Partnerschaften zwischen Württemberg und Thüringen
20 Jahre nach dem Mauerfall unterhalten manche Gemeinden noch rege Kontakte
Die württembergische evangelische Landeskirche und die evangelische Kirche in Thüringen sind seit Jahrzehnten Partnerkirchen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind viele Gemeindepartnerschaften vital wie eh und je, andere sind eingeschlafen. Und wieder andere werden neu belebt.

- Heidi und Hans Hartmaier
Hans und Heidi Hartmaier aus Stuttgart-Heumaden reisten schon vor dem Mauerfall 1989 regelmäßig nach Thüringen. Sie hatten dort Verwandtschaft. Der Kirchengemeinderat Hans Hartmaier war von den regelmäßigen Blicken hinter den „Eisernen Vorhang“ so fasziniert, dass er eine Gemeindepartnerschaft mit einer Kirchengemeinde in Thüringen anregte.
Hunderte württembergische Kirchengemeinden haben solche Kontakte. „Schon 1949 mit der Gründung des Evangelischen Hilfswerks, des späteren Diakonischen Werks, haben die evangelischen Landeskirchen in Westdeutschland die ostdeutschen Kirchen für ihre Hilfsprogramme unter sich aufgeteilt“, weiß Kirchenrat i. R. Ernst-Ludwig Vatter, der für die Landeskirchenpartnerschaft zuständig war. Damals wurden Thüringen und Württemberg einander zugeteilt. Von Anfang an sei die Partnerschaft auf die Gemeindeebene gezogen worden. Das hatte handfeste Gründe. „Wir brauchten in Württemberg Leute, die Hilfspakete verschicken. Kirchliche Hilfswerke durften keine Pakete in die Sowjetische Besatzungszone aufgeben, Privatpersonen schon“, berichtet Vatter.
Auch Alt-Heumaden findet einen Partner
Alt-Heumaden war also mit seiner Partnersuche Ende der 1980er-Jahre vergleichsweise spät dran. Ums Paketepacken ging es längst nicht mehr, sondern um Begegnungen von Kirchengemeinden und von Menschen, die
zwar dieselbe Sprache sprechen, aber im Alltag sehr unterschiedliche Erfahrungen machen. Vom Dekanatamt Degerloch bekam das Ehepaar Hartmaier 1990 den Tipp, Kontakt mit der südthüringischen Kirchengemeinde in Exdorf-Obendorf aufzunehmen. Wenige Monate später war die Partnerschaft der beiden ungleichen Gemeinden – die ländliche Doppelgemeinde Exdorf-Obendorf hat gerade mal 600 Einwohner und 280 evangelische Gemeindeglieder, in Heumaden gibt es 3.400 evangelische Gemeindeglieder bei rund 10.000 Einwohnern – besiegelt. Seither gibt es gegenseitige Begegnungsreisen. Außerdem haben viele Heumadener mit ihren Spenden geholfen, die Exdorfer Kirche zu renovieren.
Exdorf-Obendorf freut sich über Unterstützung durch die große Schwester im Südwesten. „Wir sind sehr dankbar für unsere schöne, helle Kirche“, sagt Anneliese Graf. Die 73-jährige Vorsitzende des „Gemeindekirchenrates“ ist auf Exdorfer Seite die treibende Kraft der Gemeindepartnerschaft. Heidi Hartmaier aus Heumaden ist wiederum fasziniert von der „überwältigenden Gastfreundschaft“ der Exdorf-Obendorfer. Beide sind sich darin einig, dass die Begegnung von Mensch zu Mensch das wichtigste sei und ihren Horizont weite.
Unterschiedliche Probleme - kreative Lösungen

