Letten fühlen sich in Esslingen zu Hause
Die lettische Evangelisch-lutherische Gemeinde feiert 90 Jahre Unabhängigkeit Lettlands
Am Sonntag, 16. November, feiert die lettische Evangelisch-lutherische Gemeinde in Esslingen den 90. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung ihres Heimatlandes. Nach Württemberg kamen die Letten unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges.
Zur Jahreswende 1945/46 waren allein in Esslingen am Neckar über 8.000 lettische Flüchtlinge untergebracht. Unter ihnen auch der damalige Leiter der Evang.-luth. Kirche Lettlands und Mitglied des ersten Exekutivkomitees des Lutherischen Weltbundes, Erzbischof Theodors Grīnbergs.
Mit der Stabilisierung des Lebens eröffnete die Leitung der Letten in Esslingen mehrere Schulen: die Volksschulen in der Pliensauvorstadt, ein Gymnasium, eine Ingenieurschule in der Burgschule, eine Volkshochschule, eine Kunstakademie und noch weitere Ausbildungsstätten. Das kulturelle Leben wurde durch ein lettisches Theater, Operettentheater und durch viele Konzerte gestaltet. Auch eine eigene Zeitung und ein Journal kamen heraus.
Zu Hause in der Südkirche
Die große Zahl der Letten führte schließlich zur Gründung einer lettischen Evang.-luth. Gemeinde. Das Gemeindeleben wurde am Erntedankfest 1945 mit einem feierlichen Gottesdienst in der Südkirche eröffnet. Es begann eine rege Aktivität - an jedem Wochenende wurden in Esslingen sechs Gottesdienste gehalten. Hier, am Wohnort des Erzbischofs, fanden auch die Sitzungen des Oberkirchenrates der Evang.-luth. Kirche Lettlands statt, sowie die Pfarrerkonferenzen. In der Südkirche wurden mehrere lettische Pfarrer und Pfarrerinnen ordiniert. Nach dem Tod des Erzbischofs Grīnbergs richtete die Evangelische Landeskirche in Württemberg als Anerkennung für ihn
im Pfarrhaus der Südkirche einen Gedenkraum ein. So ist Esslingen und besonders die Südkirche noch heute ein symbolisches Zentrum der Lettischen Kirche in der Fremde geblieben, das dieser und ihren Gemeinde einen bleibenden Platz in der lettischen Kirchengeschichte sichert. Noch nach mehr als sechzig Jahren sind die Letten der ganzen Südkirchengemeinde von Herzen dankbar, dass sie sie als Flüchtlinge ohne Heimat und eigene Bleibe in christlicher Liebe aufnahm.
Zwei lettische Gemeinden in Württemberg
Mit Beginn der Emigration in überseeische Länder in den Jahren 1949/50 schmolz die Zahl der lettischen Gemeindeglieder. In Deutschland verblieben alle Kriegsinvaliden samt ihren Angehörigen, deshalb ging die Kirchenarbeit unter veränderten Umständen weiter. Aber sie hat nie aufgehört zu funktionieren.
In Württemberg sind noch zwei lettische Gemeinden geblieben, oder wie Erzbischof Rozītis es erklärt: „Eigentlich sind wir eine Gemeinde mit zwei Predigtstellen - in Esslingen und Stuttgart“. Er berichtet, dass sich seit 1982 in der Kapelle des Alten Schlosses in Stuttgart eine zweisprachige Gemeinde versammelt. Zu ihr gehören, neben mittlerweile verstreut im Großraum Stuttgart lebenden Letten, auch Deutsche sowie Deutschbalten. Seit der Öffnung der Grenzen Anfang der 90-er Jahre wird das Leben der Gemeinden, auch durch eine zunehmende Anzahl von zeitweise in Deutschland arbeitenden Letten, bereichert.
Mehrere Identitäten
Manche Letten, wie zum Beispiel das Ehepaar Vīganti aus Nufringen, besuchen beide Gemeinden. Das Ehepaar gehört zur bereits in Deutschland geborenen Generation, die das Heimatland ihrer Eltern, also ihre eigentliche Wurzeln erst spät kennengelernt haben. „Meine erste Reise nach Lettland im Jahr 1976 war eines der größten Erlebnisse, das meinem Leben eine gewisse Richtung gab“, sagt die in Bielefeld aufgewachsene Inta Vīgants. Ihre Eltern waren Kriegsflüchtlinge, die ihre Heimat nie mehr erleben durften. Die neun Gottesdienste mit anschließendem Gemeindeabend pro Jahr in Esslingen und die fünf in Stuttgart seien zu wenig, um ihre christlichen Bedürfnisse auszuleben. Deshalb geht Vīgants, die in beiden Sprachen zuhause ist, zusätzlich in die deutsche Kirche. „Ich habe zwei Seiten – eine deutsche und eine lettische. Ohne lettische Identität wäre ich unvollkommen, das ist ein wesentlicher Teil von mir.“
Ihr Mann Pēteris Vīgants, tätig auch im Gemeindevorstand, hat sogar drei Identitäten. Er ist in Deutschland geboren und im Alter von 6 Monaten zusammen mit seinen lettischen Eltern nach England ausgewandert. Dort ist er aufgewachsen, hat studiert und einige Jahre gearbeitet. Eine berufliche Veränderung führte ihn wieder zurück nach Deutschland. Er sagt, er sei Europäer, aber „in der lettischen Gesellschaft, in der lettischen Kirche fühle ich mich wie in einer großen Familie, weil ich die Menschen schon lange kenne“.
