Babyklappen als Hilfe für das "Ja" zum Leben
Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Württemberg, Dieter Kaufmann, zum Thema Babyklappen
Babyklappen ermöglichen es Müttern, die ihr Neugeborenes nicht behalten können oder wollen, ihr Kind anonym abzugeben. Wenn Sie sich anschließend nicht innerhalb von zwei Monaten melden, kommen die Kinder in eine Pflegefamilie und werden nach einiger Zeit zur Adoption freigegeben.
Nachdem der deutsche Ethikrat 2009 Babyklappen bzw. die anonyme Abgabe von Findelkindern für rechtswidrig erklärt hat, hat Anfang 2010 ein Rechtsgutachten die Babyklappen als legal bezeichnet. Oberkirchenrat Dieter Kaufmann hat mit elk-wue über die Institution der Babyklappen gesprochen.

- Oberkirchenrat Dieter Kaufmann [Foto: privat]
elk-wue: Herr Kaufmann, Sie haben den Beschluss des Ethikrates kritisiert und sich für die Babyklappen ausgesprochen. Warum?
Kaufmann: Wir waren von der Entscheidung überrascht. Der Ethikrat behauptet, dass dadurch kaum Frauen erreicht werden, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihr Kind aussetzen oder töten. Wir wissen nicht, woher der Ethikrat die Sicherheit nimmt, dass dadurch Kindstötungen nicht verhindert werden können. Unsere Erfahrung sieht anders aus: Wer in Panik gerät und keine Hilfeangebote bekommt, der unternimmt manchmal Schritte, die er oder sie später bereut. Deshalb können wir die Einschätzung nicht teilen. Wenn die Babyklappe nur einem einzigen Kind das Leben ermöglicht hat, dann war sie sinnvoll und wichtig.
elk-wue: Die Gegner der Babyklappe sagen, es verstoße gegen die Menschenrechte, Kinder unwiederbringlich von ihren Wurzeln abzuschneiden. Verstößt es wirklich gegen die Menschenrechte oder ist es ein Akt der Nächstenliebe? Wie stehen Sie dazu?
Kaufmann: Die Diakonie vermittelt auch selbst Adoptionen. Wir wissen, dass die Suche nach der eigenen Herkunft jedes adoptierte Kind beschäftigt. Es ist wichtig, dass das Kind bei der Suche und der Kontaktaufnahme zu leiblichen Eltern unterstützt und begleitet wird. Doch ist dies kein Gegenargument zu einer Einrichtung, die leiblichen Müttern in Extremsituationen Wege zeigt, wie sie ihren Kindern Leben ermöglichen können. Und wie gesagt: Jeder vierten Mutter, die ihr Kind in einer Babyklappe abgegeben hatte, hat ihr dazu verholfen, wieder Ja zu ihrem Kind zu sagen.
Es stimmt, dass Kinder aus der Babyklappe keinen Faden aufnehmen können, der ihnen den Weg zu den leiblichen Eltern weist. Wir wissen aber, dass die adoptierenden Eltern mit dem Thema Babyklappe offen umgehen. Sie informieren die Kindern ihrem Alter entsprechend und machen deutlich: Deine Mutter hat die Verantwortung dafür übernommen, dass es dir einmal gut gehen kann. Da sie – aus welchen Gründen auch immer –nicht für dich sorgen konnte, hat sie dir dazu verholfen, dass du eine Chance auf Leben bekommst. Die Babyklappe ist also eine Hilfe, zum Leben Ja zu sagen.
elk-wue: Was bewegt Frauen dazu, ihr Kind abzulegen?
