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Ich aber, Herr, hoffe auf Dich


Andacht: "Das christliche Menschenbild" von Martin Penzoldt


Am 30. Januar will der Bundestag endlich darüber entscheiden, ob er in Deutschland die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen und deren Import aus dem Ausland erlaubt oder nicht


(Zu dieser politisch-ethischen Entscheidung haben neben vielen anderen auch die beim Bundestag eingerichtete Enquete-Kommission Recht und Ethik der modernen Medizin und der vom Bundeskanzler berufene Nationale Ethikrat Stellung bezogen. Jene lehnt den Stammzellimport mehrheitlich ab, dieser befürwortet ihn mit einer Mehrheit von 15 seiner 25 Mitglieder. Nach Monaten der Debatte zeichnet sich nun - offenbar auch im Bundestag - ein möglicher Kompromiss ab: der zeitlich befristete Import von Zellen unter strengen Bedingungen, der von einer Registrierungsinstanz überwacht wird.). Mit den modernen gentechnischen Möglichkeiten bricht die alte Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen in unterschiedlichen Facetten wieder neu auf: Wie kann die Menschenwürde geschützt werden? Welcher rechtliche, welcher moralische Status kommt einem Embryo zu? Zu recht stellt das EKD Büro in Brüssel in seiner Stellungnahme gegenüber zwei Ausschüssen des Europäischen Parlaments vom 18. Oktober 2001 fest: " In dieser Debatte stehen sich nicht, wie es manchmal irreführend dargestellt wird, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Interessen auf der einen und ethischen Positionen auf der anderen Seite gegenüber. Die ethischen Maßstäbe und Argumente selbst sind es, die strittig geworden sind."

Strittig ist damit auch das noch dahinterliegende Bild, das wir vom Menschen haben. Ich möchte dazu den Psalm 31 lesen und Überlegungen anstellen, was dieser Psalm uns für das Menschenbild sagt.


1 In Gottes Händen geborgen Ein Psalm Davids, vorzusingen.

2 HERR, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, daß du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott. ...

8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not

9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum. ...

15 Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!

16 Meine Zeit steht in deinen Händen.

Was sagt der christliche Glaube nun ausgehend von diesem Psalm zu den Auseinandersetzungen um das Bild vom Menschen?


1. Das christliche Menschenbild bestätigt die philosophische Erkenntnis, dass der Mensch ein endliches, begrenztes und fehlerfähiges Wesen ist. Diese Endlichkeit und Fehlerfähigkeit seines eigenen Lebens zu kontrollieren liegt nicht in der Macht der Menschen. Man kann in einem Lebensprojekt scheitern, auch wenn man sich selbst auf die bestmögliche Weise, nach bestem Wissen und Gewissen bemüht hat. Eine Ehe kann scheitern, auch wenn die Menschen sich in ihr vollengagiert haben. Diese Einsicht stellt einen Schlüssel dazu dar, theologisch auf die Probleme einzugehen, die hier vorliegen.

Ich aber, Herr, hoffe auf Dich

2. Vom christlichen Menschenbild her gesehen erscheint der Menschen unter dem Vorzeichen einer vorausgehenden Annahme. Die Selbstannahmefähigkeit des Menschen ist immer biogenetisch, psychogenetisch oder sozialisationsbedingt defekt. Aber das Erfasstsein von Gottes Liebe wirkt auf die Selbstannahme des Menschen und damit auch auf seine Liebesfähigkeit. Augustinus hat das so ausgedrückt: "Liebe den Menschen, wie du dich selbst liebst und nicht, wie du dich selbst hasst. Denn wenn du den Menschen liebst wie du dich selbst hasst, dann möchte ich nicht, dass dir überhaupt Menschen anvertraut werden. Geh erst hin und bring deine Selbstliebe in Ordnung." (De disciplina christiana). Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass Gott eine Therapie des Menschen ist. Diese Therapie erreicht leider häufig gerade die Menschen nicht, die von sich sagen, dass sie an Gott glauben. Vielleicht liegt das daran, wie Robert Musil es zum Ausdruck gebracht hat, dass die Menschen, die an Gott glauben, oft für Gott leben statt in Gott zu leben und deshalb vergessen, was ein lebendiger Glaube ist.

Ich aber, Herr, hoffe auf Dich


3. Das Zentrum des Christusglaubens ist die Menschwerdung, d.h. der Glaube, dass die menschliche Natur von Christus angenommen, von Christus durchformt ist. Es gibt eine Christusförmigkeit von Menschsein vor aller persönlichen Glaubenserfassung. Diese Christusförmigkeit bedingt eine Abrufbarkeit von Humanität im einzelnen Menschen. Wenn man christlich auf den Menschen zugeht, geht man mit dieser Hoffnung auf den Menschen zu. Christsein heißt diese Hoffnung haben. Was christlich Hoffnung heißt, ist freilich nicht dasselbe, was gesellschaftlich Hoffnung heißt. Gesellschaftlich heißt Hoffnung Prognose. Wenn wir in der Alltagsprache sagen, ich habe Hoffnung, dann heißt das, ich habe eine begründete Erwartung, dass sich Dinge , die sich jetzt entwickeln, noch besser entwickeln werden. Diese Hoffnung als Prognose ist aber nicht die christliche Hoffnung. Die christliche Hoffnung ist eine Hoffnung trotz Prognose. Denn der Mensch, ist nach einem evangelischen Glaubensgrundsatz - den Katholiken teilen - zugleich Sünder und Gerechtfertigter. Das heißt: Auf die Tatsche, dass er ein endliches, begrenztes, zum Scheitern verurteiltes, fehlerhaftes Wesen ist, kann er keine Hoffnung setzen, also muss seine Hoffnung auf ihn zukommen. Zukunft kommt auf ihn zu und wird nicht von ihm gemacht. Das ist Hoffnung im christlichen Sinne. Den Menschen unter diese Hoffnung auf eine ihm erst von außen zukommende Zukunft zu stellen, bedeutet eine Veränderung des Denkens über den Menschen.

