten sind praktisch grenzenlos: Man könnte rund um die Uhr arbeiten, auch sonntags, auch nachts. Das setzt viele Menschen unter Druck. Sie glauben beispielsweise, wenn der Chef seine Mails am Sonntag beantwortet, müssten sie selbst das auch tun. Natürlich ist oft auch Angst dabei – die Angst, etwas zu verpassen. Viele Menschen können deshalb einfach nicht mehr abschalten. Doch die Erfahrung lehrt, wie es eine Führungskraft einmal ausdrückte, die so viel Arbeit hatte, dass sie ihre Mails sonntags abgearbeitet hat: "Ich konnte arbeiten, so viel ich wollte – es wurde einfach nicht weniger!"


Selbst Grenzen setzen

Wie schafft man es denn, eine gute Balance zwischen Arbeit und Erholung zu finden?
Kuhn-Luz: In unserer Welt mit ihren grenzenlosen Möglichkeiten ist es wichtig, dass wir uns selbst Grenzen setzen. Die Technik setzt uns ja keine. Das bedeutet, dass wir eine regelrechte Pausenkultur einführen müssen – auch beispielsweise für uns selbst. Indem wir nicht am PC sitzen, wenn wir unser Mittagsbrötchen verspeisen. Oder auch bewusst arbeitsfreie Tage einführen. Gerade bei Menschen, die in der Kirche arbeiten, halte ich das für sehr wichtig.
Was sagen Sie denn Menschen, die ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie mal Pause machen sollen?
Kuhn-Luz: Da zitiere ich dann aus dem Schöpfungsbericht: Am siebten Tage ruhte Gott. Dann frage ich die Betroffenen, ob sie denn besser sein wollen als er? Außerdem stellt sich dann die Frage, warum, wozu und wie ich ohne Grenzen arbeiten kann, wo uns doch die Bibel lehrt, dass Grenzen zum menschlichen Leben gehören? Jede und Jeder muss für sich definieren, wie viel Ruhe und Erholung er oder sie braucht.
Wer viel arbeitet, weiß das aber häufig gar nicht. Was raten Sie diesen Menschen?
Kuhn-Luz: Für viele ist es sehr hilfreich, auf ein Blatt Papier einen Topf zu malen – als Bild für unseren Energiespeicher, unseren Energietopf. Dann schreiben sie auf die eine Seite, was ihnen Energie nimmt. Im nächsten Schritt schreiben sie auf die andere Seite, woher sie selbst Energie bekommen. Die meisten wissen sofort, wo ihre Energiefresser sind. Viele tun sich aber schwer mit der Frage, was ihnen eigentlich Energie gibt. Wer das eine oder zwei Wochen lang einübt, der findet irgendwann auch heraus, was ihm Energie gibt. Um diese Dinge in mein tägliches Leben einzubauen, muss ich an anderer Stelle kürzen. Aber nur so gelingt ein ausgeglichenes Leben.

  


Burnout begegnen

Einfach mal Pause machen ist für viele Menschen gar nicht so leicht. [Foto: Fotolia]

Welchen Tipp geben Sie uns für die schnelle Entspannung zwischendurch?
Kuhn-Luz: So banal es klingt: Atmen sie regelmäßig ganz bewusst. Tief einatmen – Pause – tief ausatmen. Das machen Sie drei Mal, und schon fällt wenigstens ein wenig Anspannung von einem ab. Wenn Sie unterwegs sind, variieren Sie diese Übung: Atmen Sie ein Mal tief ein – und drei Mal tief aus. Meistens vergessen wir nämlich in hektischen Situationen das Ausatmen und behalten mit dem Atem auch vieles Andere bei uns. Wenn wir spazieren gehen oder wandern, ändert sich unser Atemrhythmus: Er wird ruhiger, das Luftholen und Ausatmen wird tiefer. Auch so können wir im wahrsten Sinne des Wortes ausatmen.


Kontakt

Esther Kuhn-Luz
Wirtschafts- und Sozialpfarrerin
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Stuttgart
an der Evangelischen Akademie Bad Boll
Büchsenstraße 37/1 (Eingang CVJM-Haus), 2. Stock
70174 Stuttgart
Tel.: 0711 2068-260 (Esther Kuhn-Luz)
Mobil: 0171 9757546   
esther.kuhn-luz@dont-want-spam.ev-akademie-boll.de
www.kda-wue.de  


Esther Kuhn-Luz empfiehlt folgende Bücher zum Thema:
Carola Kleinschmidt, Bevor der Job krank macht
Marianne Gronemeyer, Genug ist genug
Maslach, Leiter, Die Wahrheit über Burnout
Peter Abel, Spirituelle Wege aus dem Burnout
Susanne Breit-Kessler, stay wild statt burnout 


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