Kaufmann: Da sind zum Beispiel werdende Mütter, die gar nicht merken, dass sie schwanger sind. Die ersten Wehen werden als Magen-Darm-Infekt interpretiert. Und so passiert es, dass die Schwangerschaft gar nicht wahrgenommen wird. Die menschliche Seele ist eine Künstlerin im Verdrängen. Und dann kommt es plötzlich und unerwartet zur Geburt. Die Mutter ist geschockt und weiß oft nicht, was tun. Die Frauen sind verzweifelt und wissen oft keinen Ausweg. Und zum Glück erinnern sich dann manche an die Babyklappe und geben ihr Kind dort ab. Es sind aber nicht nur sehr junge Mütter, oft ältere, auch Mütter, die schon Kinder haben. Und die sagen dann: „Ich weiß, welche Verantwortung ein Kind für die nächsten 20 Jahre bedeutet. Das traue ich mir in der jetzigen Lebenssituation nicht zu.“ Gemeinsam ist allen: Sie haben ein hohes Maß an Verantwortung für ihr Neugeborenes übernommen, indem sie es dem geschützten Raum der Babyklappe übergeben, wo sie wissen, dass für deren Zukunft gut gesorgt wird.
elk-wue: Aus welchen Milieus stammen diese Frauen?
Kaufmann: Da die Mütter ihre Kinder anonym abgegeben, wissen wir es natürlich nur von den Frauen, die sich danach gemeldet haben. Dabei zeigt sich, dass es Mütter aus allen Milieus sind, die in Verzweiflung die Babyklappe nutzen und sie in Anspruch nehmen. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel eine junge Mutter kennen gelernt, die das Kind abgegeben und dann wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hat. Sie war aus „gutem Hause“ – wie man so schön sagt –, hatte eine Berufsausbildung und war dann total überrascht von ihrer Schwangerschaft und der Geburt. Sie hat das Kind heimlich alleine zur Welt gebracht und wollte dann nach diesem Stress nur eines: eine Lösung, die dem Kind eine gute Zukunft ermöglicht. Sie hat es sich im Moment nicht zugetraut, für das Baby zu sorgen. Schon einige Tage später hat sie sich aber bei der Babyklappe nach dem Befinden ihres Kindes erkundigt und wollte wieder Kontakt aufnehmen. Heute lebt sie mit dem Kind glücklich zusammen. Hier war die Babyklappe eindeutig eine Hilfe in einer großen Stresssituation. Sie selbst hat gesagt, sie hätte nicht gewusst, was tun, wenn sie nicht von der Babyklappe gewusst hätte.
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Den Wert des Zusammenlebens mit Kindern stärken
elk-wue: Wie könnte die Schwangerschaftskonfliktberatung intensiviert werden, damit Frauen erst gar nicht in Erwägung ziehen, ihr Kind abzugeben oder auszusetzen?
Kaufmann: Ich denke nicht, dass eine noch so gute Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung die Babyklappe erübrigt. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Personengruppen – und die Babyklappe ist oft der Weg, um in einer akuten Paniksituation schnell eine Lösung zu finden. Die Frauen handeln oft ganz alleine, ohne jegliche Unterstützung. Werdende Mütter und Paare, die zur Beratungsstelle gehen, haben sich zumindest aktiv mit ihrer Schwangerschaft auseinander gesetzt und suchen nun Hilfe. Was allerdings nach wie vor erschreckend ist: Die meisten Frauen und Paare wenden sich aufgrund finanzieller Probleme an die Beratungsstellen. Und das darf es natürlich nicht geben, dass Frauen und Eltern aus finanziellen Gründen zum Kind nicht Ja sagen können. Hier ist dringend unsere Gesellschaft gefordert, Eltern noch besser zu unterstützen.
elk-wue: Macht eine Gesellschaft es sich mit einer Babyklappe zu leicht? Die Klappen ermöglichen es, die Konsequenzen und die Verantwortung, die mit einer Schwangerschaft bzw. Geburt einhergehen, zu umgehen. Was denken Sie darüber?