Ich aber, Herr, hoffe auf Dich


4. Es ist deutlich, dass von diesen Überlegungen zwar eine Vertiefung der Frage, aber noch keine Antwort kommen kann. Aber sie gibt uns schon den Hinweis, dass wir Evangelischen in der Auslegung der Schrift nicht einfach bei ethischen Fragen in die Auslegung der Natur überwechseln dürfen, d. h. unsere Ethik in einem naturrechtlichen Rahmen versetzen lassen dürfen. Die Frage nach dem Anfang des Lebens ist eine Sache einer eigenen Scholastik und Kasuistik. Hier liegt nicht unsere Kompetenz, wiewohl wir Neigungen zu der einen oder anderen Festlegung empfinden und auch die Überlegung wichtig ist, wo denn eine bleibende Festlegung überhaupt möglich ist, die nicht freien Raum einer hochdifferenzierten Forschung sofort unterlaufen wird. ("Am Deich gibt es keine Kompromisse" so Kardinal Meisner (FAZ 23.1.02) "Man kann in den Landstrichen an der Küste Kompromisse machen, wenn es darum geht, wie tief man ackert, wo man ackert und wann man ackert. Aber beim Deich gibt es keine Kompromisse. Wenn man den Deich an einer kleinen Stelle ein bisschen durchsticht, um nicht als völliger Blockierer zu gelten, dann wird er über kurz oder lang brechen." Freilich gibt es religiöse Temperamente, die überall nur Deiche und nirgends Äcker sehen.) Das aber sind im Grunde taktische Fragen im Rahmen einer grundsätzlichen Problematik, die man einem differenzierten Kopf überlassen sollte. Die Kirche insgesamt kann nicht mehr die Aufgabe haben, entweder – wie bisher – in ethischen Fragen Kriege zu rechtfertigen oder zu ächten, zwischen Pazifismus und Realismus schwankend sich zu äußern, verschiedene Todes- und Lebensanfangstermine vorzuschlagen. Das wären vordergründige Eindeutigkeiten. Eine einfache Entscheidung ist unmöglich in einer Lage, die für die Vernunft sich so ganz anders darbietet. Die Kirche muss tiefer wirken, so wie sie es von jeher beansprucht hat, auf jeden Einzelnen. (Hier aber müssen ihre Forderungen so ernst, so streng, so klar, so bedingungslos werden – ohne Anpassung an die durchschnittliche Schwäche und die Bösartigkeit der Menschen, ohne Anbiederung von erleichterten Gnadenmitteln -, dass die Kirche Gefahr läuft, dass die Menschen ihr davonlaufen. Die Gefahr der Abtrünnigkeit wegen Überforderung kann nur dadurch gemindert werden, dass die Menschen, die so Ungeheures wie priesterliche, seelsorgliche Hilfe leisten zu können meinen, durch sich selbst, durch die unbezweifelbare Güte, Liebe, Opferbereitschaft, mit jedem Wort und jeder Handlung schlicht und ungesucht bezeugen, dass sie in der Wahrheit stehen, die sie verkünden. Nur dadurch überzeugen sie andere. Wenn es so steht, dann können wir vielleicht am Ende doch nur sagen: Ich aber, Herr, hoffe auf Dich. AMEN)

Ich aber, Herr, hoffe auf Dich


5. Die Freiheit zum eignen Standpunkt ist ein Kennzeichen des Protestantismus. Aber auch auf diesem Hintergrund des bejahten Pluralismus kann man sagen, dass die Überzeugung, dass menschliches Leben in allen Stadien seiner Entwicklung prinzipiell schutzwürdig ist, uns allen gemeinsam ist. Eine Stellungnahme evangelischer Ethiker enthält diese Quintessenz: "Die Achtung des individuellen Lebens schließt das Engagement für Kranke ebenso ein wie die Ausrichtung der evangelischen Ethik an der persönlichen Verantwortung, die sich im Rahmen einer Rechtsordnung entfaltet. Darum sollte auch der Beitrag der evangelischen Kirche solchen Rechtsfrieden zum Ziel haben, bei dem die grundlegende Überzeugung bezüglich des Schutzes menschlichen Lebens gewahrt bleiben." Einen Beitrag zum Rechtsfrieden möchte der Bio-Ethik Kongress der EKD am 28. und 29. Januar in Berlin leisten. Für die Fachlichkeit seine Arbeit und für eine gute Entscheidung im Bundestag am 30.1.02 lässt sich am Ende auch nur Gott anrufen:

Ich aber, Herr, hoffe auf Dich

Martin Penzoldt


(Wieder)Eintritt in die Kirche
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