- Unter dem Motto "Jetzt ist die Zeit..." steht der erste Mitteldeutsche Kirchentag am 19. und 20. September 2009 in Weimar.
„Die Gemeinden in Thüringen und in Württemberg stehen teils vor unterschiedlichen, teils vor ganz ähnlichen Herausforderungen. Beispielsweise ist die Entkirchlichung nach Jahrzehnten des Sozialismus in Thüringen weit fortgeschritten. Die Kirche muss kreative Lösungen im kirchenfernen Umfeld zu entwickeln. Da können wir viel voneinander
lernen“, sagt Ernst Ludwig Vatter. Und für Pfarrerin Sabine Seckel, die die Gemeinden in Exdorf-Obendorf und Umgebung betreut, bedeutet die Partnerschaft „eine gegenseitige Ermutigung. Es ist gut, dass man umeinander weiß und sich füreinander interessiert.“
Nicht alle sehen das so. Eine Befragung der Stuttgarter evangelischen Kirchengemeinden zeigt, dass manche Partnerschaften eingeschlafen sind. Der Euphorie nach dem Mauerfall folgte eine Ermüdung.
Doch es gibt sie noch: Gemeindepartnerschaften, die seit Jahrzehnten hingebungsvoll gepflegt werden. Die Stuttgarter Nordgemeinde tauscht sich beispielsweise mit der Kirche im thüringer Roßdorf aus. Der Kontakt zwischen Weilimdorf und den Gemeinden in Neuendorf und Umgebung wird in großer Selbstverständlichkeit gepflegt. Und eine Gruppe aus dem thüringer Oberhain wird am 19. und 20. September zur festlichen Einweihung des neuen Gemeindehauses in Stuttgart-Uhlbach erwartet.
Besuch bei der Partnergemeinde
Am selben Wochenende setzt sich ein Bus von Stuttgart nach Thüringen in Bewegung. Eine Gruppe aus Heumaden besucht die Partnergemeinde und fährt gemeinsam mit den Exdorf-Obendorfern weiter zum ersten Mitteldeutschen Kirchentag in Weimar. Frischer Wind für eine Partnerschaft, die noch vor einem guten Jahr vor sich hin dämmerte, wie sich das Ehepaar Hartmaier erinnert. „2008 haben wir bei einem Treffen Tacheles geredet, wo unsere Partnerschaft steht und wie es weitergehen soll“, erzählt Heidi Hartmeier. Die Aktiven waren in die Jahre gekommen, „aber wir wollten die Partnerschaft nicht einfach auströpfeln lassen.“ Das Treffen gab der Partnerschaft Auftrieb. Neu gewählte Kirchengemeinderätinnen auf Exdorf-Obendorfer Seite engagierten sich.
Heumaden ist kein Einzelfall. Wenige Kilometer entfernt hat sich der neue Plieningen-Hohenheimer Gemeindepfarrer Hans-Peter Ziehmann vorgenommen, die Partnerschaft zwischen Plieningen-Hohenheim und Obermaßfeld und Ellingshausen in Thüringen aus dem Dämmerzustand zu wecken. 2010 ist eine Besuchsreise geplant. Ziehmann ist überzeugt: „Wir im Westen sollten diese Wahrnehmung weiter pflegen. Ich staune immer wieder, wie wenig selbst gebildete Menschen über die Lebenssituation im Osten Deutschlands wissen.“ Ähnlich sieht es Kirchenmusiker Hans Eugen Ekert aus Stuttgart-Ost, der mehrmals im Jahr Orgelkonzerte in Thüringen gibt – und nicht nur „von den tollen Orgeln“ begeistert ist, sondern „diese menschlich wertvollen Kontakte nicht missen möchte“.
Bischofswahl als Ausdruck guter Beziehungen

- Die neue Landesbischöfin in Mitteldeutschland: Ilse Junkermann
Übrigens hat beim Mitteldeutschen Kirchentag in Weimar die neue Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, einen ihrer ersten großen öffentlichen Auftritte. Auch ihre Bischofswahl ist Ausdruck der guten Beziehungen zwischen Württemberg und Thüringen. Junkermann ist württembergische Pfarrerin, sie gehörte bis vor kurzem dem Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart an. Ihr württembergischer Bischofskollege Frank Otfried July predigt beim Eröffnungsgottesdienst in Weimar. Wie steht es um die Partnerschaft Württemberg-Thüringen? „Die Situation ist in der Landeskirche ähnlich wie in Stuttgart. Es gibt sehr lebendige Partnerschaften, manche sind eingeschlafen, manche haben neuen Auftrieb“, sagt Kirchenrat Vatter. Und betont: „Inzwischen haben wir eine europäische Dreierpartnerschaft. Denn beide, Württemberg und Thüringen, unterhalten auf vielen Ebenen sehr lebendige Beziehungen zur evangelischen Kirche in der Slowakei.“
Christoph Schweizer
Buchtipp zum Thema
Karoline Rittberger-Klas, Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland. Am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte Reihe B: Darstellungen Band 44), Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2006.




