englishfrancais

StartseiteArbeitsfelderKirche und MenschenBuntes aus der LandeskircheArchiv BuntesJamaika

"Pain in Paradise"


Jamaika auf der Suche nach Frieden

Wer Jamaika hört, denkt meist an Bob Marley, Strand und weißen Rum. Für eine Gruppe der württembergischen Landeskirche, bestehend aus Synodalen, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden und Journalisten, wurde Jamaika zu viel mehr: Sie waren Teil der rund 1.000 Teilnehmer einer Internationalen Friedenskonvokation in Kingston, die am 24. Mai endete. Vor dem Treffen bekamen sie Einblick in die Arbeit unterschiedlicher Friedensinitiativen.


Schülerinnen und Schüler der freien Schule "Early Childhood" bekommen auch ein Mittagessen. [Foto: Lang]

Das Mädchen öffnet langsam den Mund, lässt sich den Löffel von der Lehrerin in den Mund schieben und ist die nächsten Minuten damit beschäftigt, Reis und rote Bohnen zu kauen. Die Lehrerin seufzt, häuft die nächste Portion auf den Löffel und wartet. "Wenn ich sie nicht füttern würde, würde sie nichts essen." Die beiden sitzen im Freien der Schule "Early Childhood", das fünfjährige Mädchen mit den vielen Zöpfchen und der rosa Schuluniform, die junge Lehrerin, die sich bemüht, nicht die Geduld zu verlieren. "Jeden Tag gebe ich ihr zu essen, es dauert ewig." Während die beiden sich so langsam bewegen, als wären sie in Watte gepackt, findet im Speisezimmer hinter ihnen der normale Trubel eines Mittagessens mit rund 30 Kindern statt. Die meisten der Kinder essen selbstständig, wie das für Fünf- oder Sechsjährige normal ist.

 

 


Tödliche Gewalt ist Alltag in Kingston

Zu Gast bei der Initiative "Early Childhood" ist eine Reisegruppe der württembergischen Landeskirche, die vom 18. bis 26. Mai die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation in Jamaika besuchte – ein Treffen des Ökumenischen Rates der Kirchen, das die Dekade "Gewalt überwinden" beendete. Vor der Versammlung besuchten die 13 Württemberger eine Woche lang von Montego Bay bis Kingston verschiedene Gemeinden und Initiativen. Und so stehen sie jetzt auf einem Schulhof in Kingston, schauen in Klassenzimmer, in denen von der Decke die selbstgebastelten Arbeitsmaterialien baumeln, tanzen mit den Kindern im Hof – oder hören der ehemaligen Bankerin und jetzigen Schulleiterin Merte Buchanan zu. "Wir haben hier auch von Gewalt traumatisierte Kinder. Sie essen nicht selbstständig oder fangen wieder an, sich nass zu machen, obwohl sie längst trocken waren." Diese Kinder haben Mord und Totschlag gesehen, waren dabei, als der Bruder oder die Mutter getötet wurden. Gewalt, tödliche Gewalt, ist in Kingston ein alltägliches Thema. Bis vor zwei Jahren haben viele Eltern sich geweigert, ihre Kinder in die Schule zu bringen. Zu gefährlich war es, das Haus zu verlassen. Seither arbeiten Kirchen, Staat und Kommunen an Friedensinitiativen, die Wirkung zeigen. Doch die Narben sind längst nicht geheilt.


Film über Jamaika

Im Sommer erscheint ein Film von Silke Stürmer und Stefan Adam über die Gewalt in Jamaika und den Versuchen, sie zu überwinden. Jamaika steht dabei stellvertretend für alle Länder. Der Unterschied: die Bilder sind eindrücklicher, die Probleme vielleicht drastischer, aber die Freude der Menschen an ihrer Arbeit ist dafür umso größer. Der Film erscheint als DVD im Evangelischen Medienhaus Stuttgart und ist mit einem Unterrichtsentwurf und Materialien zur Erwachsenenarbeit versehen.  


Ein sicherer Ort für Traumatisierte

Julia Früh, Vikarin in Nürtingen und Mitglied der württembergischen Reisegruppe, schließt die Augen. Sie hört Thomas Prieto Peral zu, der sie langsam – in ihrer Imagination– an einen sicheren Ort führt. Eine Methode die in der Arbeit mit traumatisierten Kindern eine Rolle spielt. In der Runde sitzen zwei Inderinnen, eine Norwegerin, zwei weitere Deutsche. Sie nehmen teil an einem Workshop der Friedenskonvokation in Kingston. Peral erzählt von einem irakischen Jungen, der erlebte, wie neben ihm eine Granate einschlug und Menschen tötete. Der Junge wurde mit der Zeit immer aggressiver, verweigerte das Essen. Und er erzählt, wie "Wingsofhope" diesem Jungen helfen konnte, wieder ein normales Leben zu führen. "Wingsofhope" ist eine Stiftung, "ein Kind der Dekade", wie der Vorstandsvorsitzende Peral sagt. Ohne die Dekade würde es die Arbeit mit traumatisierten Kindern in Afghanistan und Irak heute nicht geben. 

  


Dekade zur Überwindung von Gewalt ging in Kingston zu Ende

Für die Württembergerinnen und Württemberger verschränkten sich die Erfahrungen in einem Land, das von Gewalt geprägt ist, mit den Vorträgen, Bibelarbeiten oder Workshops zu den Themen der Dekade: Frieden mit der Natur, Frieden in der Gemeinschaft, Frieden zwischen den Völkern, Frieden in der Wirtschaft. Einige der rund 1.000 Teilnehmenden an der Friedensversammlung beneiden diese Gruppe. Jamaika erfahren sie nur in zugewiesenen Rationen, kirchlich aufbereiteten Kulturbeiträgen – aber nicht auf der Straße, mit dem Blick auf die Schussverletzung im Bauch, nicht durch die Worte der Mutter, die ihren Sohn in einem Schusswechsel verloren hat, nicht im Engagement der Frauen, die sich als "gesegnet" bezeichnen, weil sie den noch Ärmeren seit Jahren ein Frühstück servieren dürfen und nicht in den Gesichtern der Mädchen, die zum Beispiel mit zwölf Jahren geschwängert wurden, die Schule verlassen mussten und nun durch das Projekt "Woman Center" die Chance für einen Schulabschluss erhalten. "There is pain in paradise" sagt ein jamaikanisches Sprichwort. Genau diesen Eindruck nehmen die Reisenden mit zurück in ihre Landeskirche: die Schönheit der Strände und der Blue Mountains, das unglaubliche Engagement einzelner, die ihre Friedensarbeit als Geschenk empfinden und sich nicht weinerlich bemitleiden. Aber auch das Leid derer, die unter der Gewalt in der Gesellschaft und der weltweiten Ökonomie leiden – etwa auf den Zuckerrohrplantagen. Unter diesen Eindruck festigt sich die Überzeugung, dass die Friedenskonvokation nur eine Zwischenstation war, aber noch lange nicht das Ende auf dem Weg des Friedens.  

Silke Stürmer


(Wieder)Eintritt in die Kirche
Bookmarks und RSS

RSS Feed abonnieren

Hilfe für Missbrauchsopfer