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"Meran ist nicht Italien, sondern Südtirol"


Pfarrer Martin Burgenmeister arbeitet seit sieben Jahren in der evangelischen Kirchengemeinde Meran

Meran (Italien). Südtirol - in der politisch und kulturell sehr vielschichtigen Gegend ist es nicht immer leicht, das Gemeindeleben zu organisieren. Lange Fahrten zu entfernten Gemeindegliedern, Obdachlose an der Pfarrhaustür und viele Gespräche mit Vertretern anderer Konfessionen und Religionen halten den 55-jährigen Pfarrer Martin Burgenmeister auf Trab. Im Wissen, dass es nicht einfach wird, hatte er dennoch den Mut, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.


Pfarrer Martin Burgenmeister [Foto: privat]

Manchmal muss Martin Burgenmeister nur die Tür öffnen. Wohnungslose, Hungerleidende oder Menschen mit Suchtproblemen suchen oft Hilfe bei dem Pfarrer. In der Regel bietet er ihnen etwas zum Essen an, "aber eigentlich wird systematisch nach Geld gefragt." In manchen Fällen versucht er, Arbeit im Garten zu finden, für die die Hilfesuchenden dann entlohnt werden. "Jeder Fall ist anders, und man muss sich mit der Situation auseinandersetzen. Manchmal ist es auch so, dass ich trotz gründlicher Prüfung belogen werde", so Burgenmeister. "Mit der Zeit bin ich vorsichtig geworden, aber abgewiesen habe ich noch niemanden. Das halte ich nicht für sehr christlich."


Schon in jungen Jahren wollte Martin Burgenmeister in Rom studieren. Aus familiären Gründen hat es ihn damals jedoch nach Basel verschlagen. Dort hat er neben seinem Theologiestudium auch angefangen, Italienisch zu lernen. Das war für ihn ein Vorteil, als er vor sieben Jahren mit seiner Frau Andrea nach Italien zog, um die Auslandspfarrstelle in der evangelischen Kirchengemeinde Meran zu übernehmen. Ihre drei Kinder, Gregor (27), Clemens (22) and Felix (21), haben sie in Deutschland gelassen. Schon früher war er oft in Italien. Bei seinen Besuchen in Rom, Neapel, Venedig, Padua und vielen weiteren Städten konnte er sich von den lutherischen Gemeinden und deren Gottesdiensten bereits ein Bild machen.


Ein Sommer in Südtirol [Foto: privat]

Ein friedliches Gemeindeleben
Die Anfangszeit in der Gemeinde war nicht leicht. "Wenn man als Neuer in ein laufendes System kommt und Dinge anders angeht, führt das zwangsläufig zu Spannungen", erinnert sich Burgenmeister. Das sei ganz normal, und mittlerweile haben sich die anfänglichen Polarisierungen gelegt und ein friedliches Gemeindeleben unter den rund 340 Gemeindegliedern hat sich eingestellt.

"Meran ist ja nicht Italien, sondern Südtirol", scherzt Burgenmeister. Mit ihren knapp 40.000 Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt Südtirols. Die Mentalität in Meran sei eine wesentlich andere als im Süden des Landes. Das liege zum einen daran, dass in Meran zu gleichen Teilen Deutsch und Italienisch gesprochen wird. Zum anderen fühlen sich etliche Südtiroler Italien nicht zugehörig. Zudem sei die Umgebung, trotz der katholischen Prägung, sehr vielschichtig. "Aus diesen verschiedenen Kulturen, Einstellungen und Lebensgeschichten eine homogene Gemeinde zu formen, ist kaum möglich", erklärt Burgenmeister weiter. Neben der lutherischen evangelischen Gemeinde gibt es noch freie evangelische Gemeinden, islamische und buddhistische Gruppen und Angehörige der orthodoxen Kirche. Die evangelischen Gemeindeglieder kommen meist von außerhalb – aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus Österreich, der Schweiz, Skandinavien, Holland, Ungarn. Manche sind bereits in zweiter oder dritter Generation in Italien.

Eines ist dem Pfarrer sehr eindrücklich in Erinnerung: Wenn er seine Gemeindeglieder besuchen wolle, sei Fingerspitzengefühl gefragt. "Einige wollen das nicht, andere warten darauf, dass ich von mir aus auf sie zugehe." Für manche Besuche fährt er bis zu zwei Stunden. "Das ist schon eine lange Zeit, um zu seinen Gemeindegliedern zu kommen", so Burgenmeister weiter.


