Ohne ein Lächeln
Wie Eltern von Kindern Abschied nehmen, die sie nicht kennenlernen konnten
"Es gibt Zeiten, da ist alles einfach nur schlimm." Das Grab, vor dem Pfarrerin Claudia Vatter steht, ist ein kleines Loch. Gerade groß genug für die graue Urne, die die Pfarrerin in den Händen hält. In dem Gefäß liegt die Asche vieler Kinder. Wie viele es sind, weiß sie nicht. Es sind die Kleinsten der Kleinen, die keiner Bestattungspflicht unterliegen und die trotzdem ein Grab bekommen sollen.
"Wir bestatten heute die Kinder, mit denen wir leben wollten." Die Pfarrerin richtet ihre Worte an eine Trauergemeinde, die anders ist als bei den meisten Bestattungen. Vereinzelt stehen die jungen Eltern auf dem Rasen des Böblinger Waldfriedhofes, den Kopf zum Boden gesenkt, an die Schulter des Partners gelehnt oder den Blick auf das Grab gerichtet. Sie verbindet nicht die Trauer um einen Menschen, den sie alle gekannt haben. Sie verbindet allein, dass sie alle Abschied nehmen mussten von ihrem Kind, viel zu früh. "Wir haben uns die Zukunft ausgemalt mit einer Mischung aus Neugier, Ängstlichkeit, Hoffnung und Glück", sagt die Pfarrerin den Trauernden. "Nun scheint alles Vergangenheit zu sein, aber der Schmerz ist gegenwärtig und die Liebe auch."
Die Erinnerung pflegen
An diesem Tag im Oktober hängen schwere Wolken am Himmel. Minuten später fällt warmes Licht auf Menschen am Grab, die Eichenblätter über den Gräbern leuchten, die Sonne versucht, ein bisschen Wärme zu verbreiten. Es windet. Ein Tag, um Drachen steigen zu lassen. Doch diese Eltern werden das mit ihren Kindern nie tun. Sie haben auch keine Erinnerung an irgendein gemeinsames Spiel. Nicht einmal an ein Lächeln. Sie haben ihr Kind verloren, als es noch weniger als 500 Gramm wog. Oder bei einer Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche oder nach einer medizinischen Indikation. Es sind Kinder ohne Lunge oder ohne Niere oder mit schwerem Herzfehler. Und es sind Kinder, an die es keine Erinnerungen gibt. "Wenn ein Kind mit 15 stirbt, dann habe ich Fotos, Bastelarbeiten, Geschichten. Hier habe ich nichts. Nicht einmal ein Dokument, keine Geburtsurkunde, keine Sterbeurkunde, es taucht nirgends auf", sagt Ursula Schmitz-Böhmig. Sie bleibt nach der Trauerfeier auf der Bank sitzen, von der aus die Besucher aufs Grab schauen können. Jetzt dreht sich ein buntes Windrad auf dem anonymen Grabfeld, ein junges Paar hat es während der Feier neben einem Windlicht für ihr Kind in die Erde gesteckt. Ursula Schmitz-Böhmig ist eine große Frau, die auch in dieser Umgebung etwas Lebensbejahendes vermittelt. Ihre weißen Haare sind kurz geschnitten und zu den gedeckten Farben ihrer Kleider trägt sie eine bunte Kette. Auch bei der Trauerfeier. Als evangelische Seelsorgerin hat sie die ökumenische Trauerfeier mitorganisiert. Sie kennt die Gefühle der Eltern nicht allein durch Erzählungen. Auch sie hat ein Kind verloren, das lediglich ein paar Tage leben konnte, weil sein Herz nicht richtig geschlagen hat. "Ich habe mein Kind nie lachen gehört, ich habe nie seine Augen gesehen."
Von Kindern, die schwerer sind als 500 Gramm, machen die Hebammen manchmal einen Fußabdruck. Oder sie packen das Kind in eine Decke, legen es in die Arme der Mutter und machen ein Foto. Damit irgendetwas bleibt. Bei den Allerkleinsten ist das oft anders. "Sie sind so embryonal oder missgebildet, dass man sie sich nicht als Foto auf den Tisch stellt", sagt die Seelsorgerin. Umso wichtiger ist ein Abschied wie diese Trauerfeier. "Die Erinnerung an die Situation des Abschiednehmens macht das Unfassbare fassbarer. Es ist nicht so, als ob nichts geschehen wäre."
Ein Ort für die Trauer
Im Wohnzimmer einer Familie stehen zwei Fotos auf einem Tisch. Das Mädchen darauf ist 28 Zentimeter groß. Es wurde 400 Gramm schwer. In der 21. Schwangerschaftswoche setzten die Wehen ein. Dass ihr Kind keine Chance haben würde, wurde den Eltern gleich darauf im Krankenhaus gesagt. "Ich wollte, dass sie mir eine Narkose geben und das Kind durch einen Kaiserschnitt holen, damit das rum ist", erzählt die Mutter. Doch das Mädchen musste normal geboren werden, im Kreißsaal. "Nebenan hörte ich Babygeschrei. Das war die Hölle. So am Boden war ich noch nie." Ihre Tochter wollte sie nicht sehen. "Ich hatte Horrorvorstellungen, wie so ein Kind aussieht." Heute wäre das Mädchen fast sechs Jahre alt. Und heute ist die Mutter froh, dass die Hebammen sie immer wieder fragten, ob sie und ihr Mann das Kind nicht doch sehen wollten. "Sie wickelten das Kind in Mullwindeln und legten es in ein Weidenkörbchen. Wir durften sie streicheln, auf den Arm nehmen. Ich bin gottfroh darüber. Ich würde mir sonst ewig Vorwürfe machen." Anfangs zündeten sie jeden Abend eine Kerze vor dem Bild an. Jetzt sind für die beiden vor allem die Besuche auf dem Friedhof wichtig. Jede Woche besucht die Familie das anonyme Gräberfeld auf dem Friedhof in Pforzheim. Und viermal im Jahr nimmt die Frau an den Trauerfeiern für die Kleinsten der Kleinen teil. "Es ist für mich wichtig, um Abschied zu nehmen. Irgendwo mit meiner Trauer hingehen zu können. Hätte ich unser Kind im Krankenhaus gelassen, hätte ich einen Anlaufpunkt." Sie kennt durch die Initiative "Regenbogen – Glücklose Schwangerschaft" Frauen, die darunter leiden, einen solchen Ort nicht zu haben.
