Inschallah – die Hoffnung eines arabischen Christen
Emile Daher erzählt von seinem Leben als arabischer Christ in Israel
Stuttgart/Haifa. Wenn Emile Daher zuhause seine Wohnung verlässt, hat er es 10 Minuten bis zum Wasser. Dann steht er am Hafen von Haifa, vor sich die großen Containerschiffe, die nach Europa auslaufen, hinter sich ein Land, in dem viel gestritten wird, mehr noch: gekämpft.

- Emile Daher berichtet in Württemberg vom Leben als Christ in Israel
Hinter ihm, an die Ausläufer des Berges Karmel gelehnt, liegt aber auch eine Stadt, in der er erlebte, dass eben diese Menschen gut miteinander ihren Alltag teilen. Wie passt das in das Bild, das man sich in Deutschland von Israel macht, in das Bild von einem Palästinenser? Dieses Bild zu schärfen ist seine Aufgabe. Emile Daher, geboren in Haifa, erzählt in württembergischen Kirchengemeinden, auf Tagungen, in Gottesdiensten von seinen Erfahrungen, „als arabischer Christ im Heiligen Land“. Alles im Auftrag von „Dienst für Ökumene und Entwicklung“ (DiMOE), einer Stelle der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, für die Emile Daher von Haifa nach Stuttgart gezogen ist. Das Gespräch mit dem 59-Jährigen ist mühelos. Schließlich schrieb er in Bielefeld über reflexive Verben in der deutschen Sprache seine Magisterarbeit. In Ramallah hatte er ein Jahr Gelegenheit, dieses Wissen als Lehrer weiterzugeben, doch mit der ersten Intifadah, dem Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung 1987, kehrte er, der einen blauen israelischen Pass vor sich auf dem Tisch liegen hat, nach Haifa zurück.
Heute trennt eine bis zu acht Meter hohe Mauer die Westbank von Israel, damit auch Ramallah von Haifa. „Ich habe gesehen, wie die Tagelöhner um drei Uhr früh an der Mauer standen, um Arbeit zu bekommen. Sie haben stundenlang gewartet an den Kontrollen. Bis sie in Jerusalem waren, war die Arbeit weg.“ Erfahrungen wie diese fließen ins Gespräch ein, neben den Erlebnissen aus den letzten achtzehn Jahren als Hausvater eines Studentenwohnheims, einem Haus der anglikanischen Diözese Jerusalem und Naher Osten. „Die Atmosphäre war gut, die Muslime beteiligten sich an Weihnachten beim Schmücken des Christbaums“, erzählt er. Sie haben zusammen gekocht. Sie haben zusammen die Zimmer geteilt. Muslime und Christen. Sie sind eine Minderheit. Ihr gutes Zusammenleben beruht auch auf dieser Situation. „Alleine sind wir zu schwach“. In Israel – nicht der Westbank – leben 7,5 Millionen Menschen, rund 1,5 Millionen Araber. Von ihnen sind 154.000 Christen, sie machen etwa 2,1 Prozent der Bevölkerung Israels aus.
Alles ist offen, nichts ist einfach

- Auswandern ist für viele Christen in Israel eine Alternative. [Foto: Fotolia, CPO]
Emile Daher ist ein zierlicher, eher in sich gekehrter Mann. Die Sorge um den Arbeitsplatz, um die Finanzierung der Ausbildung für die Kinder, die politische Unsicherheit, heute Frieden, morgen Krieg, alles ist offen, nichts ist einfach. Aber er hat ja hier ein Anliegen: Indem er den Christen hier von den Christen in Israel erzählt, geraten diese nicht in Vergessenheit – und bleiben damit vielleicht auch im Land. Denn auch das ist eine Sorge: Dass die wenigen Christen das schwierige Land verlassen. Tel Aviv – New York. Oder Haifa – Toronto. Keine Ahnung wohin, aber weg aus diesem Land, das so wenig Perspektive bietet für die jungen Menschen. „Brain trade“, also Gehirnhandel, nennt Emile Daher diese Abwanderung. „Wir brauchen große Unterstützung, seelisch und geistlich. Es braucht ein Gefühl der Hoffung, dass wir als Christen in Israel nicht vergessen sind.“ Und es braucht finanzielle Unterstützung, Förderung, Arbeitsplätze, damit die jungen Leute bleiben. Und das, auch das weiß Emile Daher, geht nur über den Staat Israel, über eine Versöhnung von Palästinensern und Israelis, über außenpolitischen Druck. Hier in Deutschland macht Emile Daher zwei Erfahrungen: „Israel ist für sehr viele das Land der Verheißung, das darf man nicht kritisieren. Deshalb erkläre ich den Leuten hier, dass die Politik der Besatzung oder die Trennungsmauer israelische Politik sind, dass man nichts gegen die Juden als Menschen hat, aber gegen ihre Politik.“ Und dass es viele Israelis gibt, die sich selbst in ihrem Land gegen diese Politik wenden. Jetzt, nach den Angriffen auf die Versorgungsschiffe für Gaza durch die israelische Armee, ändere sich die Haltung ein bisschen: „Die Leute wagen, kritischer zu fragen.“ Das ist seine zweite Erfahrung.
Lebendige Steine
„Wir sind lebendige Steine“, sagt er von den Christen. „Wir sind bekannt für unseren guten interreligiösen Dialog.“ Und erzählt vom gelingenden Zusammenleben aller drei Religionen in der Stadt Haifa. Er spricht von der Hoffung, dass doch noch alles gut wird in seinem Land. Vielleicht kann ja auch er, wenn er nach drei Jahren zurück zu Frau und den drei Kindern nach Haifa geht, wieder in die Westbank fahren. Ohne Angst, dass etwas geschieht, weil sein Auto ja dort nicht versichert ist. Vielleicht kann ihn mal jemand aus Ramallah besuchen, ohne verhaftet zu werden, weil er um 24 Uhr noch nicht zurück ist. Vielleicht, oder hoffentlich, inschallah. „Wir sagen inschallah, weil man heute nicht weiß, was morgen kommt.“
Silke Stürmer