Kaufmann: Das stimmt einfach nicht mit unseren Erfahrungen überein. Es sind in der Regel Frauen, die in Panik geraten sind und nicht weiter wissen. Und wenn man weiß, dass ja jede vierte Mutter wieder den Kontakt zum Kind sucht, dann sieht man, dass sie es sich eben nicht leicht machen, sondern eine Lösung für diesen Moment gesucht haben. Es gibt eben Lebenswege von Menschen, die nicht so einfach und geradlinig sind, wie wir es uns oft denken. Und für alle sollten wir Angebote bereit stellen. Nochmals: Wenn ein einziges Kind dadurch gerettet werden kann, dann hat es sich schon gelohnt!
elk-wue: Was könnten Staat und Kirche verbessern bei der Betreuung von Frauen, die mit Schwangerschaft und/oder Erziehung überfordert sind?
Kaufmann: Das Angebot an Schwangerenberatungsstellen ist umfassend. Wir als württembergische Diakonie haben 17 Hauptstellen bzw. bieten in 26 Beratungsstellen Beratung und Hilfe. Außerdem arbeiten wir mit verschiedensten Stellen zusammen, um mit Frauen und Paaren während der Schwangerschaft Lösungen zu finden und sie bei Schwangerschaftskonflikten zu unterstützen. Die Beratungsstellen sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Das bietet Schutz. Die Beratungsstellen sind zeitlich umfassend erreichbar, auch per Online-Beratung.
Ich bin froh, dass wir das mit staatlicher Hilfe und mit kirchlicher Unterstützung tun können. Wir haben ein umfangreiches Angebot an Kinder- und Jugendhilfemaßnahmen, die Frauen und Familien bei der Erziehung helfen. Im Moment werden unsere Kindertagesstätten immer mehr zu Familienzentren umgestaltet, um auch Familien bei der Erziehungsaufgabe zu begleiten. Da passiert viel. Natürlich muss unsere Gesellschaft immer erneut überprüfen, ob hier nicht mehr Gelder dafür aufgewandt werden können. Doch insgesamt hat sich in unserer Gesellschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass hier Förderung notwendig ist.
elk-wue: Reichen die finanziellen Mittel, die der Staat nach der Geburt bereitstellt, als Anreiz aus, ein Kind zu behalten und zu erziehen?
Kaufmann: Ich finde es besonders betrüblich, dass das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ganz gestrichen wurde. Das ist ein Skandal, dass gerade bei den Ärmsten gespart wird. Von daher reichen die staatlichen Gelder nicht aus.
Aber man kann es nicht nur auf Finanzen reduzieren. Es geht auch darum, in unserer Gesellschaft wieder den Wert des Zusammenlebens mit Kindern zu stärken. Wir alle müssen mithelfen, dass Familien und Paare Mut bekommen, Ja zum Kind zu sagen.
elk-wue: Was könnte verbessert werden?
Kaufmann: Die Erziehung eines Kindes ist die Aufgabe eines ganzen Dorfes, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort. Ich denke, wir müssen erkennen, dass wir alle dazu beitragen müssen, dass wieder eine kinderfreundlichere Atmosphäre entsteht. Und dann müssen wir natürlich auch überlegen, wie wir Bedingungen schaffen können, die das Ja zum Kind erleichtern. Wenn zum Beispiel die Arbeitsverhältnisse immer prekärer werden und man nur noch eine befristete Anstellung bekommt, dann können junge Menschen nicht ohne Weiteres Ja zu einem Kind sagen. Wenn die Frage Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gelöst wird, dann wird es auch schwierig, ja zum Kind zu sagen. Sie sehen: Da gibt es ein ganzes Bündel von Maßnahmen und alle sind gefordert.
"Frauen setzen ihr Neugeborenes nicht leichtfertig aus"
elk-wue: Frauen, die ihr Kind in eine Babklappe gelegt haben, können es innerhalb von zwei Monaten zurücknehmen. Was, wenn eine Frau, die ihr Kind in eine Babyklappe gelegt hat, nach der zweimonatigen „Bedenk-Frist“ ihr Kind wiederhaben möchte?
