"Meine Asche über einen Baum in den Himmel steigen lassen"
Sind Baumbestattungen im Wald eine Alternative zum Friedhofsgrab?
Seit einigen Jahren gibt es eine neue Bestattungs-
möglichkeit: An den Wurzeln eines Baumes mitten im Wald. Die Baumbestattung findet vielfachen Zuspruch, ist aber auch eine Herausforderung für die Kirchen.
Man muss ein aufmerksamer Spaziergänger sein, um zu erkennen, dass es nicht einfach nur ein paar Bäume sind, die da im Wald stehen. Auf dem Parkplatz in Straßennähe ist ein Wegweiser zu entdecken, etwas weiter beim Betreten des Waldes an einem der ersten Baumstämme ein kleines Schild. „FriedWald“ steht darauf.
Dann auf den nächsten hundert Metern aber ein Wald wie jeder andere, bevor wieder ein Wegweiser kommt. Daran zeigen Schilder mit Nummern in verschiedene Richtungen. Und wer sucht, findet dann ein paar Schritte weiter hier und da einen Baum mit einem bunten Band und einem kleinen Täfelchen am Stamm. Darauf Buchstaben und Zahlen, teilweise auch Namen, Geburts- und Sterbedaten.
Das ist zunächst alles, was den Besucher in diesem Waldstück bei Schwaigern in der Nähe von Heilbronn darauf hinweist, dass er sich auf einem Gräberfeld des Waldbestattungsunternehmens FriedWald befindet, ja vielleicht sogar gerade auf einem Urnengrab steht. Denn das Täfelchen am Baustamm gibt keinen Aufschluss darüber, wo jeweils die bis zu zehn Urnen um den Baum herum vergraben worden sind. Die für FriedWald arbeitende Försterin Elisabeth Walch erklärt, dass der Waldboden nach der Bestattung wieder in seinen natürlichen Zustand zurückversetzt werden müsse. Blumen oder andere waldfremde Pflanzen dürfen nicht sein. Auf die Flora des Waldes müsse schließlich Rücksicht genommen werden. Stattdessen könne man beispielsweise ein Herz aus Ästen oder anderen Gegenständen des Waldes an den Baum legen.
Auf ungefähr 45 Hektar Waldfläche gibt es hier bei Schwaigern seit dem Jahr 2005 die Möglichkeit zur so genannten Wald- oder Baumbestattung. Dabei wird die Asche des Verstorbenen in einer biologisch abbaubaren Urne einen halben Meter unter der Erde an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt. Die FriedWald GmbH ist das größte Unternehmen, das sich auf diese Bestattung spezialisiert hat und deutschlandweit inzwischen über 16 Bestattungsplätze anbietet. Aber es ist längst nicht mehr das einzige. Anonyme Bestattungen sind im Waldstück bei Schwaigern ebenso möglich wie die Nennung von Namen und Lebensdaten des Toten auf einer Plakette am Baumstamm. 770 Euro kostet die letzte Ruhe am Baum der Wahl. Vorausgesetzt, man ist bereit, diesen mit bis zu neun anderen Personen zu teilen. Wer dagegen alleine, mit seiner Familie oder seinen Freunden einen Bestattungsplatz erwerben möchte, zahlt für einen einfachen Baum mehr als 3.000, für ein Prachtexemplar mehr als 6.000 Euro. Eine Gebühr für die Beisetzung kommt hinzu. Für 99 Jahre wird der Bestattungsplatz ohne weitere Kosten garantiert, da kann kein deutscher Friedhof mithalten.

- Die Asche des Verstorbenen wird in einer biologisch abbaubaren Urne einen halben Meter unter der Erde an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt.
Noch wichtiger aber scheint für viele Interessenten und deren Angehörige zu sein, dass eine notwendige und oft auf Dauer kostenintensive Grabpflege entfällt. Nach Elisabeth Walch ist es das, was in einer Gesellschaft, in der die Entfernungen zwischen Kindern und Eltern immer größer werden, zunehmend gefragt ist. Und es sind ja nicht die Kinder, die einen Platz im Friedwald für ihre alten Eltern aussuchen - es sind diese selbst. Zum Beispiel das Ehepaar Wagner (Name geändert), das seinen Kindern, die in Norddeutschland leben, nicht zur Last fallen will. „25 Jahre auf dem Friedhof, da müssen ja noch meine Enkel gießen und zahlen. Das will ich nicht“, sagt Frau Wagner. Zudem fühlten sich die beiden auf dem dörflichen Friedhof ihres gegenwärtigen Wohnortes nicht wohl. „Protzend“ seien viele Gräber dort. An dem Wettbewerb der teuersten Grabsteine und aufwendigsten Beetgestaltung wolle man, sich nicht beteiligen. Und schließlich sei es im Wald doch viel natürlicher.
