Schüler und Lehrer aus Ecuador in Stuttgart

- Ruth Lemaire (rechts), Leiterin der Johannes-Brenz-Schule, erläutert ihren ecuadorianischen Kollegen das Schulproekt „Der Ball ist rund“.
Mit der Schule der Kichwa Indianer in Cebadas in Ecuador verbindet die evangelische Johannes-Brenz-Schule eine langjährige Partnerschaft. Jetzt kamen Lehrerinnen und Lehrer aus Ecuador, unterstützt vom Evangelischen Entwicklungsdienst und Deutschem Jugendherbergswerk, erstmals zu Besuch nach Stuttgart.
„Wir haben uns für Tahoma als Schriftart entschieden“, erklärt Tobias ernst und zeigt auf den Bildschirm seines Computers, auf dem ein Text in der genannten Schrift leuchtet. Ihm gegenüber sitzt Vici, sie schreibt an einem Portrait über die ehemalige deutsche Fußballnationalspielerin Doris Fitschen. Die Grundschüler sind im Zeitungsteam der Johannes-Brenz-Schule. Diese Woche dreht sich in ihrer Schule alles um den Fußballsport. „Der Ball ist rund“, heißt das Projekt. Sogar Trikot nähen und Sportmassage stehen auf dem Programm. Und eben eine Ausgabe der „Brenzlis Fußballzeitung“.
Schulleiterin Ruth Lemaire führt die Gäste aus Ecuador durch die Klassenzimmer der Stuttgarter Schule. Ihr Kollege, Schulleiter Bolivar Yantalema, ist begeistert: „Die Kinder arbeiten schöpferisch, sie denken sich Geschichten aus und recherchieren Wissen, das sie in ihre Projekte übertragen. Das ist eine alternative Art zu lernen und hier sieht man, dass es umgesetzt wird.“ Auch in seiner Schule „Nukanchik Yachai“, was in der Sprache der Kichwa Purwa Indianer „Wissen für mein Volk“ bedeutet, wird auf eine ganzheitliche Sicht in der Erziehung Wert gelegt. Das pädagogische Modell ist alternativ, flexibel und identitätsstiftend. Der Respekt vor der Natur, jedem einzelnen Menschen und seiner ureigenen Bestimmung sind Grundelement der indianischen Lebensweise. Noten gibt es keine. Die Klassen präsentieren ihr Erlerntes regelmäßig bei Prüfungen. Die Eltern der Schüler sind anwesend und entscheiden, ob die Leistungen gut sind oder ob es noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt.
Die Schule „Nukanchik Yachai“

- Landesbischof Frank July war beeindruckt vom pädagogischen Konzept der Schule „Wissen für mein Volk“ der Kichwa Indianer aus Cebadas in Ecuador.
Eine indianische Initiativgruppe und die evangelische Kirchengemeinde Belem hatten 1996 die Schule „Nukanchik Yachai“ im Andenhochland in der Provinz Chimborazo gegründet. Heute werden dort 182 Kinder unterrichtet. Unterstützt werden sie von einem deutschen Freundeskreis um Helga Gewecke, die Diplompädagogin berät die Schule seit ihrer Gründung. Die Schulpatenschaft mit der Johannes-Brenz-Schule – bei der es um den fachlichen Austausch geht – besteht seit 2003. Lehrerin Christine Müller-Kaiser ist Mitglied im Arbeitskreis Patenschule und hatte mit zwei Kolleginnen letzten Mai „Nukanchik Yachai“ besucht: „Viele Schüler laufen bis zu 15 Kilometer jeden Morgen zur Schule. Das Dorf mit rund 800 Bewohnern liegt 2.700 Meter hoch in den Anden, in einer üppig, grünen Landschaft mit kleinen Eukalyptuswäldchen. Im Dorf selbst gibt es eine kleine Ladenstraße und eine Käserei für die Region. Im Einzugsgebiet leben rund 3.000 Menschen.“
Die indianische Kindheit in den ländlichen Gebieten ist von Armut geprägt. Rund 30 Prozent der 13 Millionen Einwohner Ecuadors gehören zur indigenen Urbevölkerung. Erst im vergangenen Jahr, sagt Bolivar Yantalema, seien die kulturellen Rechte seines Volkes anerkannt worden. „Es ist nun auch in der Verfassung verankert, dass wir unsere Sprache sprechen und unser Wissen und unsere Rituale weitergeben dürfen“, sagt er. So lernen die Schüler in „Nukanchik Yachai“ drei Sprachen: neben Kichwa, der traditionellen Muttersprache, spanisch und englisch. „Heute denkt man als Weltbürger, die Kinder sollen auch andere Sprachen verstehen“, sagt der Schulleiter.
Lernen als ganzheitlicher Prozess

- In der Redaktion der „Brenzlis Fußballzeitung“. Die jungen Redakteure der Johannes-Brenz-Schule lassen sich von den Lehrerinnen und Lehrern aus Ecuador gerne über die Schultern schauen.
Englisch unterrichtet in „Nukanchik Yachai“ Sandra Yuquilema: „Unsere Schüler lernen in ganzheitlichen Prozessen“, sagt sie. Eine Pädagogik, die auf der Kultur der Kichwa Indianer basiert. Traditionell wurde etwa in der Landwirtschaft in Drei-Monats-Zyklen gearbeitet. Drei Monate um den Boden vorzubereiten, drei Monate um zu säen, drei Monate die Pflanzen zu versorgen, drei Monate bis zur Ernte. In Cebadas lernen die Kinder deshalb in Epochen. In einem 54-Tage-Rhythmus wird etwa nur Englisch gelernt oder Mathematik unterrichtet. „Das wäre mir damals auch zugute gekommen“, gibt Landesbischof Frank Otfried July schmunzelnd zu, als er beim Besuch der ecuadorianischen Delegation im Oberkirchenrat vom pädagogischen Konzept erfährt. „In der öffentlichen Diskussion engagiert sich Kirche stark für Bildungsfragen, das gehört zum Herz unseres Engagement“, umreisst July den Gästen die Geschichte der württembergischen Landeskirche und der Reformation. Ein Austausch mit der Schule „Nukanchik Yachai“ in Cebadas „kann auch für uns neue Impulse bringen“, sagte der Landesbischof.
Währenddessen ist in der Johannes-Benz-Schule für heute Redaktionsschluss. Morgen wird weiter recherchiert, denn bis Samstag zum Schulfest wollen die Redakteure die „Brenzlis Fußballzeitung“ druckfrisch auslegen. Auf diese Ausgabe sind auch schon die Gäste aus Ecuador gespannt.
Text/Fotos: Susanne Siebel




