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Bei Anruf Eintritt – ein Erfolgsmodell


Das Info- und Eintrittstelefon der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird 5 Jahre alt

Aus der Kirche austreten ist einfach: man geht zum Standesamt, zeigt seinen Personalausweis, bezahlt eine Gebühr, unterschreibt ein Formular – und das war’s. Wie aber tritt man wieder in die Kirche ein? Stimmt es, dass eine Vorstellung und Begrüßung im Gottesdienst der Ortsgemeinde zu einem Kircheneintritt dazugehört? Dass man da aufstehen und erklären muss, warum man ausgetreten ist und warum man jetzt wieder eintreten will? Muss man seinen Glauben nachweisen? Das Vaterunser aufsagen können? Und obendrein das Glaubensbekenntnis? Oder womöglich den Katechismus aus dem 17. Jahrhundert, den man damals im Konfirmandenunterricht eingetrichtert bekam?


„Keine Sorge! So schwer ist es gar nicht“, sagt Pfarrerin Silke Stürmer. „Wer eintreten will, kann zu seinem Pfarramt vor Ort gehen. Oder, noch einfacher, die 0800 813 813 8 wählen.“ Dann landet man nämlich beim Informations- und Eintrittstelefon der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, dem einzigen seiner Art in der Bundesrepublik.

Frau A. hat dort angerufen. Sie hatte in ihrer Jugend sehr unter der Enge ihrer pietistischen Heimatgemeinde gelitten und möchte sich mit ihrem Eintritt nun vorsichtig wieder der Kirche annähern. Kontakt zu ihrem Ortspfarrer will sie erst einmal nicht – zu groß ist ihre Sorge, gleich wieder vereinnahmt zu werden.

Bei Herrn B. ist es gerade umgekehrt: Er ist vor zwei Jahren aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten, weil er den Eindruck hatte, sein Pfarrer sei gar kein gläubiger Christ. Er hat aber niemandem etwas von seinem Austritt gesagt. Heute fühlt er sich einer Freikirche zugehörig, engagiert sich aber auch im Posaunenchor und in anderen Gruppen und Kreisen der Landeskirche. Das gibt ihm das Gefühl, unehrlich zu sein und er will wieder offiziell zur Landeskirche gehören.


Gespräche über Gott und die Welt

Pfarrerin z.A. Birgit Mattausch

Am 8. Oktober 2004 wurde die erste Person telefonisch wieder aufgenommen. Seither sind mehr als 600 Männer und Frauen über das Telefon wieder in die evangelische Kirche eingetreten.
Sie haben die kostenlose Rufnummer gewählt und dann mit der Pfarrerin am anderen Ende der Leitung ein sogenanntes Aufnahmegespräch geführt. Nach dem Katechismus wurde niemand von ihnen gefragt. Es gab auch keinen Glaubens-Check oder Wahrhaftigkeits-TÜV.

„Wir wollen einfach wissen, warum Menschen aus der Kirche austreten – und natürlich auch, warum sie wieder eintreten wollen. Vielleicht gibt es ja etwas, das wir besser machen können in Zukunft. Und etwas, was wir jetzt schon gut machen und weiter ausbauen sollten“, sagt Pfarrerin Birgit Mattausch, die sich mit Silke Stürmer derzeit die Zuständigkeit für das Telefon teilt. Sehr tiefgründig seien die meisten der Telefonate, fügt sie hinzu. Um Geburt und Tod gehe es oft, um Enttäuschungen, Lebensbrüche, Glaubenszweifel, Zughörigkeitsgefühle und um Glück. „Ich lerne viel über das Leben und über die Kirche bei diesen Gesprächen“, meint Birgit Mattausch.

Zum Beispiel von Frau C. Sie ist vor Jahrzehnten aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil sie deren Sexualmoral inakzeptabel fand. Sie arbeitet als Psychologin mit Eltern, deren Kinder todkrank sind. Als jemand sie fragt, wie sie das aushält, merkt sie: sie glaubt, dass es etwas gibt, was sie trägt. Sie findet es nur folgerichtig, wieder in eine Kirche einzutreten.


