Die Lust am Lesen behutsam fördern
Nelli Mager ist Vorlesepatin im Bonhoeffer-Kinderhaus
Stuttgart. „Ich mag dich sehr, kleiner Bär“, heißt es im Dietrich-Bonhoeffer Kinderhaus, als Nelli Mager mit zwölf andächtig lauschenden Kindern zwischen drei und sechs Jahren in der Sonne sitzt und ihnen vorliest. Mager ist seit fünf Jahren Vorlesepatin und kommt alle vierzehn Tage in den evangelischen Kindergarten in Ostfildern. Über die Freiwilligenagentur „Fenster“ wurde die 69-Jährige auf ein Projekt aufmerksam, das Ehrenamtliche als Vorlesepaten für Kindergärten und Kindertagesstätten suchte.

- Vorlesepatin Nelli Mager ist bei den Kindern sehr beliebt. [Foto: Pressestelle | Gruner]
Die Vorlesepaten kommen nach Absprache mit den Erzieherinnen in die Einrichtungen und lesen den Kindern, die Interesse haben, Geschichten vor. Heidrun Bleiholder leitet das Bonhoeffer-Kinderhaus und hat Nelli Mager als Vorlesepatin zu schätzen gelernt: „Sie macht das ganz toll und ohne Zwang, wir hätten sie gern öfter hier“. Die Zwanglosigkeit spielt für Bleiholder eine sehr wichtige Rolle. „Wir sind keine Schule. Wer nicht mehr zuhören mag, darf gehen“, erklärt die Vorleserin. Das soll den Kindern den Spaß am Zuhören und am Umgang mit Büchern erhalten helfen.
Mager liebt Bücher schon von Berufs wegen: Sie war vierzig Jahre lang Bibliothekarin, hat eine Kinderbibliothek geleitet und möchte ihre Liebe zum Buch an die Kinder weitergeben. Den Anstoß zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Vorlesepatin gab allerdings auch die „Pisa-Studie“, die einst deutschen Kindern schlechte Lesefähigkeiten attestierte. Als Mager einen ausführlichen Artikel darüber las, beschloss sie, sich als Vorlesepatin zu engagieren.
„Kinder hören gern zu, nur wird in den Familien leider immer weniger gelesen“, bedauert die gebürtige Russin. Doch während ihrer Tätigkeit hatte sie schon Erfolg: Das Vorlesen, das zunächst einmal Spaß machen soll, hat auch die Sprachfähigkeiten einiger Kinder sehr verbessert, insbesondere bei Schützlingen mit russischen Wurzeln. Das gelang, indem Mager in zwei Sprachen vorlas und übersetzte. „Das Schöne dabei ist, dass die Kinder, die anfangs kaum deutsch sprachen, sehr schnell nur noch deutsch hören und sprechen wollen und ihren Wortschatz rasch erweitern“, erzählt Mager. Deshalb rät sie Eltern, deren Muttersprache eine andere ist, ihren Kindern auf Deutsch vorzulesen. Dabei könnten Eltern auch von ihren Kindern lernen, was wiederum die Beziehung zueinander stärke.
Kinder sollen wissen, dass die Welt groß ist

- Das Buch mit dem Bären ist der Hit. [Foto: Pressestelle | Gruner]
Der Großmutter von drei Enkelkindern liegt aber auch am Herzen, dass alle Kinder wissen, dass die Welt groß ist und es viele verschiedene Sprachen gibt. So komme es vor, dass deutsche Kinder sich auch gern einmal ein russisches Gedicht vorlesen lassen, um den Klang der fremden Sprache zu hören. „In Russland spielen Gedichte eine große Rolle und es wird viel auswendig gelernt“, erzählt die Vorlesepatin. Sie ist davon überzeugt, dass Gedichte und kleine Geschichten das Gedächtnis positiv beeinflussen können. Sie hat dabei geholfen, eine Schule für Bauernkinder in Russland zu gründen und hat dafür Fibeln mit kleinen, abgeschlossenen Geschichten geschrieben.
Die Bücher für ihre Lesestunde im Kindergarten bringt Nelli Mager selbst mit und wählt dabei nach verschiedenen Gesichtspunkten aus. Manchmal bietet sie auch russische Märchen oder Geschichten an. Es sei aber meistens nicht möglich, ein Buch zu finden, dass allen gefällt. Deshalb bringt sie meist mehrere für verschiedene Altersgruppen und Interessensgebiete mit. „Die Entwicklungsschritte zwischen den Dreijährigen und den Sechsjährigen sind so groß, dass nicht alle an denselben Geschichten interessiert sind“, erklärt sie. Dennoch beobachtet sie die Kinder genau und kann so oft ein Thema heraushören, das besonders viele Kinder anspricht. „Einmal haben wir das Thema Zahlen gehabt. Die Kinder mochten das und hatten sehr viel Spaß daran, mit mir zusammen alles Mögliche zu zählen. Ganz nebenbei haben sie sich ein bisschen auf die Schule vorbereitet“, erzählt sie.
Wenn die Vorlesepatin in den Kindergarten kommt und ihr Glöckchen klingeln lässt, hat sie sofort einen kleinen Pulk aus Kindern um sich, die sich auf die Vorlesezeit freuen. Die kleine Glocke brachte sie einmal in der Weihnachtszeit mit, doch die Kinder waren so fasziniert davon, dass sie mittlerweile jede Vorlesestunde einläutet. Wenn die Kinderschar sich dann in der Leseecke dicht um die Vorleserin drängelt, damit jeder alles sehen und hören kann, weiß Nelli Mager, dass ihre Aufgabe einen ganz besonders schönen Sinn hat.
Franziska Gruner
Projekt der evangelischen Kirche
„Vorleseoma oder Vorleseopa werden“ heißt ein Projekt, das von der evangelischen Arbeitsstelle Familie aufgelegt wird. Interessierte werden geschult und bekommen Begleitung – und sie haben einen Ansprechpartner für Fragen. Nelli Mager ist selbst Vorleseoma, will aber lieber Vorlesepatin genannt werden, weil einige ihrer ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen deutlich zu jung sind, um Oma oder Opa zu sein.




