Kultur im Koffer
Sechzehn Senioren, ein Koffer und ein interessantes Programm

- Gabriele Schröter ist mit der "Kultur im Koffer" in Schömberg in der Begegnungsstätte für ältere Menschen zu Gast [Foto | EMH]
Zum Einstieg erzählt Gabriele Schröter eine Anekdote. Die Volkshochschule (VHS) in Calw kündigte für den 1. April den Kurs "Kehrwoche für Nicht-Schwaben" an. Was vor über zehn Jahren als Scherz gemeint war, wurde nach einer Flut von fast 100 Anmeldungen letztendlich doch in die Tat umgesetzt. Neben vielen Einzelpersonen und drei Ortsverwaltungen kündigte sich auch eine 35-köpfige Besuchergruppe aus England an. Das Ziel des Kurses war, auch Nichtschwaben die Kunst des schwäbischen Straßenkehrens näherzubringen. Der Ablauf der Veranstaltung sah auch praktische Übungen vor. Dazu sollten die Teilnehmer, ein Kopftuch, eine Kittelschürze und - für Griffübungen - ein Rundholz von drei Zentimeter Durchmesser und mindestens einem Meter Länge mitbringen. Nach Erlernen der wichtigsten Griff-, Halte-, und Schwungtechniken und einer Einführung in Materialkunde sollten die Teilnehmer in der Lage sein, selbstständig ein Stück Straße zu kehren.
Die Geschichte kommt bei den sechzehn Senioren gut an. In der Begegnungsstätte für ältere Menschen in Schömberg im Kreis Calw haben sie sich heute versammelt, um an dem Programm "Kultur im Koffer" teilzunehmen. Die Idee hinter "Kultur im Koffer" ist simpel: Der Koffer wird mit Kultur vollgepackt und geht dann auf die Reise in Alten- oder Seniorenheime oder, wie heute, zu der Seniorengruppe nach Schömberg. Das Thema an diesem Nachmittag: Die schwäbische Kehrwoche. "Kunst ist für die ältere Generation schwer zugänglich, gerade in ländlichen Gebieten", erklärt Programmleiterin Gabriele Schröter. Der Weg zur Stuttgarter Staatsgalerie beispielsweise sei für Menschen im hohen Alter mit einer Weltreise gleichzusetzen.
Neue Zugänge zu Kultur finden
Gabriele Schröter hat das erkannt und dachte sich: Wieso die Kultur nicht zu den Menschen bringen? Die Themen variieren hierbei. Mal packt sie Bilder, Musik oder Bücher in den Koffer, ein andermal einen Kehrwisch, eine Kutterschaufel und Putzutensilien. Denn auch die Kehrwoche sei Kultur, wenn auch nur schwäbische. Aber wie man an dem Aprilscherz der VHS sehen kann, nehmen die Schwaben diesen kulturellen Teil vom "Ländle" sehr ernst.
Bei dem Programm „Kultur im Koffer“ hat sich Schröter von ihrem Kulturführerschein inspirieren lassen. Der Kulturführerschein ist ein Weiterbildungsangebot der Evangelischen Senioren in Württemberg (Lages - Lebensalter gestalten) Es richtet sich an alle, die sich für Kultur interessieren und sich für Senioren engagieren wollen. Ziel des Führerscheins ist es, neue Zugänge zu Kultur zu finden und diese mit kreativen und interessanten Methoden anderen näher zu bringen.
Weitere Informationen zum Thema Kulturführerschein finden Sie auf dem Internetauftritt der Lages
Flyer zum Kulturführerschein [PDF, 1,4 MB]
Steht das Thema fest, gibt der Führerschein mehrere Schritte vor, dieses auf innovative und kreative Weise zu vermitteln. Zuerst sollen sich die Teilnehmer auf das Thema einlassen. Gabriele Schröter macht hierzu ihren schweren, roten Reisekoffer auf und zeigt den Senioren, was sie ihnen mitgebracht hat. Zum Vorschein kommen allerhand Putzgegenstände. Das Thema ist vorgestellt: Die Kehrwoche.
Sich auf das Thema einstellen
Um die Teilnehmer noch besser auf die Kehrwoche einzustellen, zieht Gabriele Schröter ein kleines Büchlein aus ihrer Tasche. „Bloss a bissle nochdenkt“ von Albin Braig, bekannt aus „Hannes und der Bürgermeister“, enthält einige witzige Anmerkungen und Geschichten zur Kehrwoche. Die kurze Lesung erzielt den gewünschten Effekt: Es wird getuschelt und gelacht und der ein oder andere erinnert sich an seine aktive Kehrwochenzeit. "Es gibt nichts Schlimmeres, als zu seinem Nachbarn zu sagen, dass die Hofeinfahrt aber dreckig aussehe", meint Gabi, wie Gabriele Schröter von allen hier genannt wird. Worauf aus der anderen Ecke ein wichtiger Ratschlag ertönt: "Au emmer schee laud butza, damits au jo jed'r Nôchbar mitkriagt, dass mer au ebbes schaffd."
Die nächste Phase ist eingeleitet: die biographische. Die Teilnehmer sollen ins Gespräch kommen und eigene Bezüge zur Kehrwoche herstellen - was der Großteil gerne nutzt, um aus dem reichhaltigen Repertoire der eigenen Erinnerung zu schöpfen. Zur besseren Redeorganisation lässt Gabi ein Schild herumgehen. Derjenige, der das Schild hält, darf reden.
Auch Kreativität ist ein Teil des Programms
Auf die Gesprächsrunde folgt der kreative Teil des Nachmittags. Teile der "Elle", "Schöner Wohnen" oder "Living At Home" werden in den nächsten Minuten zu einer Collage verarbeitet. Während die dicken Bastelscheren und Klebestifte über die roten und blauen Kartonagen jagen, studieren Freiwillige in der Zwischenzeit einen Sketch ein, den Gabriele Schröter vorbereitet hat. Bevor die Präsentation startet, gibt es zunächst eine kleine Stärkung. Das sei wie bei der Kehrwoche, meint eine fleißige Seniorin: "Jetzt hemmer g'schaffd ond jetzt domer erschd'amol no veschpera."
Einige Leberwurst-, Schinken- und Käsebrote später sind die rüstigen Damen und Herren bereit, ihre gebastelten Werke zu präsentieren und sich an dem aufgeführten Sketch zu erfreuen. Für den Abschluss des kulturellen Nachtmittags sorgt ein historischer Ausflug zu den Ursprüngen der Kehrwoche. Gespannt lauschen die Senioren Gabriele Schröters Ausführungen, wie die Kirche mit dafür verantwortlich war, dass die Schwaben heute die Kehrwoche einhalten. Mit einer Verordnung versuchte die Kirche im Jahr 1559 Struktur, Ordnung und Sauberkeit in das alltägliche Leben eines jeden Bürgers zu bringen. Und daran hatte sich jeder zu halten. Widersetzte man sich dieser Regulierung, hatte ein jeder das Recht den „Ordnungsverweigerer“ anzuzeigen und dafür ein „Petzgeld“ zu erhalten. Der Widersacher wurde daraufhin enteignet. Schnell ist den Senioren klar, wieso sich daraufhin niemand mehr traute, die Hofeinfahrt verkümmern zu lassen. Dieses Prinzip hat sich bis heute als Kehrwoche gehalten: "D'r Nôchbar soll ja et denka, s'gäb nex zom do", fasst eine Teilnehmerin zum Schluss zusammen.
Jens Schmitt