Langsame Annäherungen

Nach dem Gespräch füllen die beiden Pfarrerinnen für die Anrufer das Eintrittsformular aus und schicken es ihnen per Post zu. Die müssen nur noch unterschreiben und das Formular im beigelegten frankierten Rückumschlag zurück schicken. Silke Stürmer und Birgit Mattausch informieren dann das zuständige Ortspfarramt. Es ist für die Überreichung der Aufnahmeurkunde zuständig. Das kann in einem Gottesdienst geschehen, muss aber nicht. Manche Neueingetretenen möchten die Urkunde am liebsten nur zugeschickt bekommen, andere hätten gern, dass der Pfarrer sie besucht oder sie gehen in einen Gottesdienst. „Wir geben die Wünsche an die Kolleginnen und Kollegen vor Ort weiter“, erklärt Silke Stürmer. „Natürlich würden wir uns freuen, wenn es dort für ‚unsere Leute‛ schöne Begegnungen gibt – aber auch das Bedürfnis nach einer gewissen Anonymität oder einer ganz langsamen Annäherung respektieren wir.“

Herr D. etwa sagt am Telefon gleich zu Beginn, er wolle eigentlich nur seiner Frau zuliebe eintreten. Die macht sich Sorgen, dass niemand ihn richtig beerdigt, wenn er kein Kirchenmitglied ist. Ist das nun ein „ernsthaftes Begehren, zur Kirche zu gehören“ – so wie es das Kirchengesetz bei einem Eintritt vorsieht? Das Gespräch, das Herr D. und die Pfarrerin führen, ist jedenfalls sehr intensiv: es geht um die Suchterkrankung des Sohnes von Herrn D., um die Gerechtigkeit Gottes, die eigene Fehlbarkeit, die Schwierigkeit, etwas loszulassen. Schließlich tritt Herr D. ein. Er weiß aber auch, dass er jederzeit wieder austreten kann.


Keine reuigen Sünder, sondern selbstbewusste Mitglieder

Pfarrerin Silke Stürmer

In der Kirche herrsche noch allzu oft das Bild vom Eintretenden als reuigem Sünder vor, der als verlorener Sohn schuldbewusst in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehre. So kritisierte Professor Michael Moxter von der Universität Hamburg erst jüngst bei einer Tagung zum Thema Kircheneintritt im hessischen Hofgeismar. Die Selbstwahrnehmung der Eintretenden sei aber eine ganz andere. Silke Stürmer und Birgit Mattausch vom Infotelefon bestätigen das: „Viele, die bei uns eintreten, sagen, dass die Gründe für ihren Austritt damals richtig waren. Sie nehmen aber sehr wohl eine Veränderung innerhalb der Kirche selbst wahr. Und Veränderungen bei sich selbst: neue Lebensphasen machen einfach anderes wichtig.“

Fast ein Drittel derer, die über das Telefon eintreten, sind dann auch zwischen 30 und 40 Jahre alt. Viele von ihnen wollen heiraten, bekommen ein Kind oder sollen Paten werden. „In den Gesprächen mit dieser Altersgruppe geht es oft um Verantwortung und um Zugehörigkeit zum ‚Strom des Lebens‛, wie ein Anrufer und ich es einmal gemeinsam formuliert haben“, erzählt Birgit Mattausch. Und sie verweist auf eine neue Untersuchung des Zukunftsforschers Horst Opaschowski, in der vom Ende der „Ichlinge“ die Rede ist. Die Generation der Dreißigjährigen wolle demzufolge dezidiert Menschen helfen, Verantwortung übernehmen und eine bessere Gesellschaft schaffen. Und die breche eben in der Kirche an, meint die Pfarrerin: „Hier und da zumindest – aber auf jeden Fall öfter, als man meint! Ich bin jedenfalls sicher, dass die, die da bei uns am Telefon eintreten, der Sache Gottes in der Welt und in unserer Kirche richtig gut tun!“

Christian Tsalos


Das Info- und Eintrittstelefon kann aus ganz Deutschland angerufen werden. Auch Eintrittswillige, die auf dem Gebiet einer anderen Landeskirche als der württembergischen wohnen, können hier in ihre Kirche vor Ort eintreten. Es ist in der Regel besetzt von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr.
Silke Stürmer und Birgit Mattausch beantworten auch gern (beinahe) alle anderen Fragen, die mit Kirche zu tun haben.
Die Nummer ist: 0800 813 813 8
Der Anruf ist kostenlos.


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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