Das falsche Jesus-Grab
Ein wenig erbauliches Ostermärchen
Jesu Grab in Jerusalem entdeckt zu haben, das behaupteten kürzlich der Dokumentarfilmer Simcha Jacobovici und der Regisseur und Oscar-Preisträger James Cameron. Der Film geht zurück auf ein Buch von J. D. Tabor: „Die Jesus Dynastie“ – nichts als ein aufgewärmtes, längst widerlegtes Ostermärchen, sagt Rainer Riesner, Professor für Neues Testament an der Universität Dortmund, und erklärt warum.
In seinem Buch »Die Jesus-Dynastie. Das verborgene Leben von Jesus und seiner Familie und der Ursprung des Christentums« zitiert der Autor James D. Tabor aus einem Interview mit dem großen israelischen Forscher David Flusser: »Vor vielen Jahren fragte mich ein Mann von der BBC, ob die Qumran-Rollen dem Christentum schaden könnten. Ich antwortete ihm, dass nichts dem Christentum schaden könne. Das einzige, was dem Christentum gefährlich werden könnte, wäre ein Grab mit dem Sarkophag oder dem Ossuarium Jesu darin – und mit seinen Knochen« (S. 40). Die deutsche Version des Buches von Tabor erschien im selben Jahr 2006 wie das englische Original und der Grund für diese Eile war recht klar. Das Buch verriet dem in solcher Literatur Erfahrenen, dass in naher Zukunft ein Folgetitel zu befürchten sei, der genau diesen für das Christentum katastrophalen Beweis zu führen gedenkt.
Es geht wieder einmal um eine alte, längst widerlegte Geschichte. Sie begann so: 1980 entdeckte der israelische Archäologe Joseph Gath im südlichen Jerusalemer Vorort Talpioth eine Grabanlage aus der Zeit vor 70 n. Chr. Da der Ausgräber kurze Zeit darauf starb, wurde der Fund erst nur kurz angezeigt. Im Grab, das schon einmal ausgeraubt worden war, fand man zehn kleine Steinsärge. In solchen Ossuarien wurden nach der Verwesung der Leichname die Gebeine von Verstorbenen für eine Zweitbestattung gesammelt. Auf sechs von zehn Kalksteinsärgen standen Namen von Beigesetzten. Die fünf Namen »Joseph«, »Maria«, »Matthäus«, »Jesus, Sohn des Joseph« und »Judas, Sohn des Jesus« sind in hebräischen Buchstaben geschrieben, der Namen »Mariamene«, eine andere Form des Namens Mariam, in griechischen Buchstaben. Die Inschriften wurden 1994 von Levi Y. Rahmani in seinem Standardwerk über Ossuarien veröffentlicht. 1996 erschien ein etwas ausführlicher Bericht über die Grabung von Amos Kloner. Beide Forscher stellten keinerlei Beziehung zum Neuen Testament her, sondern bemerkten nur, dass alle Namen zu den damals häufigsten in Israel gehören.
An Ostern 1996 versuchte dann der englische Journalist Chris Mann in einem Artikel der Londoner »Sunday Times« eine große Story daraus zu machen. Der Regisseur Ryle Bruce drehte für die BBC einen Film, der allerdings nur kurze Zeit Aufsehen erregte. Auch der Verfasser dieser Ausführungen gehörte zu jenen Forschern, die sich kritisch zu der angeblichen Sensation äußerten. Sie geriet auch relativ bald in Vergessenheit.
Im Februar 2007 wurde dann unter großem Mediengetöse die neuerliche Sensation angekündigt. Dafür hatte sich ein farbiges Paar zusammengetan. Der Filmemacher Simcha Jakobovici ist einschlägig berühmt durch einen so genannten Dokumentarfilm über ein Ossuarium mit der Aufschrift »Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus«, das fast alle Forscher als gefälscht ansehen. Einer größeren Öffentlichkeit ist James Cameron bekannt, der durch Streifen wie »Terminator« und »Titanic« zu Ruhm und Geld kam. Beide produzierten einen »Dokumentar«film über den Fund und seine angeblich ungeheuerlichen Folgen: Was Schreiber wie Michael Baigent und Richard Leigh (»Der Heilige Gral und seine Erben«) oder Dan Brown (»Sakrileg«) behauptet hatten, sei nun durch den Fund des Familiengrabes archäologisch bewiesen: Jesus war mit Maria Magdalena verheiratet und hatte mindestens einen Sohn namens Juda! Inzwischen wurde der Film im »Discovery Channel« ausgestrahlt und am Karfreitag 2007 will ihn auch der deutsche Privatsender Pro 7 zeigen. Wird James Cameron zum Terminator für den christlichen Glauben an die Auferstehung Jesu Christi werden? Es gibt Gründe dafür, warum den sensationellen Behauptungen das Schicksal der Titanic beschieden sein wird.
