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Zwischen Anpfiff und Amen


Rituale in Stadion und Kirche

Zwischen den Ritualen im Fußballstadion und in der Kirche gibt es Parallelen. Beide Veranstaltungen unterbrechen den Alltag und finden in der Regel am Wochenende statt. Entsprechend kleiden sich viele Besucherinnen und Besucher anders als sonst: Fans tragen Jacken, Schals und Mützen in den spezifischen Farben ihres Vereins. Gottesdienstbesucher auch, jedoch sind die Farben eher gedeckter Art: dunkelblau, grau, braun und schwarz.


Gottlieb Daimler-Stadion in Stuttgart (Foto: Stadt Stuttgart)

Die Fan- bzw. die Gottesdienstgemeinde sitzt gerne auf Stammplätzen. Von dort aus sieht man erwartungsvoll dem Einzug der Spieler bzw. der Pfarrerin oder des Pfarrers entgegen. Ist es soweit, demonstrieren die "Schallanlage" im Stadion oder die Orgel in der Kirche zum ersten Mal mit Macht, was sie zu leisten vermögen. Dazu erheben sich Publikum und Gemeinde „wie ein Mann“. Zugegeben: Den festlichen Einzug durch den Mittelgang der Kirche gibt es in evangelischen Gottesdiensten nicht so häufig, wohl aber bei Amtseinsetzungen und Trauungen. Spielbeginn und -ende sind durch den Schiedsrichterpfiff ebenso eindeutig markiert wie der Gottesdienst durch die Begrüßung „Im Namen des Vaters…“ und den Abschied qua Segen und dreifachem Amen.

Dazwischen interagieren Spieler und Zuschauer, alternativ: Pfarrer und Gemeinde, in vertrauten Wechseln. So sind das Singen von Club-Hymnen, das beschwörende Händeheben beim Eckball und das höhnende „Üben, üben“ bei Fehlpässen ritualisiert. In der Kirche folgen einander Gebete und Lieder in eingeübter Weise. Und weil das mit den Gesängen hier wie dort nicht immer so einfach ist, greift gelegentlich der Einheizer zur Pauke beziehungsweise der Kantor zur Stimmgabel. Und ähneln sich nicht – bei aller Unterschiedlichkeit – das Hochrecken des Siegerpokals und das Zeigen des Abendmahlskelchs (auch in evangelischen Gottesdiensten mehr und mehr verbreitet) erstaunlich?

Schließlich der Heimweg. Sowohl Fans als auch Gemeinde stehen vielfach noch lange beisammen und diskutieren das Erlebte: die traumhafte Steilvorlage, den gelungenen Übersteiger, die glanzvolle Parade. Anders gesagt: Spiel und Gottesdienst wirken als emotionales Erlebnis noch eine ganze Zeit nach und begleiten in den Alltag.

Natürlich sind die hier aufgezeigten Parallelen zumeist äußerlicher Art. Die inhaltlichen Unterschiede stehen außer Frage. Aber im Stadion wie im Gottesdienst feiern die Beteiligten ein Fest voller Leben und Freude, leiden auch mal und trauern, und tragen letztlich einen persönlichen Gewinn davon.

Bleibt zuletzt, auf die gelegentlich lamentierenden Stimmen einzugehen: Ja, wenn in den Gottesdienst doch so viele Menschen kämen, wie in die Stadien. Dem, der so spricht, sei folgende Rechnung empfohlen: Das Stuttgarter Stadion besuchen 14-tägig rund 40.000 Menschen, und zwar mehrheitlich aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern. Doch allein in Stuttgart und einem Umkreis von 50 Kilometern besuchen 40.000 Menschen jeden Sonntag einen evangelischen Gottesdienst, und noch einmal so viele eine katholische Messe. So gesehen steht es 4 zu 1 für die Kirche.

Helmut Liebs


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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