Dem langjährigen Gemeindevorsitzenden Egon Herrndorf, der selber einmal Musiker werden wollte, ist es ein großes Anliegen, dass die lettischen Gottesdienste in Stuttgart immer mit musikalischen Beiträgen gestaltet werden. Dazu lädt er die lettischen Gaststudenten, die in Stuttgart Musik studieren, ein. Herrndorf hat in Lettland nur seine ersten zehn Lebensjahre verbracht. Sein Vater ist Deutscher und seine Mutter Lettin. „Seit meiner Geburt bin ich in beiden Völkern integriert, deshalb kann ich kein Nationalist sein. Gewissermaßen sitze ich zwischen zwei Stühlen“, erzählt der in Feuerbach wohnende Restaurator. „Es ist schön, zusammen zu kommen, die Menschen zu sehen, die man nicht jeden Tag trifft. Die älteren Gemeindemitglieder interessieren sich, was es neues in Lettland gibt. Für die jüngeren Letten, die noch nicht so gut die deutsche Sprache beherrschen, ist das eine gute Gelegenheit, mit Landsleuten zu kommunizieren. Dies sind sehr interessante Treffen, weil beide Seiten davon profitieren“, sagt Herrndorf.
Lana Koluškina [November 2008]
Die Unabhängigkeitsfeier in Kürze:
In Württemberg wohnende Letten laden anlässlich ihres Nationalfeiertags am kommenden Sonntag, 16. November, um 14.00 Uhr zum festlichen Gottesdienst in die Esslinger Südkirche ein. Danach hält die Vorsitzende der lettischen Gemeinde in München eine Festansprache. Im Anschluss erwartet die Besucher ein Konzert. Ein gemütliches Beisammensein mit Kaffee und lettischen Spezialitäten schließt sich an.
Singen ist der „Gottesdienst der lettischen Seele“
Wie bei den meisten kleinen Völkern findet man auch bei den Letten ein sehr ausgeprägtes Nationalgefühl. Deshalb kommen sie gerne zusammen und feiern stolz ihre Feste. Auf der ganzen Welt - wo auch immer sie leben. „Das nationale und religiöse ist in den Menschen verbunden, die wir hier sind“, so Erzbischof der Evang.-luth. Letten im Ausland, Elmārs Ernsts Rozītis, der auch in Württemberg die lettischen Gemeinden betreut.
Lettland, mit seiner Fläche etwas kleiner als Bayern, ist der mittlere der drei baltischen Staaten, die an der nordöstlichen Küste der Ostsee liegen. Am 18. November 1918 wurde die Republik Lettland gegründet, aber schon im Jahr 1940 wurde das Land von der Sowjetunion besetzt. Ein halbes Jahrhundert mussten die Letten hinter dem „Eisernen Vorhang“ ausharren. Deshalb genießt das Land jetzt umso mehr die Prinzipien der Freiheit, Demokratie und internationaler Kooperation. Lettland, das seit vier Jahren Mitglied der Europäischen Union ist, ist weltweit besonders bekannt für seine Folklore und die Volksmusik. Zusammen mit der lettischen Sprache bilden sie die Grundsteine der nationalen Identität.

- Die Letten sind bekannt für ihre Volkstänze und ihre Musik.
Das seit 1873 alle fünf Jahre stattfindende „Allgemeine Lettische Sänger- und Volkstanzfest“ wurde im Jahr 2003 sogar in die Unesco-Liste des mündlichen und immateriellen Weltkulturerbes der Menschheit aufgenommen. Das traditionsreiche Festival ist ein einzigartiges Großereignis: In die Hauptstadt Riga strömen tausende in nationale Trachten bunt gekleidete Sänger, Tänzer und Musiker aus dem ganzen Land. Im Jahr 1964 fand das lettische Sängerfest auch in Hamburg statt. „Unser Sängerfest ist der Gottesdienst der lettischen Seele“, berichtet eine damalige Teilnehmerin, die immer noch in Hamburg lebt. „Hier ist es egal, was du bist. Polizist, Arzt oder Musiker. Das Lied ist das, was hier alle eint“, meinen die Teilnehmer des Festes auch heutzutage. Ende der 1980er Jahre war das kollektive Singen für die Letten eine der Hauptwaffen im gewaltlosen Kampf um die Unabhängigkeit. Deshalb wurden die friedlichen Proteste gegen das sowjetische Regime weltweit auch als „Singende Revolution“ bezeichnet.






