Hilfe für Stuttgarts Straßenkinder
Der "Schlupfwinkel" in Stuttgart bietet Kindern und Jugendlichen von der Straße eine Anlaufstelle
Stuttgart. Etwa 2.500 Kinder und Jugendliche täglich landen laut der Hilfsorganisation "Offroad Kids" in Deutschland auf der Straße. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ärger mit den Eltern, in der Schule oder traumatisierende Erfahrungen können Jugendliche dazu bewegen, ihr Elternhaus zu verlassen und auf der Straße zu leben.
Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart und die Caritas haben für diese Kinder den "Schlupfwinkel" geschaffen, eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche bis 21 Jahren, die auf der Straße leben. Dort können die Jugendlichen essen, ihre Wäsche waschen und duschen. Außerdem erhalten sie gezielte Unterstützung von Sozialarbeitern, Psychologen und Ehrenamtlichen.
Thorsten Bauer ist Sozialarbeiter und arbeitet seit einigen Jahren im Schlupfwinkel. Zwischen 300 und 400 Kinder und Jugendliche suchen die Einrichtung jährlich auf, sie stammen aus unterschiedlichen Milieus. "Viele kommen aus sozial randständigen Familien, aber genauso viele stammen auch aus gutem Hause. Diesen Kindern fehlt es dann nicht an Materiellem, sondern an der Auseinandersetzung mit den Eltern", so Bauer. Außerdem gebe es nicht das typische Straßenkind. "Manche reißen phasenweise aus und kehren wieder zu den Eltern zurück, andere bewegen sich an einer Grenzlinie, wohnen draußen oder immer wieder bei anderen Freunden und gehen aber weiterhin zur Schule", erzählt der 37-Jährige.
Vom Schlupfwinkel erfahren die Jugendlichen durch Erzählungen anderer oder durch Streetwork: Dabei suchen die Sozialarbeiter im Schlupfwinkel regelmäßig Plätze auf, an denen sich Jugendliche und Kinder aufhalten und sprechen sie an. Früher waren es häufig Punks, die auf der Straße lebten. Die Personengruppen hätten sich aber verändert, erklärt Bauer: "Vielen sieht man nicht an der Nasenspitze an, dass sie auf der Straße leben". Beim Ansprechen sei Taktgefühl das wichtigste Werkzeug. Die meisten Angesprochenen reagierten aber offen und positiv auf das Angebot der Sozialarbeiter.
Hat ein Jugendlicher den Weg zum Schlupfwinkel gefunden, findet als erstes ein Gespräch mit einem der Mitarbeiter statt. "Wir wollen wenigstens den Spitznamen der Jugendlichen wissen, machen dann eine Bestandsaufnahme mit dem, was sie uns anvertrauen", so Bauer. Anschließend werden die Neuankömmlinge über die Angebote des Schlupfwinkels informiert. Regeln gibt es auch: Alkohol, Drogen und Gewalt sind tabu. "Es ist wichtig, vorurteilsfrei auf die Jugendlichen zuzugehen", sagt Bauer. Vielen sehe man ihr hartes Schicksal schon an, manche seien traumatisiert oder hätten Entwicklungsstörungen. Die Schlupfwinkelbesucher bekommen zu Beginn erst einmal Zeit, sich zu akklimatisieren, erhalten aber auch Beratung und Hilfe, wenn sie das möchten. Die Mitarbeiter des Schlupfwinkels bieten darüber hinaus vermittelnde Gespräche zwischen Jugendlichen und deren Eltern an, wenn beide Seiten es wünschen.
Auch Arbeit und Freizeiten im Angebot
Der Schlupfwinkel ist aber nicht nur Schutz- und Ruheraum, sondern fordert die jungen Menschen auch. So gibt es regelmäßig Arbeitsprojekte. Momentan gibt es beispielsweise das Weinbergprojekt. Dabei bewirtschaften die Jugendlichen unter fachlicher Anleitung einen Weinberg und bauen fernab vom Großstadtlärm ihren eigenen "Schlupfwinkelwein" an. Das Endprodukt allerdings ist nicht für den eigenen Genuss bestimmt. Der Wein wird an Großabnehmer verkauft, um damit die Materialkosten des Weinbergprojektes wieder einzubringen. Für die Arbeit gibt es auch eine Aufwandsentschädigung: "Die Idee dahinter ist nicht das Geldverdienen, sondern die Erkenntnis, dass Arbeit Spaß machen kann", erklärt Bauer.
Kreativ werden können die jungen Menschen auch bei handwerklichen Projekten. Da werden zum Beispiel Schränke gebaut oder die Wände im Schlupfwinkel verziert. Viele entdecken dabei ungeahnte Fähig- und Fertigkeiten, die sie besitzen. Bauer, der selbst Musiker ist, bietet zudem Musikprojekte an. Neben den Arbeitsprojekten gibt es auch Freizeiten, an denen die Jugendlichen teilnehmen können. Diesen Sommer gibt es beispielsweise eine Kanufreizeit.
Ein weiterer Bestandteil der Arbeit im Schlupfwinkel ist, die Jugendlichen bei der Arbeits- oder Ausbildungssuche zu unterstützen. Auch bei Ämtergängen erhalten sie bei Bedarf Unterstützung. Die Arbeit mit den Jugendlichen ist oft von Rückschlägen geprägt, viele brauchen mehrere Anläufe, bis ein Ziel erreicht wird. "Es lohnt sich, Geduld zu haben, denn oft stellen sich doch noch Erfolge ein. Es gibt keine Biografie, aus der man nicht irgendwelche Ressourcen ableiten kann", ist Bauer überzeugt. Man brauche "einfach einen langen Atem" und dürfe die Jugendlichen nicht aufgeben, wenn etwas nicht in kürzester Zeit gelingt. Freuen könne er sich deshalb auch über kleine Erfolgserlebnisse. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher Vertrauen fasst oder eigenständig eine Krise meistert. Am schönsten aber sei es, wenn einer der Jugendlichen seinen Weg findet, der ihn zu einem zufriedenen und eigenständigen Leben führt.
Franziska Gruner