Pfarrer Martin Burgenmeister (Zweiter v. l.) am Tag der Schöpfung beim ökumenischen Gebet [Foto: privat]

Wir versuchen uns kennenzulernen und dabei voneinander zu lernen
Martin Burgenmeister wusste, dass es nicht einfach wird. Trotz der anfänglichen Probleme hat er sich den Aufgaben gestellt. "Es ist sehr wichtig, Interesse an anderen Kulturen zu haben", sagt Burgenmeister. Die Bereitschaft, sich auf eine neue Umgebung einzulassen und in einer anderen  Sprache zu kommunizieren, sei grundlegend, vor allem in der Ökumene. Italien ist ein klassisches katholisches Land. Der Papst sei besonders prägend für die italienische Öffentlichkeit und die Gesellschaft. Man dürfe aber nicht die evangelischen Christen vergessen. Hinzu kommen noch die Waldenser, die Freikirchen, die Methodisten und Baptisten und die charismatische Bewegung. "So rein katholisch, wie das von der Öffentlichkeit immer wahrgenommen wird, ist es nicht", sagt Burgenmeister. Natürlich aber seien die Katholiken in der Überzahl, und viele Südtiroler wüssten nicht, was es heißt, evangelisch zu sein. "Es fehlen einfach ökumenische Berührungspunkte."

Um diesem Missstand zu begegnen, engagiert sich Martin Burgenmeister daher stark in der Ökumene. Die Entwicklung befinde sich momentan da, wo Württemberg schon vor Jahrzehnten war. Zum Tag der Schöpfung treffen sich die Menschen zu einem gemeinsamen ökumenischen Gebet, und auch in der Jugendarbeit versuchen sie, einander näherzukommen. Weiter sei eine gemeinsame Israelreise geplant. Insgesamt sei die Akzeptanz der evangelischen Konfession stark gewachsen. Die ursprüngliche strikte Ablehnung sei am Schwinden. Grund hierfür sei, dass die Menschen freier geworden sind und auch die Haltung der katholischen Geistlichen und Verantwortlichen sei ökumenischer geworden.

Martin Burgenmeister führt viele Gespräche mit Vertretern der orthodoxen Kirche und der freikirchlichen Gemeinden. Daneben gibt es noch Kontakte zur jüdischen Gemeinde und zu buddhistischen und islamischen Gruppen. "Wir versuchen uns kennenzulernen und dabei voneinander zu lernen", so Burgenmeister. Durch die Begegnungen werde man vertrauter und schaffe Akzeptanz. Zusammen haben sie in Bozen einen Garten der Religionen geschaffen, und bei dem jährlichen "Marsch für Frieden und Gerechtigkeit" im Oktober versuchen die Geistlichen, dieses Band enger zu knüpfen. "Die Muslime suchen Akzeptanz in der Gesellschaft, ebenso die orthodoxen Christen, vor allem aus Rumänien. Der interreligiöse Dialog hilft die positive Wahrnehmung der Mitbürger wachsen zu lassen", erklärt Burgenmeister.


Die Christuskirche in Meran [Foto: privat]

Aus der Ferne erscheint die Heimat in einem anderen Licht
Insgesamt gefällt Martin Burgenmeister die Zeit in Italien. Das Klima, die Landschaft und seine Zeit in der Gemeinde seien wunderbar. Zudem genießt er die Zusammenarbeit mit seiner Frau. In Deutschland konnte sie sich noch nicht aktiv ins Gemeindeleben einbringen, da sie noch als Waldorflehrerin tätig war. "Es ist schön, im gleichen Arbeitsfeld tätig zu sein und die Erfahrungen zu teilen", schwärmt Burgenmeister. Die Gemeinde müsse für eine aktive Mitarbeit der Pfarrersfrau aber auch offen sein. Der Wille der Gattin allein reiche nicht, sondern ihre Mithilfe müsse in der Gemeinde auch gefragt sein und angenommen werden.

Martin Burgenmeister freut sich, zurück ins "Schwabenländle" zu kommen. "Es gibt einiges Schätzenswerte daheim", sagt er. Aus der Ferne erscheine die Heimat in einem anderen Licht. In Württemberg sind die Menschen offen gegenüber der Kirche. "Zuhause gibt es viel ehrenamtliches Engagement mit vielen Ideen. Hier auch, aber in einer großen Landeskirche finden sich wesentlich mehr Möglichkeiten", erklärt Burgenmeister. "Und die Verständigung von Schwabe zu Schwabe ist natürlich auch einfacher."

Jens Schmitt



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