Kaufmann: Wie gesagt, es gibt viele Frauen, die schon kurz nach dem Abgeben des Kindes Kontakt zur Babyklappe aufnehmen und sich um ihr Kind wieder kümmern wollen. Das Jugendamt wird dann mit der Mutter überlegen, was das Beste ist. Manche nehmen es wieder ganz zurück, andere geben es dann zur Adoption frei. Durch unser Weraheim – eine Einrichtung für junge Mütter – sind schon manche Frauen mit Kindern bei dem Prozess der Wiederannahme begleitet worden. Das ist also unproblematisch.
elk-wue: Welchen Sinn hat diese Frist?
Kaufmann: Diese Frist wurde aus dem Adoptionsverfahren übernommen. Es stellt die abgebende Mutter unter eine „Schonfrist“, ihre Entscheidung zur Adoption nochmals zu überdenken. Bis das Adoptionsverfahren rechtsgültig ist, vergehen dann nochmals ca. 6 bis 12 Monate. Dieses Recht wurde auf die Babyklappe übertragen. Die Kommunen haben damit Handlungsspielräume eröffnet .Denn der Frau muss grundsätzlich Zeit gegeben werden, um überhaupt in der Lage zu sein, eine Entscheidung zu fällen. Nach den acht Wochen ist die Tür nicht verschlossen. Grundsätzlich hat ja die Frau das Sorgerecht, das Weitere muss gegebenenfalls mit dem Jugendamt geklärt werden, wenn die Frau einen weiteren Unterstützungsbedarf hat.
elk-wue: Hat Deutschland nicht im Vergleich zu anderen Ländern eine recht geringe Zahl von tot oder auch lebend aufgefundenen Kindern, die sich seit der Einrichtung von Babyklappen kaum verändert hat? Laut einer Studie von Terres des Hommes, die der Ethikrat in seiner Stellungnahme herangezogen hat, wurden 1999 21 ausgesetzte Neugeborene tot und 13 lebendig gefunden. Ende 2009 wurden 20 tot und 12 lebend aufgefunden. Haben die Babyklappen also kaum Verbesserung gebracht, wie in der Stellungnahme des Ethikrats zu lesen ist?
Kaufmann: An Spekulationen können wir uns nicht beteiligen. Es ist furchtbar, dass immer noch Neugeborene einfach ausgesetzt werden. Niemand weiß, ob es mehr wären, wenn es die Babyklappe nicht gäbe. Aber es wäre menschenverachtend, die Babyklappen für einige Zeit zu schließen, um dann besseres statistisches Material zu haben. Der Weg ist ganz anders: Ich bin überzeugt, dass Frauen nicht leichtfertig ihr Neugeborenes aussetzen. Ich denke, dass die Einrichtung der Babyklappe immer noch zu wenig bekannt ist. Deshalb ist es sinnvoll und wichtig, dass wir noch mehr in der Öffentlichkeit auf diese Einrichtungen hinweisen. Das sehe ich als unsere gemeinsame Aufgabe an, damit alle Frauen, die in Not geraten und keinen anderen Ausweg wissen, den Weg zur Babyklappe finden.
elk-wue: Wieso lohnt sich der Aufwand, die teuren Babyklappen, die schon allein in der Anschaf-fung 80.000 Euro kosten, zu unterhalten? Wäre dieses Geld dann nicht unter Umständen besser in Beratung und Nachsorge Schwangerer investiert?
Kaufmann: Bei unserer Babyklappe im Weraheim hat die Einrichtung 60.000 Euro gekostet und die laufenden Kosten liegen bei 24.000 Euro. Diese Kosten werden weitgehend aus Spendenmitteln finanziert. Das zu der Frage der Kosten. Ich halte es aber für unangemessen, die Kostenfrage in den Vordergrund zu stellen. Als Diakonie tun wir alles, damit Menschen leben können und das Nötigste zur Unterstützung bekommen. Deshalb müssen wir das eine tun – nämlich unsere Schwangerberatungsstellen stärken und stützen - und können das andere nicht lassen – nämlich eine Babyklappe zu unterhalten. Beides gehört zusammen.
Das Interview führte Franziska Gruner





