Brücken zwischen den Menschen
Neues Gemeinschaftsgefühl in der „Aufzugkirche“ in Oberndorf
Die evangelische Kirche in Oberndorf am Neckar liegt am Stadtrand auf einem steilen Berg. Inzwischen kann man, anstatt viele Stufen nach oben zu überwinden, auch mit zwei Aufzügen bis in das Kirchenschiff fahren – und steht direkt neben dem Altar.
Kirchen üben eine hohe Anziehungskraft auf Menschen aus. Kommt man als Besucher in eine Stadt, sucht man das Zentrum und hofft, es um die Kirche herum zu finden. Bei der evangelischen Kirche in Oberndorf am Neckar ist das nicht ganz so einfach: Sie liegt am Stadtrand auf einem steilen Berg. Ist man dort oben angekommen, muss man noch einmal außen und innen Treppen steil nach oben steigen. Inzwischen kann man allerdings auch mit zwei Aufzügen nach oben kommen. Diese hat die Kirchengemeinde einbauen lassen, als sie im Jahr 2003 daran ging, die Kirche zu renovieren. Um das zu finanzieren, wurde der „Förderverein für die Evangelische Stadtkirche Oberndorf a. N. e. V.“ gegründet. Außerdem wurde ein Gemeinde- und ein Pfarrhaus verkauft. „Ein Traum wäre noch der Aufzug vom Stadtzentrum im Tal hinauf auf den Berg, auf den die Kirche 1915/16 gebaut wurde“, erzählt Pfarrer Thomas Elser. Doch das sei Aufgabe der Stadt. Die beiden Aufzüge an und in der Kirche sorgen für einen barrierefreien Zugang zum Gotteshaus, das gleichzeitig auch Gemeindehaus ist.
Fährt man mit dem Aufzug außen nach oben, so gelangt man zunächst in das Untergeschoss der Kirche. Dort befinden sich eine Küche, ein Besprechungsraum und die WC-Anlagen. Über den zweiten Aufzug gelangt man dann in das Kirchenschiff – und steht direkt am Altar. Der hintere Eingang, der bei anderen Kirchen der Haupteingang ist, wird in der Regel nur als „Brauttüre“ genutzt. Kirchenbänke sucht man im Mittelschiff vergebens: Sie wurden bei der Renovierung durch Stühle ersetzt. Das hat Vorteile: Bei Gottesdienste mit vielen Teilnehmern und bei Konzerten stehen die Stühle mit Blickrichtung zum Altar. Für Gottesdienste mit wenigen Teilnehmern jedoch lassen sich die Stühle auch im Kreis oder im Oval aufstellen, auch in zwei oder drei Reihen. Und für das Frauenfrühstück werden nun auch Tische in den Gottesdienstraum gestellt. Zur Renovierung gehörte auch, den Innenraum sowie die Kirchenbänke in den Seitenschiffen aufzuhellen.
Die äußerlich sichtbaren Zeichen, dass sich in der evangelischen Kirchengemeinde in Oberndorf etwas verändert hat, sind aber nicht alles. Im Jahr 2000 befasste sich der Kirchengemeinderat mit der Frage, wie die Gemeinde fit für die Zukunft werden könne. Vor der Renovierung der Kirche waren die Aktivitäten in der Gemeinde sehr stark an den jeweiligen Stadtteilen orientiert. So gab es beispielsweise die Gruppierung „im Tal“ und die „auf dem Berg“. Das sollte sich ändern.
Jeden Samstag eine große Gruppe Helfer auf der Baustelle
Da kam das Projekt „Notwendiger Wandel“, das von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ins Leben gerufen wurde, gerade recht. Externe Experten berieten den Kirchengemeinderat. Im Laufe des Prozesses kristallisierte sich die zentrale Frage heraus: „Wo ist die Mitte der Gemeinde?“ Die Antwort lautete „Stadtkirche“. Dort sollte sich mehr Gemeindeleben abspielen, das Gebäude galt es zu renovieren. Der Kirchengemeinderat beschloss, das Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindehaus sowie ein Pfarrhaus zu verkaufen, und Versammlungsräume und eine Küche in die Kirche zu integrieren, die beiden Aufzüge einzubauen und auch außen zu renovieren. Nachdem die Arbeiten an der Fassade beendet waren, begann die Innenrenovierung im Januar 2007. Sie war im März 2008 abgeschlossen. „Wir hatten jeden Samstag eine große Gruppe Helfer auf der Baustelle“; berichtet Elser. Nicht nur Gemeindemitglieder, sondern auch Katholiken und Leute, die vorher mit Kirche nicht viel zu tun hatten, waren tatkräftig am Werk. Das gemeinsame Projekt rief ein neues Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedern hervor, es baute Brücken zwischen den Menschen.
Jetzt, da der Gottesdienstraum luftiger und heller ist, sei auch die Stimmung unter den Besuchern eine andere: „Als man früher in die dunkle Kirche kam, war man eher still – heute kommen die Leute und fühlen sich frei – sie schwatzen auch mal gern“, freut sich Elser.
Nicole Marten [August 2008]








