20 Jahre nach dem Mauerfall
Noch heute unterhalten Gemeinden rege Kontakte
Die württembergische evangelische Landeskirche und die evangelische Kirche in Thüringen sind seit Jahrzehnten Partnerkirchen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind viele Gemeindepartnerschaften vital wie eh und je, andere sind eingeschlafen, wieder andere werden neu belebt. Das Beispiel des Kirchenbezirks Bad Cannstatt und der Suptur, dem Kirchenbezirk, Königsee zeigt, wie wichtig der Austausch für beide Seiten nach wie vor ist.

- Brigitte Rachel
Brigitte Rachel erinnert sich genau an ihre erste Begegnung mit der Partnergemeinde in Thüringen. Die fröhliche Frau mit den blauen Augen und den weißen Haaren schüttelt den Kopf und seufzt: „Die Einreise an der Grenze haben uns die Beamten schwer gemacht. Alles haben sie durchsucht. Es gab mehrere Pass- und Autokontrollen, mit einem Draht haben sie sogar im Tank nach versteckten Schusswaffen gesucht.“ Am Abend der Ankunft konnte Brigitte Rachel nur noch erschöpft ins Bett fallen. Zusammen mit ihrer Freundin Anni Bürkle ist sie 1978 das erste Mal zur Partnergemeinde Scheibe-Alsbach, in der jetzigen Suptur Königsee, nach Thüringen gefahren. Den ersten Kontakt mit den Gemeindemitgliedern vor Ort hat Brigitte Rachel in bester Erinnerung: „Wir haben uns sofort wohlgefühlt. Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Die Leute dort hatten nicht viel, aber das Wenige haben sie gerne mit uns geteilt.“
Enge Kontakte nach Thüringen

- Das Ehepaar Küfner pflegt enge Freundschaft mit seiner Partnergemeinde
Aus den ersten Begegnungen mit der Partnergemeinde sind enge Freundschaften geworden. So pflegt die 67-Jährige engen Kontakt mit Volkwart Küfner, dem langjährigen Pfarrer der Gemeinde Scheibe-Alsbach. Küfner war dort 42 Jahre Superintendant, so wurden die Pfarrer in der DDR genannt.
Auch mit der heutigen Gemeindevorsteherin hat Brigitte Rachel Kontakt. „Wir sind derselbe Jahrgang, deswegen habe ich bei ihr während den Besuchen übernachtet.“ Brigitte Rachel erinnert sich neben den angenehmen Begegnungen auch noch genau an die Repressionen, unter denen die Gemeindemitglieder in Scheibe-Alsbach zu leiden hatten. Pfarrer Küfner betont, dass die Partnerschaft nach Württemberg ihm die Möglichkeit bot, über die schwierige Situation der Kirche in der DDR zu informieren. „In meiner Stasi-Akte habe ich fast den gesamten Briefwechsel zu den Pfarrern im Westen nachlesen können“, erzählt Volkwart Küfner.
Unterstützung aus dem Westen

- Brigitte Rachel und die Gemeinde in Thüringen
Über die Hilfsbereitschaft und das Einfühlungsvermögen der Freunde im Westen war Küfner immer froh. „Die Verbundenheit und die Offenheit, die wir gefühlt haben, hat uns gut getan. Der Kontakt war für uns wie ein offenes Fenster in eine weitere Welt.“ Denn in der DDR habe er sich oftmals wie ein Gefangener gefühlt, erklärt der Theologe. Diesen Eindruck kann Brigitte Rachel durch ihre häufigen Besuche in Thüringen bestätigen: „Dieser Staat hat den Menschen keine Luft gelassen. Es gab in allem Einschränkungen.“
Nicht zuletzt die materielle Unterstützung der Freunde aus dem Westen war für die Thüringer zu DDR-Zeiten von Bedeutung. So erinnert sich Volkwart Küfner mit großer Dankbarkeit daran, als er Ende der 70er Jahre eine elektrische Schreibmaschine aus dem Westen geschenkt bekam. „Das hat meine Arbeit enorm erleichtert. In Zeiten des Computers kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Aber damals war die Schreibmaschine ein wahrer Segen.“
Allerdings haben auch hier die Grenzbeamten wieder Steine in den Weg gelegt. Superintendant Küfner klärt auf: „Die Schreibmaschine hat damals 300 Westmark gekostet. Der Grenzbeamte hat für die Einfuhr noch mal 400 Westmark dazu verlangt. Damit war der Zoll höher als der Beschaffungspreis. Gegen solche Schikanen war man leider machtlos.“
Austausch ist beiden Seiten wichtig

- Die Kirche in Scheibe-Alsbach
Die Begegnungen haben beide Seiten immer als große Bereicherung empfunden. „Wenn man nach Scheibe-Alsbach kommt, ist das, als ob man die Familie besucht. Über die lange Zeit hat sich das so entwickelt“, erklärt die 67-Jährige Brigitte Rachel. Lachend erzählt sie vom „heißen Draht nach Thüringen“, der bis heute Bestand hat. Mit der Wende hat sich die Partnerschaft zwischen den Gemeinden verändert. Weil beiden Seiten der Austausch weiter wichtig war, haben sie im Jahr 1994 einen Partnerschaftsvertrag zwischen der Suptur Königsee und dem Dekanat Bad Cannstatt, den beiden Kirchenbezirken, unterzeichnet. Darin ist festgehalten, dass man sich regelmäßig trifft und die Beziehungen fördert.
Regelmäßige Treffen haben Bestand

- Begegnung in der Kirche in Scheibe-Alsbach
Seitdem finden alle zwei Jahre Begegnungsfreizeiten statt. Die Freunde haben schon viel miteinander unternommen. Sie waren in Erfurt, in Nürnberg oder in Konstanz am Bodensee. Das nächste Treffen ist für 2010 geplant. Diesmal wieder in Württemberg, in Bad Urach. Brigitte Rachel ist im Partnerschaftsverein, der das ganze organisiert. Thema der Tagung im nächsten Jahr „Reformatorische Spurensuche in Württemberg“. „Hierzu wird es Vorträge über Primus Truber und den Reformator Johannes Brenz geben“, weiß Brigitte Rachel. Aber noch einiges mehr steht auf dem Programm: eine gemeinsame Wanderung, Ausflüge nach Blaubeuren und Ulm sowie eine Stadtführung durch Bad Urach. Zum Abschluss ist ein gemeinsamer Gottesdienst geplant.
„Wenn wir unsere Treffen ausschreiben, sind innerhalb kürzester Zeit alle Plätze belegt, so beliebt ist diese gemeinsame Unternehmung. Wir müssen die Teilnehmerzahl aber auf 50 begrenzen, denn größere Unterkünfte gibt es ja kaum“, sagt die Mitorganisatorin Rachel. Außerdem sollen alle auch ins Gespräch kommen. Das sei in kleineren Gruppen etwas leichter. In Bad Urach sind im nächsten Jahr wieder viele altbekannte Gesichter aus Thüringen und aus Württemberg mit dabei. „Die Tradition hat Bestand und soll weiter fortgeführt werden, auch die jungen Generationen wollen wir hierzu einladen“, bekräftigt sie. Denn der Kontakt soll auch in Zukunft gepflegt werden. Jetzt aber freut sich Brigitte Rachel erst einmal auf das nächste Treffen.
Juliane Baumgarten