Damit sind die Argumente, die für die Baumbestattung von ihren Anhängern und Anbietern genannt werden, schon fast alle genannt: die niedrigen Kosten für die Grabstätte, die entfallende arbeitsintensive oder kostspielige Grabpflege und das fast vollständig naturbelassene Umfeld. Der letzte Punkt wird vor allem von besonders naturverbundenen Menschen immer wieder genannt. Hinzu kommt der individualistische Wunsch, weniger der Konvention und mehr dem eigenen Freiheitsbedürfnis zu entsprechen: „Mein ganzes Leben war ich in dem engen Dorf, da will ich danach nicht auch noch auf ein mal zwei Metern Friedhofsboden eingesperrt werden.“ Bei einigen Menschen nehmen Natursehnsucht und Freiheitswunsch dezidiert religiöse Formen an: „Die Vorstellung, dass meine Asche über die Wurzeln eines Baumes, den ich mir ausgesucht habe, bis in den Wipfel steigen und von dort aus in die Luft verteilt werden, macht mich froh. So kommt man wirklich in den Himmel“, sagt Ursula R. auf der Homepage der Friedwald GmbH. Auch der Liedermacher Reinhard Mey erzählt dort von seinem Glauben an die „Heimkehr in den ewigen Kreislauf der Natur“. Und die Geschäftsführerin der Friedwald GmbH, Petra Bach, bekennt: „Die Vorstellung ist einfach beruhigend, dass der Baum, der irgendwann mein Beisetzungsplatz sein wird, mich noch eine Zeitlang durchs Leben begleiten wird.“
Solche religiösen Deutungen, die das Konzept der Waldbestattung anfangs stark dominierten, machten es den Kirchen schwer, diese Bestattungsform zu akzeptieren. Bereits im Jahr 2003, erzählt Markus Lautenschlager vom Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart, habe die Evangelische Landeskirche in Württemberg einige Bedingungen aufgestellt, unter denen sie Waldbestattungen getroster zustimmen könne. Zum einen müsse der Ort der Totenruhe als eine ausgewiesene Begräbnisstätte öffentlich zugänglich und durch eine Umfriedung begrenzt sein. Doch gerade mit dem Letzten nehmen es die Waldbestatter nicht so genau. Einen Zaun wollen sie nicht aufstellen und eine Mauer schon gar nicht bauen. Die Försterin Elisabeth Walch verweist darauf, dass an allen Wegen, die in den Wald führen, Schilder angebracht seien. Somit könne durchaus von einer Umfriedung gesprochen werden. Mehr wolle man aber schon wegen der Tierwelt nicht. Die Landeskirche fordert weiter, dass die Grabstätte mit dem Namen des Verstorbenen als Ort der Trauer deutlich erkennbar sein müsse. Er begründet das mit der Menschenwürde und sieht die Notwendigkeit, Angehörigen für ihre Trauer einen festen Ort zu geben. Die Anbringung des Namens auf einem Schild ist in Schwaigern zumindest auf Wunsch des Verstorbenen möglich. Auch ein Kreuz kann hinter dem Namen als christliches Symbol stehen. Als dritte Bedingung nennt Lautenschlager, dass eine kirchliche Bestattung mit einem christlichen Gottesdienst in der Nähe des Bestattungsortes möglich sein müsse. Das aber würde wegen der wechselhaften Witterung überdachte Versammlungsplätze notwendig machen.
Auch die katholische Kirche hat sich der Thematik gestellt. So hat das Bistum Trier im letzten Jahr eine pastorale Handreichung zum Umgang mit Tod und Begräbnis herausgebracht. Danach ist eine Baum- oder Waldbestattung durch einen Priester möglich, sofern folgende Kriterien erfüllt sind: Weder der Anbieter der Waldbestattung noch der Verstorbene noch dessen Angehörige dürfen Anhänger von naturreligiös-pantheistischen Vorstellungen (gewesen) sein, in denen die Natur mit Gott gleichgesetzt wird. Und ferner, so heißt es auch hier, muss es möglich sein, ein Schild mit dem Namen des Verstorbenen und einem christlichen Symbol am Ort der Bestattung anzubringen.
Heute ist das Verhältnis zwischen Kirche und Baumbestattern scheinbar etwas entspannter. In Schwaigern hat dazu sicher auch der Grundeigentümer, Erbgraf Karl-Eugen zu Neipperg, beigetragen. Er ließ es sich nicht nehmen, im Zentrum des Waldstücks ein großes Holzkreuz zu errichten. Was den Naturreligiösen als unpassend erschien, beschwichtigte die Kirchen. Hinzu kam, dass bald auch solche Menschen einen Baum dem Friedhofsgrab vorzogen, die sich dem Christentum verbunden fühlten. „Das kommerzielle Interesse der Anbieter hat die ursprünglich stark naturreligiöse Ausrichtung verblassen lassen“, interpretiert Markus Lautenschlager die Entwicklung. So findet inzwischen eine ganze Reihe von Urnenbeisetzungen in Gegenwart eines Pfarrers statt.
Wirklich wohl fühlen sich die Kirchen bei der Baumbestattung dennoch nicht. Denn die Grabpflege und das Totengedenken auf den Friedhöfen legten über Jahrhunderte hinweg ein beredtes Zeugnis für den Auferstehungsglauben ab. Im Vergleich dazu bleibt der Wald stumm.
Stefan Wittig [Juli 2008]











