Mit dem landeskirchlichen Förster im Wald
Auch heute noch dient der Wald der Pfarrerbesoldung.
Stuttgart/Michelbach. Es raschelt im Gebüsch, dann folgt dumpfes Getrampel. „Was glauben Sie, war das?“ fragt Timo Rieger. Er steht mitten im Wald zwischen liegenden Baumstämmen, Ästen und dem fast hüfthohem Gras einer Lichtung. Rieger beantwortet die Frage selbst. Es sind Wildschweine. Im Unterholz könnten sich noch mehr verstecken. Wir treten den Rückzug an.
Timo Rieger ist einer von den zwei Revierförstern der Evangelischen Pfarreistiftung und Herr über 1300 Hektar von insgesamt 2700 Hektar Kirchenwald. Schon seit Jahrhunderten kann die Landeskirche mehrere Waldstücke ihr Eigen nennen, die meist über Stiftungen verwaltet wurden. Bis zum 19. Jahrhundert verdienten die Pfarrer ihren Lebensunterhalt mit solch einer „Naturalbesoldung“. Sie bekamen von der Kirche statt Geld Flächen, die sie bewirtschaften konnten. Auch Waldstücke gehörten dazu.
Seit zwei Jahren kümmert sich Rieger um den Wald bei Michelbach an der Bilz. Er richtet seine Tätigkeit ganz nach der Natur aus. Im Sommer, wenn die Bäume wachsen, trifft er hauptsächlich Vorbereitungen für den Winter. Er legt fest, wo und welche Bäume gefällt werden sollen und schätzt ein, welche Mengen das bei den einzelnen Holzsorten ergibt.
Das Fällen überlässt er seinen Waldarbeitern im Winter, der arbeitsintensivsten Zeit. Rieger muss sie anleiten, Jäger koordinieren, das anfallende Holz in Güteklassen einteilen und verkaufen. Das, was die Kirche mit dem Holz erwirtschaftet, fließt auch heute noch in die Besoldung und Versorgung der Pfarrerinnen und Pfarrer ein. Das gilt auch für den Verkauf von Wildfleisch.
Sich "in den Wald hineindenken"
Pro Jahr erwirtschaftet die Evangelische Pfarreistiftung allein aus ihrem Forstbetrieb einen Reinertrag im Gegenwert von durchschnittlich vier bis fünf Pfarrstellen. Sie stellt den Rohstoff Holz bereit, sichert Arbeitsplätze im Betrieb und der angeschlossenen Verarbeitungskette. Sie leistet einen Beitrag für Natur- und Artenschutz, saubere Luft und sauberes Wasser, stellt einen Erholungsraum für die Bevölkerung zur Verfügung und lädt zu waldpädagogischen Maßnahmen ein.
Die Evangelische Pfarreistiftung und Timo Rieger setzen sehr stark auf eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes. Da gilt es, sich „in den Wald hineinzudenken“ und beispielsweise junge Bäume in ihrem Wachstum zu unterstützen, so der Förster. Doch der Wald ist gefährdet. „Es fehlen die natürlichen Feinde des Wildes. Wir müssen zu großen Populationen entgegenwirken und Tiere jagen“, sagt er und verweist auf den Wildverbiss und verletzte Eichenbäume, an denen die Rehböcke ihre Geweihe reiben.
Auch die Kontrolle von Bäumen auf Krankheiten und Schädlinge zählt zu Riegers Aufgaben. Schon von weitem fällt ihm eine rötlich verfärbte Fichte auf. Mit einem Blick auf deren Stamm ist ihm klar: der Borkenkäfer hat zugeschlagen. In der Rinde finden sich runde Löcher, groß wie Stecknadelköpfe. „Das sind die Brutgänge des Borkenkäfers“ erklärt Rieger. Diese Gänge verletzen den Baum so schwer, dass er daran zugrunde geht. Jetzt gilt es, jede Fichtenrinde im Umkreis von 30 bis 40 Metern zu kontrollieren. Denn der Borkenkäfer beschränkt sich nicht auf einen Baum, jede Fichte im Umkreis ist gefährdet. „Ein Förster kennt die gefährdeten Stellen und die Gefahr“ sagt er. Der befallene Baum muss so schnell als möglich raus aus dem Wald.
Timo Rieger steigt in seinen Geländewagen. „Für meinen Beruf entscheiden sich vor allem Menschen, die sehr eigenverantwortlich und selbständig arbeiten wollen“, sagt er. „Das tue ich. Und ich arbeite gerne im Team zusammen mit der Betriebsleitung, Waldarbeiter, Forstunternehmern und anderen. Beides ist gefragt und beides mache ich gern.“ Was ihn aber besonders reizt, ist der generationsübergreifende Aspekt seiner Arbeit. Rieger macht das an einem Baum deutlich, den er weiter in seinem Wachstum fördern möchte. „Bis diese Eiche hiebsreif ist, vergehen 120 Jahre.“ Andere Förster nach Rieger werden weiterführen, was er begonnen hat.
Carolin Dieter





