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Olympia und Hochkultur


Als Auslandspfarrer in London

London. Die letzte Bauarbeiten sind  ausgeführt und die Olympia Lane, eine ausschließlich für Olympiafahrzeuge reservierte Fahrspur, die London durchzieht und die Austragungsorte verbindet, hat den Stau auf den verbleibenden Spuren programmiert.  „Alles ist etwas chaotisch, es wird improvisiert und irgendwie funktioniert es immer. Typisch englisch halt“, sagt Wolfgang Kruse. „Vielleicht mag ich das ja so, weil ich im Orient war. Da ist es genauso.“


Wolfgang Kruse [Foto: privat]

Bis vor wenigen Tagen war Kruse noch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in den Pfarramtsbereich London-West entsandt. Nach der Olympiade kommt der Umzugswagen, denn er hat eine neue Aufgabe als Beauftragter der württembergischen Landeskirche für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart übernommen. Die olympischen Sommerspiele wollte der württembergische Pfarrer aber nicht versäumen. Er wird am Mittwoch, 1. August, den Empfang in der Deutschen Botschaft besuchen. „Am Montag schon legt das Traumschiff an, die MS Deutschland“, sagt er und erzählt wie genüsslich die britische Presse die Pannen im Vorfeld der Spiele kommentiert. Statt 12.000 zugesagter Sicherheitsleute habe die beauftragte Firma nur 3.000 gewinnen können, jetzt müsse das Militär mit einspringen. Und wie lange die Sicherheitsüberprüfungen dauern würden, wenn Zigtausende in die Stadien drängen, sei unvorhersehbar. „Aber ich bin optimistisch.“

Es sei schon „ein bisschen Glück“ im Spiel gewesen, als sich seine Frau Anne-Kathrin und er 2003 auf die Pfarramtsstelle London-West bewarben. „Wir hatten beide in Jerusalem studiert, uns dort kennen gelernt und beide den Wunsch, auch im Berufsleben noch einmal ins Ausland zu gehen“, so der 56-Jährige.  Begeisterung für Internationalität und Offenheit für ökumenische Fragen sollte ein Auslandspfarrer schon mitbringen, betont er. Doch Großbritannien sei etwas Besonderes.


Zuflucht während der Nazizeit

Das Olympiastadion in London [Foto: Justin Setterfield]

Während die deutschsprachigen, evangelischen Gemeinden in anderen Ländern häufig vor allem in den Metropolen angesiedelt seien, gebe es für deutsche Auslandspfarrerinnen und Pfarrer auf der Insel 27 Pfarrstellen mit mehr als 40 Gemeinden. Ein Grund liege darin, dass Großbritannien während der Nazizeit für viele das einzige Land in Europa gewesen sei, in das sie noch ins Exil gehen konnten. Das prägte die Gemeinden. Am 5. November 1934 trafen sich Vertreter aller deutschsprachigen englischen Gemeinden im Kirchsaal der Londoner Christuskirche, sagten sich von der hitlertreuen Reichskirche in Deutschland los und schlossen sich der Bekennenden Kirche an. Dietrich Bonhoeffer war an dieser Entscheidung maßgeblich beteiligt. Er war zu dieser Zeit Pastor der Deutschen Evangelischen Gemeinde Sydenham und der Deutschen Evangelisch-Reformierten Gemeinde St. Paul in Whitechapel. Die Oxforder Gemeinde, die wie die Londoner Christuskirche zu Kruses Pfarramtsbezirk gehörte, wurde am 3. September 1939 in der Universitätskirche gegründet, der prominentesten Kirche Oxfords. Es war der Tag, an dem England in den Krieg eintrat. Die Gründung an einem solchen Tag und einem solchen Ort sei eine sehr großzügige Geste der Briten gewesen, sagt Wolfgang Kruse. 


Herausragende Rolle der Kirchenmusik

Der Deutsche Chor London [Foto: privat]

Der sonntägliche Gottesdienst ist der unbestrittene Mittelpunkt der Gemeindearbeit, die Menschen reisen dazu häufig mehr als eine Stunde an und bleiben anschließend noch zu Tee, Kaffee und Kuchen. Darüber hinaus habe jede Gemeinde ihre eigenen Charakteristika. Die Gründung der Gemeinde Petersham etwa hänge eng mit der Errichtung der Deutschen Schule London zusammen, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Geprägt sei die Gemeinde vor allem durch junge Familien, die die Deutsche Schule besuchen und nur auf Zeit in Petersham leben. Es seien meist die Väter, die von ihren Unternehmen zwei bis drei Jahre nach London geschickt wurden. „Die Fluktuation ist enorm, die Gemeinde erneuert sich ständig.“

Die Christuskirche dagegen, 1904 erbaut, blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Von 1683 bis 1901 durfte die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Queen’s Chapel in St. James’s Palace feiern, die die Deutsche Hofkapelle in St. James genannt wurde. Hier spielt die Kirchenmusik eine herausragende Rolle. Jane Parker-Smith, eine Organistin von Weltrang, spielt die Orgel und aus dem Kirchenchor ist 2009 der Deutsche Chor London entstanden. Der singt bei Gottesdiensten, Konzerten,  Botschaftsempfängen und ist 2010 in der Kathedrale von Coventry aufgetreten. Zur Erinnerung an die Bombardierung der Kathedrale im November 1940 musizieren dort jährlich deutsche und englische Chöre zusammen. Der Zweite Weltkrieg, aber auch die Aussöhnung, sind in Großbritannien immer noch gegenwärtig. Und die deutschsprachigen, evangelischen Gemeinden mittendrin. Auch Pfarrer Kruse, der sich auf die olympischen Sommerspiele freut und sich Karten besorgt hat.  

Stephan Braun         


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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