Große Kunst im kleinen Gemeindehaus
An zwei Wochenenden im November wird das Aichwalder Gemeindehaus zur Galerie
Seit 2004 findet jährlich eine exklusive Graphikausstellung im evangelischen Gemeindehaus in Aichwald statt. An zwei Wochenenden im November (im Jahr 2009 von 14.-15. und 21.-22. November) werden bis zu 5.000 Besucher in das Dorf nahe Esslingen gelockt. Mit international bekannten Künstlerinnen und Künstlern kann die Ausstellung „Im Spiegel der Bilder“ überzeugen. Die Initiative dafür geht auf den rührigen Kurator der Ausstellung, Professor Frieder Gadesmann, zurück.
Geschäftiges Treiben, flinke Hände sind am Werk. Bilder werden aus den Kartons ausgepackt, geordnet und aufgehängt. Frieder Gadesmann koordiniert den Aufbau. „Wir verwandeln das Gemeindehaus in eine Galerie“, sagt er. In der Tat. Nach einer guten Stunde hängen schon viele der wertvollen Drucke an ihrem Platz. Bis zu 80 Ehrenamtliche aus der Evangelischen Gemeinde in Aichwald helfen mit, die Ausstellung vorzubereiten.
Ausstellung als Finanzspritze

- "Küssende Berge" ist eines der Werke überschrieben, die in der Ausstellung gezeigt werden.
2004 gab es die erste Ausstellung. Grund dafür war die Überlegung der Kirchengemeinde, wie sie an Gelder kommen kann. Das neue Gemeindehaus wollte bezahlt sein. Als Maßnahme zur Schuldentilgung fing alles an. „Dazu habe ich mich überreden lassen“, erzählt Gadesmann rückblickend, „eine zweite Ausstellung wollte ich aber nicht machen.“ Diese Rechnung ist nicht ganz aufgegangen: Der Erfolg der ersten Ausstellung war überwältigend.
Es folgten weitere. Aus „Im Spiegel der Bilder 2004“ wurde „Im Spiegel der Bilder 2005“. Bei der zweiten Ausstellung wurden Werke von Alfred Pohl gezeigt. Daraus haben die Aichwalder eine Verkaufsausstellung gemacht. Die eine Hälfte des Erlöses der verkauften Drucke erhält der Künstler, die andere die Aichwalder Kirchengemeinde.
Kunstinteressierte können einen Katalog der Ausstellung erwerben. Die Kosten für die Vorbereitung der Ausstellung von etwa 6.000 bis 10.000 Euro müssen gedeckt werden. „Das finanzieren wir mit dem Katalog“, erläutert der Kunstkenner. Davon gibt es allerdings nur 100 Exemplare. So werden sie zur Rarität. „Sobald man etwas verknappt, wird es wertvoller“, erklärt Gadesmann diese Strategie. Der Katalog zeigt alle Bilder der Ausstellung und enthält handsignierte Drucke. In jedem Jahr liegen zudem dem Katalog acht Offsetdrucke bei. „Wir möchten den Leuten damit ein besonderes Produkt zum Sammeln anbieten.“
Graphikausstellung wird zum Selbstläufer

- Frieder Gadesmann legt selbst Hand an, um die Ausstellung vorzubereiten.
Der Erfolg der Aichwalder führte dazu, dass eine andere Organisationsform gefunden werden musste. So gründeten sie einen gemeinnützigen Verein. Dieser steht in besonderer Verbindung zur Evangelischen Kirchengemeinde Aichwald, betont der Kurator. „Wir suchen uns jetzt Projekte aus, die wir fördern.“ Finanziell unterstützt haben sie bisher die Anmietung von Gemeinderäumen in einem Teilort, die Rekonstruktion einer historischen Orgel, Unterstützung zum Bau einer neuen Heizungsanlage in der Kirche, Konfirmandenarbeit, Jugendarbeit und weitere Projekte. Der Verein sei eine Organisationsform, um die Ausstellung zu betreiben. „Wir wollen daher auch keinen Mitgliedsbeitrag“, sagt der Theologieprofessor.
Frieder Gadesmann sammelte bereits mit 16 Jahren Graphiken. Das macht er jetzt seit über 50 Jahren. Viele Kontakte zu Künstlern kamen durch seine Neugierde zustande. „Ich wollte die Person, deren Bild ich gekauft habe, auch kennen lernen.“
Die Künstler: Christian Mischke und Hermann Kätelhön

- Zudem führt Gadesmann durch die Ausstellung.
In diesem Jahr sind Werke zweier deutscher Künstler zu sehen. Christian Mischke gilt als einer der bedeutenden Radierer der Gegenwart. Er fungiere als Pate der Ausstellung. Denn der zweite Künstler, der 1940 verstorbene Hermann Kätelhön, sei leider etwas in Vergessenheit geraten. „Kätelhön ist einer der großen deutschen Zeichner. Durch die Ausstellung will ich ihn wieder bekannter machen“, sagt Gadesmann. Zu seinem 125. Geburtstag in diesem Jahr biete sich das an. Und Gadesmann kann sogar eine künstlerische Beziehung zwischen Mischke und Kätelhön erkennen: „Beide sind sehr gute Zeichner“, begründet er die Zusammenstellung.
Kätelhöns Hauptthemen sind Schöpfung und Arbeit. Auf fast allen Bildern spielt die zunehmende Industrialisierung eine Rolle. „Bei der Ernteszene sind Wolken am Himmel. Diese Wolken entstehen durch den Schornstein im Hintergrund“, erklärt der Gadesmann.
Mischke ist ein „phantastischer Realist“. Er zeichnet vermeintlich normale Szenen, aber es passiert fast immer etwas auf den Bildern, das nicht normal sei. „Auf diesem Bild sieht man zwei Berge. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass sie sich küssen. Das ist die Überraschung in den Bildern“, erläutert der Experte Gadesmann. Er selbst und Christian Mischke leiten an den Wochenenden Führungen durch die Ausstellung.
Das Erfolgsrezept der Ausstellung sieht Frieder Gadesmann darin, „dass wir in einem kleinen Dorf international bekannte Künstler für Ausstellungen gewinnen können.“ Die Künstler kämen gern nach Aichwald. „Wir setzen auf Qualität“, so Gadesmann. Die Besucher hätten die Gewähr hochwertige Kunst zu sehen und das in einer Atmosphäre, die nur ein Dorf bieten könne. Die Mischung macht’s!
Juliane Baumgarten




