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60 Stiftungen in zehn Jahren


40 Millionen Euro zugunsten von Kirche und Diakonie in Württemberg

Weil Stiftungen so wichtig für die kirchliche Arbeit sind, wurde 2008 die Landeskirchenstiftung gegründet.

Mit dem Fahrrad ist er nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Schwarzwald gefahren und hat Siebe, Schlösser und Haarnadeln verkauft. Mit dem Erlös konnte er die vom Vater gegründete Firma erhalten, neu aufstellen und dank immer neuer Erfindungen zu einem weltweit führenden Unternehmen ausbauen. Doch nicht nur mit diesem war er zeitlebens verbunden, sondern auch mit seiner evangelischen Kirchengemeinde; und der zugute errichtete er im Jahr 2009 eine Stiftung. Mit 350.000 Euro stattete er die Stiftung aus, damit deren Zinserträge das kirchliche Leben dauerhaft unterstützen. Bei der Gründungsfeier erklärte der Stifter: "Wer viel bekommen hat, kann auch viel geben." Bis heute will er kein öffentliches Aufheben um seine gute Tat gemacht haben.


Wer viel bekommen hat, kann auch viel stiften.

so denken viele Stifter

Dankbarkeit ist häufiges Motiv, zu stiften

"Wer viel bekommen hat, kann auch viel geben" - damit wird ein wesentliches Motiv offenkundig, warum Menschen stiften, nämlich aus Dankbarkeit. Aus Dankbarkeit für beruflichen Erfolg, für persönliche Gesundheit, für privates Glück, für gute Gemeinschaft. Blickt der solcherart dankbare Mensch dann in die Zukunft, so verknüpft er die Dankbarkeit vielfach mit dem Wunsch, den folgenden Generationen ähnliche Erfahrungen zu ermöglichen - und gründet eine Stiftung. Denn eine Stiftung ist ein Vermögen, das für einen bestimmten Zweck gegeben wird, und zwar so, dass es fortan dem Zugriff entzogen ist und gerade deshalb dank seiner Zinserträge den Zweck langfristig fördern kann.


Stiftungen fördern die Kreativität

Auch mit Blick in die Zukunft wird es weiterhin viele Stifter geben, schätzt der Finanzdezernent der Landeskirche, Dr. Martin Kastrup, im Interview.
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Wer solcherart stiftet, etwa wie der Stifter aus dem Schwarzwald, tritt in eine lange Stiftungsgeschichte ein. Bereits ab dem 4. Jahrhundert wurden Herbergen, Hospize und Hospitäler gestiftet. Als weitere Stiftungsform traten ab dem 7. Jahrhundert die so genannten Eigenkirchen hinzu, indem vorzugsweise Adelsfamilien Kirchen auf ihrem eigenen Grund bauen ließen. Auch Klöster gingen vielfach auf adlige Stiftungen zurück, etwa die heutigen Evangelischen Seminare Blaubeuren (1085) und Maulbronn (1147). Ab dem 16. Jahrhundert beruhigte sich das Stiftungswesen, erhielt im 18. und 19. Jahrhundert mit bürgerlichen, königlichen und unternehmensverbundenen Stiftungen wieder einen starken Schub und boomt regelrecht seit 15 Jahren: mit deutschlandweit um die tausend neuen Stiftungen jährlich. 


Stiftungsboom durch Landeskirchenstiftung

Auch im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat sich das Stiftungswesen dynamisch entwickelt: 60 Stiftungen wurden in den zehn Jahren seit 2002 errichtet. Sie vereinen ein Vermögen von rund 40 Millionen Euro. Einen wesentlichen Anteil an diesem Stiftungsboom hat die 2008 errichtete "Stiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg"; kurz: Landeskirchenstiftung. Sie berät und begleitet Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen sowie private und juristische Personen, wenn diese eine kirchliche Stiftung errichten oder eine bestehende unterstützen wollen. Die Landeskirchenstiftung übernimmt, sofern gewünscht, auch die Verwaltung, Geldanlage und Rechnungsprüfung von kirchlichen Stiftungen. 


"Kirche ist beständig"

Birgit Marx aus Schorndorf ist eine der ersten, die ihre Stiftung der Landeskirchenstiftung anvertrauten. [Foto: privat]

Birgit Marx aus Schorndorf war die erste Stifterin, die ihre Stiftung der Landeskirchenstiftung anvertraute, was sie so erklärt: "Nach dem Tod meines Mannes stellte ich mir die Frage, welche Vermögensverwendung erstens klug und zweitens im Sinne meines Mannes wäre. Mein Mann hat immer sehr sparsam, sicherheitsbedacht und vorausschauend gewirtschaftet. Der Gedanke an eine Stiftung legte sich wegen der Dauerhaftigkeit nahe. Mit der Stiftung war zugleich geklärt, wohin das mir verbleibende Vermögen nach meinem Ableben gelangen würde: nämlich ebenfalls in die Stiftung." Die mit 300.000 Euro ausgestattete Stiftung widmete sie der Kirchenmusik, der Jugendmusikschule und der Diakonie in Schorndorf. Aus den Erträgen konnten beispielsweise die Sanierung der Stadtkirchenorgel, Leihinstrumente und eine diakonische Suchtberatung gefördert werden. Die Frage, warum sie sich für eine kirchliche Stiftung entschieden habe, beantwortet sie kurz und schlüssig: "Kirche ist beständig."


Bewährtes erhalten - Zukunft gestalten

In der Tat geht es bei allen kirchlichen Stiftungen darum, Bewährtes zu erhalten und dadurch Zukunft zu gestalten. So entstanden in den vergangenen Jahren Stiftungen für die Diakonie in Ulm, die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, die Stadtkirche in Tuttlingen, das Haus der Begegnung in Herrenberg, die evangelische Soldatenbetreuung oder die Jugendarbeit in Heidenheim. Manche dieser Stiftungen wurden dank einer Einzelperson gegründet, die meisten jedoch entstanden als Gemeinschaftsstiftungen. Bei diesen erbringen 50 bis 100 so genannte Gründungsstifter das Anfangsvermögen zusammen auf.


Motiviert haben mich die in der Landeskirche bereits bestehenden Stiftungen, die nachweislich genau dort helfen, wo Mangel herrscht.

Walter Döring

Die nächsten Stiftungen, die auf diese Weise errichtet werden, sind schon auf dem Weg, etwa eine Diakoniestiftung in Schwäbisch Hall. Für die engagiert sich als Gründungsstifter auch der ehemalige Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring, der erklärt: "Langjährige Erfahrungen haben mir die wichtigen und wertvollen Leistungen der Diakonie nahe gebracht. Deshalb gebe ich gemeinsam mit anderen einen Beitrag dazu, dass die Diakonie in Schwäbisch Hall für so viele Menschen wie irgend möglich tätig sein kann. Zusätzlich motiviert haben mich die in der Landeskirche bereits bestehenden Stiftungen, die nachweislich genau dort helfen, wo Mangel herrscht".
Insgesamt existieren im Bereich der württembergischen Landeskirche derzeit 98 kirchliche Stiftungen; Ende des Jahres werden es deutlich mehr als hundert sein. Denn neben der Diakoniestiftung in Schwäbisch Hall entstehen auch eine Orgelstiftung in Stuttgart-Möhringen, Kirchengebäudestiftungen in Nufringen und in Schwieberdingen sowie eine Kirchengemeindestiftung in Stuttgart-Feuerbach. Wer mehr über das kirchliche Stiftungswesen wissen will, findet Informationen unter www.landeskirchenstiftung.de im Internet.

Helmut Liebs 


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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