Note 1 für den Schulsport
Das Firstwald-Gymnasium in Mössingen eröffnet ein Internat mit Sportpartnerschaft
Einen nicht ganz alltäglichen Stundenplan haben die Schüler des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums in Mössingen. Medienerziehung und Techniklehre, Wetter- und Lawinenkunde oder Judo und Holzwerken sind ebenso Unterrichtsstoff wie Mathematik und Deutsch.
In Zusammenarbeit mit Print-, Fernseh- und Hörfunkredaktionen lernen die Firstwald-Schüler den verantwortungsvollen Umgang mit Medien.
Technische Experimente führen die Jugendlichen in der Schüleringenieursakademie durch. In der Alpin-AG wird Ski gefahren, im Gebirge geklettert und durch Höhlen gewandert, im Theaterkurs wird Schauspielunterricht erteilt. Hinter dem scheinbar bunten Durcheinander von Lehrinhalten steht ein innovatives Schulkonzept, das einzigartig in Baden-Württemberg ist. „Mensch und Medien“ sowie „Naturwissenschaft und Technik“ heißen die beiden Profile der Schule, zwischen denen die Schüler ab Klasse 7 wählen können. Im kommenden Schuljahr wird das Firstwald-Internat wieder eröffnet. „Für sportliche Internatsschüler bieten wir ein zusätzliches Angebot an“, erklärt Dieter König. Lässig sitzt er auf dem Stuhl, als sei er selbst noch Schüler. Jugendlich und sportlich wirkt der Lehrer mit seinem halblangen Haar. Der 37-Jährige ist Sportkoordinator des Internats - und damit verantwortlich für ein seltenes Kooperationsmodell zwischen Schule und organisiertem Sport.
„Sport und Schule unter einen Hut bringen“
In Zusammenarbeit mit Verbänden und Vereinen der Region Tübingen und Reutlingen will das Internat sportlich talentierte Schüler besonders betreuen und fördern. Zu Training und Wettkampf werden die jungen Sportler vom Schulunterricht befreit und mit Unterrichtsmaterial sowie Stundenprotokollen versorgt. Lassen die schulischen Leistungen aufgrund der Fehlzeiten nach, soll individueller Nachhilfeunterricht für bessere Noten sorgen. „Wir wollen, dass die Schüler ihren Sport und die schulische Ausbildung unter einen Hut bringen können“, erläutert Dieter König. Das erfordere die enge Abstimmung von Trainingsplänen und Schulunterricht. „Wenn der Trainingsplan eine Kraftausdauereinheit zwischen 10 und 11 Uhr vorsieht, stellen wir den Schüler für diese Zeit frei.“
Ein Bundesliga-Verein als Sportpartner
An dem Projekt wirken ein Fitnessstudio und ein Reha-Zentrum mit. Der Basketball-Bundesliga-Verein Walter Tigers aus Tübingen und der Baden-Württembergische Badminton-Verband sind ebenso Sportpartner des Firstwald-Internats wie die Laufgemeinschaft LAV Tübingen und der Fußballverein SSV Reutlingen. Nicht weniger prominent sind die Paten des Schulprojekts. Als eine „Nachwuchsschmiede im besten Sinne“ bezeichnet Olympiasieger Dieter Baumann das Internat. Es biete die Gelegenheit, „talentierte Sportler aus der Region an uns zu binden“. Auch FIFA-Schiedsrichter Knut Kircher lobt die Idee, „schulische Ausbildung und sportliche Leidenschaften“ miteinander zu verbinden.
Wie diese Idee in der Praxis aussehen soll, zeigt das Beispiel Pascal Orth. Der 16-Jährige wohnt in Nenzingen und spielt, aus Mangel an vergleichbaren sportlichen Herausforderungen am Bodensee, in der höchsten Fußball-Jugendklasse der Schweiz. Zum täglichen Training nach Schaffhausen fährt der Vater ihn ebenso wie zu allen Heim- und Auswärtsspielen in die Schweiz. 6000 Kilometer legen die beiden pro Monat im Auto zurück. Doch nahmen mit steigender Kilometerzahl die schulischen Leistungen von Pascal stetig ab. Also suchte der Vater im Internet nach einem Internatsplatz – und fand das Firstwald-Gymnasium. Ab dem kommenden Schuljahr soll der junge Torhüter im Internat wohnen und beim SSV Reutlingen trainieren.
Schulprojekt gegen die Bewegungsarmut
Doch richtet sich das Sportangebot des Firstwald-Gymnasiums nicht nur an Leistungssportler. „In jede Schule gehört ein Bewegungskonzept“, fordert der Sportwissenschaftler, „denn kein Fach tut mehr zur Gesamtbildung von Schülern als der Sport“. Mit täglichen Bewegungsangeboten will die Schule der Bewegungsarmut von Jugendlichen entgegenwirken. Viele von ihnen „können nicht auf Bänken geschweige denn rückwärts laufen oder für wenige Sekunden auf einem Bein stehen“, hat Dieter König beobachtet. Solche Fälle soll es in seiner Schule nicht geben. Vier Lehrer, die selbst aktive Sportler waren und lizenzierte Trainer sind, sorgen für ausreichend Bewegung im Schulalltag. Einmal die Woche kommt zudem ein Trainer des SSV Reutlingen in die Schule, um mit den Schülern zu trainieren.
Mit der Sportpartnerschaft beschreitet das Firstwald-Internat neue Wege inmitten einer Bildungslandschaft, in der der Schulsport auch von Seiten der Politik immer mehr gekürzt wird. Ein Sponsorenmodell soll das Sportangebot der Schule finanziell absichern. „Je mehr Geld, desto umfangreicher das Angebot“, bringt Dieter König es auf den Punkt. So soll körperliche Bewegung auch weiterhin fester Bestandteil des Schulalltags bleiben. Und Schüler wie Pascal können gute Noten liefern, ohne auf ihren Leistungssport verzichten zu müssen.
Wolf-Dieter Retzbach [Juni 2008]





