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Orgel fährt auf Luftkissen durch das Kirchenschiff


Neues Instrument wird am 30. November in Alpirsbach eingeweiht

Es zischt laut. Ein Kompressor dröhnt. Der Ohren betäubende Lärm hat nichts mit einer industriellen Anlage zu tun – er kommt vielmehr aus der Alpirsbacher Klosterkirche und von einem Kompressor, der außerhalb der Mauern des romanischen Bauwerks steht.

Der Kompressor erzeugt ein Luftkissen. Dieses hebt die Orgel in der Kirche um gerade einmal 20 Millimeter in die Höhe, so dass das Instrument von der Nische im Südschiff in die Mitte der Kirche „fahren“ kann – Schritt für Schritt. Eine Viertelstunde dauert es, bis die 16,5 Tonnen schwere Orgel vor dem Altar zum Stehen kommt.


Die Luftkissenorgel in Alpirsbach

„Das dürfte auch gar nicht schneller sein“, sagt Orgelbauer Christian Kroll. „Wenn sich die Orgel zu schnell bewegt, kommen die Pfeifen ganz oben zu stark in Bewegung – dann ist das Instrument verstimmt.“ In zwölf Meter Höhe könnten die Pfeifen schon um die acht bis zehn Zentimeter schwanken. Damit die auf einem vergleichsweise kleinen Grundriss (4,2 x  4,2 Meter) und in drei Stockwerken gebaute Orgel nicht aus der Bahn kommt, wird zunächst im Boden der Kirche eine Aluminiumstange verankert – als Führungsschiene sozusagen. „So ein Luftkissen ist gar nicht so leicht zu steuern – deshalb ist die Stange notwendig“, erklärt Pfarrer Horst Schmelzle. „Ursprünglich hatten wir gedacht, die Orgel ließe sich frei im Raum bewegen – doch wir mussten lernen, dass das nicht so einfach ist“, blickt der 50jährige zurück.

Vor dem Einbau der Orgel musste zudem einiges am Kirchenboden verändert werden: Weil das Instrument so schwer ist, musste eigens ein dickes Betonfundament eingezogen werden. Der Sandsteinboden, der von Natur aus eher leicht uneben ist, wurde in Handarbeit glatt geschliffen, denn „wenn sich die Orgel nur um wenige Millimeter hebt, kann die kleinste Unebenheit für ein jähes Ende der Fahrt sorgen“,  sagt der technikbegeisterte Geistliche. Die Sandsteinplatten sorgen für eine weitere Herausforderung: Durch die Ritzen zwischen den Platten entweicht die Luft, die für den Transport nötig ist. „Das Luftkissen hätte sich gar nicht erst aufgebaut“, sagt Schmelzle. Die Lösung: Nach Anbringen der Führungsschiene wird der Boden mit einer Plastikfolie abgedeckt. Dann erst kann die Orgelfahrt beginnen.


Die Orgel als Skulptur

Die Luftkissenorgel im Bau

Damit die Orgel, wenn sie nicht an der Wand steht, immer eine gute Figur macht, wurden die Pfeifen so angeordnet, dass die vier Seiten identisch aussehen. Bildhauer Armin Göhringer und Claudius Winterhalter, der Chef der Orgelbaufirma, haben das Instrument als Skulptur konzipiert. „Es geht um mehr als klingende Konfektionsarchitektur oder entseelten Design-Futurismus. Es geht um ein Musikinstrument als Sinnbild vollkommener Verschmelzung von Form und Klang“, meint Claudius Winterhalter.

Warum muss sich die Orgel in Alpirsbach eigentlich bewegen? Die Frage ist in dem bekannten Schwarzwaldort mit dem Kloster aus dem Jahre 1095 nicht ganz unumstritten. Befürworter wollen, dass das Instrument bei Konzerten im Mittelpunkt steht – nicht nur als Hingucker, sondern auch wegen der Akustik. Pfarrer Schmelzle: „Wenn die Orgel frei im Raum steht, kann sich der Klang voll entfalten.“ Die Gegner stört hingegen, dass die Orgel den Altar verdeckt, wenn sie in der Mitte steht. Auch die Größe des Instrumentes ist für manche ein Problem – die Orgel sei zu überdimensioniert, heißt es. Bei vielen regt sich darüber hinaus Unmut über das viele Geld, das in das Projekt geflossen ist: 850.000 Euro kostet die erste bewegliche Orgel in Deutschland.


Spenden sammeln mit süßen und salzigen Orgelpfeifen

Seit 16 Jahren sammelt der eigens gegründete Orgelbauverein Spenden. Immerhin: Derzeit fehlen nur noch 75.000 Euro – das sind weniger als zehn Prozent. Neben großen Beiträgen von Stiftungen, Firmen und Privatpersonen sind es viele kleinere und größere Aktionen, die zur Finanzierung beigetragen haben. „Die Konditoren am Ort haben süße „Orgelpfeifen“ gebacken, verkauft und den Erlös dem Verein gegeben“, erzählt Schmelzle. Die Bäcker verkauften salzige Pfeifen, der Verein selbst verkaufte Kerzen mit aufgedrucktem Bild von der Orgel, es gab und gibt die Mög-lichkeit, für einzelne Pfeifen eine Patenschaft zu übernehmen – auch Anteile waren und sind möglich. Inzwischen sind mehr als zwei Drittel aller Orgelpfeifen bereits „vergeben“. Eine andere Aktion war „500 mal 500 mal 500“. Dabei sollten 500 Menschen gefunden werden, die innerhalb von 500 Tagen 500 Euro spenden. Ganz geklappt hat es damit zwar nicht, aber es kamen immerhin 100.000 Euro auf diesem Wege in die Kasse. Weitere Einnahmen kamen durch Benefizkonzerte, CD-Verkäufe, Dichterlesungen und die Erlöse von Klosterfesten zusammen. Gemälde und historische Grafiken wurden verkauft, auch alte Dachziegel der Kirche mit Golddruck.

Inzwischen ist die Orgel aufgebaut, die erste Testfahrt hat sie schon hinter sich. Es gab keine Verstimmungen, bei der Fahrt gab es keinerlei Probleme. „Wir waren alle bis zum Äußersten gespannt darauf, ob das mit der Technik auch wirklich klappt“, erzählt Horst Schmelzle. Die Erleichterung darüber, dass alles wie am Schnürchen lief, ist ihm abzuspüren. Jetzt freut er sich auf den Tag, an dem die Orgel eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben wird – den 30. November 2008.

Nicole Marten



Weiterführende Links
Orgel Alpirsbach

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