Zustimmung und Forderung

Streit um Hermeneutik ist zentrales Problem

Beitrag der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HUK) e.V., Regionalgruppe Stuttgart zur Diskussion um das Papier "Gesichtspunkte ..."


Wir stimmen der vielkritisierten Veröffentlichung der "Gesichtspunkte" zu und begrüßen außerordentlich die damals von Bischof Renz bekundete Absicht, mit der Broschüre zu einem offenen Gespräch beizutragen. Auch sind wir der Meinung, dass die Diskussion mit noch viel größerer Breitenwirkung geführt werden sollte.

1. Der Streit um die Hermeneutik - das zentrale Problem

Die Frage, was das biblische Wort zu unserem Thema zu sagen hat, ist ohne Zweifel von zentraler Bedeutung. Sie kann als das verbindende Element der bisherigen Verlautbarungen angesehen werden. Mehr noch: ausnahmslos jede Diskussion - in Synode, Gemeindekreisen, Gruppen - macht nach unserer Erfahrung darauf aufmerksam, dass sich der eigentliche Dissens seit Jahren ohne jede Veränderung an der Sichtweise entzündet, was die Bibel zum Thema sagt und wie sie zu verstehen ist. Es macht jedoch Diskussionsbeiträge wie den des "Arbeitskreises Lebendige Theologie heute" nicht glaubwürdiger, wenn er nicht nur den Dissens so gut wie nicht benennt, sondern die Eindeutigkeit des biblischen Textes und die "von Anfang an" vorhandenen Erkenntnisse der "ganze(n) Kirche" behauptet. Wir beklagen, dass die Auseinandersetzung zur Hermeneutik (Auslegung von Bibeltexten) offenbar in den Studierstuben der Theologie wirkungslos verpufft. Wir sind irritiert, dass die Landeskirche auf wirksame Anstöße verzichtet, die hermeneutische Debatte mit notwendiger Konsequenz und Breitenwirkung anzustoßen und voranzutreiben. Es steht doch nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Spiel. Das Thema Homosexualität ist ja nur eines unter vielen. Wie soll nachvollziehbar sein, dass Kirche beim Thema Todesstrafe oder Sklaverei oder Frauen (und vielen weiteren Themen) sich aus guten Gründen längst von den eindeutigen Aussagen der Bibel verabschiedet hat, weil sie nämlich verstanden hat, was mit "Mitte der Schrift" gemeint ist, Lesben und Schwulen aber weiterhin Römer 1 u.a. vorhält? Die Forderung, "mit Spannungen (zu) leben" ändert doch die Widersprüchlichkeit nicht, die Aussagen der Bibel nach Wahl zu gewichten, Römer 1 aber im Blick auf Lesben und Schwule als undiskutierbar hinzustellen!

2. Annäherung der Standpunkte nicht in Sicht?

Vor genau diesem Hintergrund ist die so bemüht wissenschaftlich geführte Diskussion zum Thema Homosexualität zweit- und drittrangig. Wird nämlich die - wie wir sie nennen wollen - "Vorentscheidung Römer 1" als richtig behauptet, werden dem auch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse untergeordnet. Das wirft die von Johannes Fischer (Zürich) angeschnittene "grundsätzliche Frage der Schrifthermeneutik und des Verhältnisses von Bibelaussagen und wissenschaftlichen Erkenntnissen auf" (in "Handlungsfelder angewandter Ethik", hier: "Homosexualität und Kirche - eine unendliche Geschichte", Kohlhammer 1998). Fischer macht mit guten Gründen im Blick auf die EKD-Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" die "Schieflage" der Argumentation sichtbar: wenn "homosexuelle Praxis einerseits gegen Gottes Willen ist und andererseits ethisch gestaltet werden soll", resultiere dies daraus, "dass der heutige Erkenntnisstand über Homosexualität nicht schon bei der Exegese der einschlägigen Bibelstellen in Rechnung gestellt wird, sondern erst bei der Frage, wie die Betroffenen mit ihrer Prägung leben sollen".

3. Der Stellenwert wissenschaftlicher Erkenntnisse

Die vom Arbeitskreis reklamierten wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen deutlich als Außenseiterpositionen benannt werden. Diese entsprechen mit ihrer die Homosexualität pathologisierenden Sicht nicht mehr der heute überwiegend vertretenen Ansicht. Maßstab ist für uns der in Publikationen der anerkannten Organe der entsprechenden Wissenschaften veröffentlichte breite Konsens. Die wiedergegebenen Aussagen stammen in ihrer Gesamtheit aus dem psychoanalytisch-spekulativen Bereich und sind selbst innerhalb dieser Lehre heftig umstritten. Insbesondere die Behauptungen zur Veränderbarkeit der homosexuellen Orientierung sind durch kein ernst zu nehmendes Verfahren wie z.B. durch eine kontrollierte Langzeitstudie bestätigt. Ein "Heilerfolg" ist in keinem Fall wissenschaftlich dokumentiert worden.
 
In diesem Zusammenhang muss auf ein bisher wenig beachtetes Problem aufmerksam gemacht werden. Wir erfahren immer wieder von Menschen, die - aus welchen Gründen immer - mit ihrer sexuellen Orientierung Schwierigkeiten durch ihr soziales Umfeld haben, sich Hoffnung machen lassen durch behauptete "Heilungsmöglichkeiten" und ihren eigenen Erwartungen und/oder denen der "Heiler" nicht gerecht werden. Wir verkennen keineswegs, dass insbesondere junge Menschen bisweilen erst nach unterschiedlichen sexuellen/psychischen Erfahrungen zu ihrer wirklichen Identität finden können. Tatsache ist jedoch, dass es auch sogenannte "Ex-Ex-Gays" gibt: das sind zunächst zu ihrer vermeintlich heterosexuellen Identität Zurückgekehrte, die später merken, weder durch "Heilungsversuche" noch durch Heirat o.a. gegen ihre schwule Orientierung leben zu können. Signifikantes Beispiel ist dafür Günter Baum, der 1994 die "Seelsorgeinitiative Wüstenstrom" gründete (siehe Link untern). Hier wird deutlich, dass durch äußeren Druck einer Bezugsgruppe allenfalls das sexuelle Verhalten sich ändern kann. "Die eigentlich sexuelle Orientierung mit den daran geknüpften Gefühlen, den erotischen und sexuellen Phantasien sowie den sozialen Präferenzen lässt sich jedoch nicht verändern" (siehe Link "Zwischenraum"). Wir warnen vor Gruppen wie "Wüstenstrom", weil diese - leider oft erfolgreich - versuchen, Selbstverachtung und Verdrängungsmechanismen in der Psyche von Ratsuchenden zu installieren. Wir halten Therapieversuche mit der psychischen Gesundheit von Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Bindungen in ausweglose Situationen manövriert wurden, für höchst gefährlich.

4. Unsere Forderung an die Landeskirche

Die Landeskirche fordern wir auf, sich mit Nachdruck dem wie beschrieben: zentralen Problem zu stellen. Auf dem Spiel steht nicht die Zukunft von Lesben und Schwulen, auch nicht der kirchlichen MitarbeiterInnen, sondern die Glaubwürdigkeit der gesamten Kirche.

Mehr zum Thema

 Homophilie

Weiterführende Links

Zwischenraum - oben im text erwähnte Ausführungen
Link: Offene Lesbische und Schwule Elisabethenkirche Basel

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