Den Verlust würdigen
Manchmal sind es die Eltern selbst, die versuchen, unter eine glücklose Schwangerschaft einen Strich zu ziehen. Für sie hört das Kind im Kreißsaal auf zu existieren. Sie wollen kein Grab, keine Trauerfeier, keine Erinnerung. Dann regelt das Gesetz über Friedhofs- und Leichenwesen den Gang der Dinge: "Fehlgeburten, die nicht bestattet werden, und abgetrennte Körperteile sind hygienisch einwandfrei und dem sittlichen Empfinden entsprechend zu beseitigen, soweit und solange sie nicht wissenschaftlichen Zwecken dienen." Und manchmal regeln auch Pathologen die Zukunft des ungeborenen Kindes und der Eltern. Dann legen die Mediziner selbst fest, wann ein Kind bestattet werden kann. Denn was soll mit einem fehlgeborenen Kind in der 9. Schwangerschaftswoche geschehen? Manche Mutter hat noch wenige Tage vor der Fehlgeburt ein Ultraschallbild von ihrem lebenden Kind erhalten, jetzt, nach der Fehlgeburt, soll es lediglich ein Zellhaufen sein. Das sieht Annegret Braun von der Beratungsstelle PUA beim Diakonischen Werk Württemberg anders: "Alles, was kindliches Gewebe ist, alle Fehlgeburten, egal ob in der 4. oder 6. oder 16. Schwangerschaftswoche, sollen bestattet werden." Dabei sorgt sie sich vor allem um die Frauen. "Die Trauer bei einer Fehlgeburt wird schnell abgehandelt." Das Umfeld reagiere oft mit Sätzen wie: "Du kannst ja nochmals schwanger werden." Dabei erlitten diese Frauen ungeahnte Verletzungen, einen Tod im eigenen Körper. Häufig wissen Familie, Freunde und Kollegen zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von der Schwangerschaft. Dann sind die Eltern mit ihren Gefühlen isoliert. Nach außen haben sie keinen Grund, traurig oder verzweifelt zu sein. Die Bestattung kann den Eltern helfen. "Sie trägt dem Ereignis Rechnung. Der Verlust wird gewürdigt. Auf dem Friedhof wird etwas befriedet", sagt Annegret Braun. Mittlerweile ist ein Angestellter des Waldfriedhofes in Böblingen zum Gräberfeld gekommen. Er braucht nicht viel Erde, um das kleine Grab zuzuschaufeln. Auch Eltern, die vorher nach der Trauerfeier schnell weggelaufen sind, kommen zurück, bleiben am Grab stehen. Ein großer grauer Granitstein, halbiert wie ein der Länge nach aufgeschlagenes Ei, in dessen Mitte die Umrisse eines Kindes zu ahnen sind, markiert das anonyme Grabfeld. Ursula Schmitz-Böhmig, die Seelsorgerin, erzählt, dass auch Frauen an das Grab kommen, die vor 20 Jahren eine Fehlgeburt hatten. Frauen, die weinen, auch wenn sie schon 70 Jahre alt sind. Die dieses Grab stellvertretend für ihre toten Kinder entdecken.
Silke Stürmer
[Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 20. November 2006 in bwWoche (Staatsanzeiger für Baden-Württemberg)]
Eltern, die bei der Geburt ihr Kind verlieren, müssen manchmal eine schwere Entscheidung treffen: Was soll mit ihrem Kind geschehen? Denn grundsätzlich kann jedes Kind im eigenen Grab beigesetzt werden. Wiegt es mehr als 500 Gramm, ist das Kind eine Leiche und bestattungspflichtig. Auch Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen, aber lebend geboren werden, müssen individuell bestattet werden. Doch was geschieht mit den Kleinen, die 200 oder 300 Gramm wiegen? Eine individuelle Bestattung kostet viel Geld, das Grab muss gepflegt werden. Manche Frauen haben mehrere Fehlgeburten. Die Eltern müssten mehrere Gräber besuchen. Das kann zu einer psychischen Belastung werden. Immer mehr Orte bieten daher anonyme Bestattungen für die Kleinsten der Kleinen. Die Initiative Regenbogen gibt Informationen über Grabfelder.
Der Ewigkeitssonntag im Kirchenjahr
Am Sonntag vor dem 1. Advent, der gleichzeitig der letzte Sonntag des Kirchenjahres ist, gedenken evangelische Christen der Toten. Deshalb wird dieser Sonntag, der im liturgischen Kalender Ewigkeitssonntag heißt, vom Volksmund auch als Totensonntag bezeichnet.








