Kommentar
Ist nun die Baumbestattung für die Kirchen ein Ort der letzten Ruhe wie jeder andere auch?
Wohl kaum und das kann begründet werden. Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst vermisst bei der Baumbestattung „wesentliche Aspekte des christlichen Menschenbildes“. Der spärlich bezeichnete und nicht gepflegte Bestattungsplatz weit abseits des Lebensraumes der Lebenden werde der Personwürde des Menschen nicht gerecht. Tatsächlich drängt sich beim Konzept der Waldbestattung der Eindruck auf, dass hier Menschen aus der Erinnerung der Gemeinschaft weggeschoben werden, beziehungsweise dass die Alten den Schritt zur Entsorgung ihres Andenkens freiwillig vollziehen. Der Rottenburger Bischof betont, dass es eine Errungenschaft des Christentums gewesen sei, dass die Toten als weiterhin zur Gemeinschaft dazugehörig verstanden wurden. Der Glaube an Christus als Herr über die Lebenden und die Toten schließe beide in der Hoffnung der Auferstehung zusammen. In der Folge habe das Christentum eine eigene Bestattungskultur geschaffen. Tatsächlich wurden im Zuge der Christianisierung die Gräberfelder in die Städte und Dörfer hineingeholt. Die Toten wurden nicht mehr als unrein verstanden und die Furcht vor ihrer Macht war dem Glauben an die Macht Christi über alle gewichen. Vor allem aber, so Fürst, erhielt der Umgang mit den Verstorbenen im Christentum von nun an den Rang eines Bekenntnisses. Nicht allein als Ehrung und Liebesbezeugung wurden Bestattungsrituale und die Grabpflege verstanden, sondern als Ausdruck der Auferstehungshoffnung. Dementsprechend kann gesagt werden: Wer ein Grab in Städten und Dörfern schmückt, tut nicht nur etwas für die eigene Trauerarbeit, er hält nicht nur das Gedächtnis an die verstorbene Person wach. Er erinnert die Welt der Lebenden an die fundamentale Frage, ob nach diesem Leben alles aus ist oder noch etwas kommt.
Friedhöfe inmitten der bewohnten Welt sind zugleich noch mehr. Sie führen den Lebenden ihre Sterblichkeit und damit die eigenen Begrenzungen vor Augen. Das kann mäßigend auf überzogene Lebenskonzepte individueller wie gesellschaftlicher Art wirken und das Verantwortungsgefühl schärfen. Friedhöfe inmitten der bewohnten Welt machen einer Gesellschaft bewusst, dass die gegenwärtig Lebenden weder am Anfang noch am Ende der Zivilisationskette stehen. Eine Gesellschaft baut immer auf den Schultern vorangegangener Generationen auf. Und sie muss sich der Verpflichtung stellen, einen bewohnbaren Lebensraum an Kinder und Kindeskinder weiterzugeben.
Die Zivilisation des Abendlandes ist geprägt von einem linearen, nicht von einem zyklischen Geschichtsverständnis. Geschichte wird danach nicht wie im Kreislauf der Natur als immer neu wiederkehrend verstanden, sondern als eine Abfolge von Ereignissen, die alle ihren einmaligen Platz auf dem Zeitstrahl haben: Vom Noch-nicht über das Jetzt zum Nicht-mehr. Dieses Zeit- und Geschichtsverständnis wurzelt in der christlichen Auffassung von der Geschichte als Heilsgeschichte. Danach schreitet die Zeit von der Weltschöpfung über das Christusereignis bis hin zu Totenauferstehung, Weltgericht und Weltneuschöpfung voran. Das Vergangene geht nie verloren, es bleibt immer aufgehoben in der Erinnerung Gottes.
Die naturreligiöse Deutung der Welt geht im Gegensatz dazu von einem zyklischen Geschichtsverständnis aus. Nach den Prinzipien des Werdens und Vergehens gibt es keinen wirklichen Fortschritt, sondern immer wieder einen kompletten Neubeginn, der die Errungenschaften des Vergangenen nicht kennt. Die Waldbestattung, die aus dem naturreligiösen Gedankengut stammt, ist wohl letztlich nie ohne dieses zyklische Weltverständnis und seinen Kulturpessimismus zu haben. Somit hat die Frage nach der Bestattungsform nicht nur eine individuelle Dimension, sondern berührt unsere gesellschaftliche Identität im Kern.
Stefan Wittig [Juli 2008]