Wie schon festgestellt wurde, gehören alle Namen zu den damals häufigsten in Israel. Es war deshalb statistisch zu erwarten, dass die Namen auch einmal in der Kombination von Talpioth auftauchen würden. Schon seit Jahrzehnten kennen wir ein zweites Ossuar mit der Aufschrift »Jesus, Sohn des Joseph«. Sollen wir daraus schließen, dass es Jesus von Nazareth gleich doppelt gegeben hat? Wirklich bedeutungsvoll wäre gewesen, wenn man den Namen »Maria Magdalena« gefunden hätte, aber das ist nicht der Fall. Die sensationellen Behauptungen widersprechen nicht nur den Berichten der Evangelien, sondern auch der von ihnen unabhängigen Überlieferung für das Grab Jesu in der Jerusalemer Grabeskirche. Diese Überlieferung hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche archäologische Unterstützung erfahren. Die Sensationsmeldungen wurden in der deutschen Presse weitgehend mit Skepsis aufgenommen. Noch wichtiger ist die Kritik israelischer Forscher, die hier einen Missbrauch der archäologischen Wissenschaft sehen. Amos Kloner wird mit der Bemerkung zitiert: »Es ist eine sehr schöne Geschichte, aber es gibt keinen Beweis dafür«. Noch drastischer äußert sich Joe E. Zias zu den dubiosen DNA-Tests, die an den Ossuarien vorgenommen wurden. Der Anthropologe Zias ist der wohl beste Kenner, wenn es um antike Gebeine in Israel geht.
Das Buch zum Film wurde von Simcha Jakobovici und Charles Pellegrino verfasst und erschien in einem der größten USA-Verlage (Harper Collins). Von Pellegrino stammen Bücher mit so verheißungsvollen Titeln wie »The Ghosts of Atlantis« und »The Ghosts of Vesuvius«. Beide berufen sich vor allem auf James D. Tabor und den Archäologen Shimon Gibson als Experten. Auch Gibson gehört zu jenen häufiger werdenden Forschern, die sich auf der Grenzlinie zwischen Wissenschaft und Boulevard bewegen und dabei immer mehr aus den Augen verlieren, wo diese Grenze verläuft. Die Grenze zum Sensationsschriftsteller überschritt Gibson endgültig 2005 mit einem Buch über die angebliche Taufhöhle von Johannes dem Täufer bei Ain Karim westlich von Jerusalem. Aus einigen byzantinischen Graffiti des 4. bis 5. Jahrhunderts wollte er eine völlig neue Geschichte der Beziehung zwischen Jesus und dem Täufer ableiten. Das Buch wurde von der historischen Wissenschaft mit Stillschweigen bestraft. Schon an dieser Ausgrabung war James Tabor beteiligt. Tabor und Gibson kompromittieren ihre Behauptungen auch dadurch, dass sie entgegen früheren Aussagen behaupten, das Ossuarium mit der gefälschten Aufschrift »Jakobus, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus« stamme ursprünglich aus dem Grab in Talpioth.
Die neutestamentlichen Berichte von der Auffindung des leeren Grabes Jesu gehen auf die Aussagen von Anhängerinnen zurück (Markus 15,46 -16,8). Niemand hätte so etwas in einer Zeit erfunden, als das Zeugnis von Frauen als unzuverlässig galt. Auch die alte Überlieferung aus der Jerusalemer Urgemeinde, die Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth zitiert, setzt das leere Grab Jesu voraus (1. Korinther 15,4). Die Aussage über Jesus „begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten“ kam von dort in das Glaubensbekenntnis, das wir heute noch in unseren Gottesdiensten sprechen. Das leere Grab Jesu ist ein stummer Zeuge, der uns daran hindern will, die Auferstehung Jesu zu vergeistigen. Zusammen mit den Begegnungen des Auferstandenen, die Anhängerinnen wie Maria Magdalena und Jüngern wie Petrus, einem Skeptiker wie dem Herrenbruder Jakobus und einem Gegner wie Paulus widerfuhren, bezeugt das leere Grab Jesu: Mit der Auferweckung des Gekreuzigten hat Gott inmitten einer Welt des Todes eine neue Schöpfung begonnen.
Literatur: Otto Betz – Rainer Riesner, Verschwörung um Qumran?, München 2007; Alexander Schick, Das wahre Sakrileg, München 4. Auflage 2006.
Professor Dr. Rainer Riesner lehrt Neues Testament an der Universität Dortmund





