Würde des Menschen und Wert des Lebens
Entschließung der Landessynode
vom 25. November 2004
Um ein einziges Menschenleben zu retten, wird oft ein gewaltiger Einsatz geleistet. Leben ist nicht mit Geld und Gut aufzuwiegen; es ist unendlich wertvoll. Das empfindet derjenige, dem nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung das Leben neu geschenkt wurde, aber auch, wer einen großen Verlust erlitten hat. Dass wir Menschen selbst kein Leben schaffen können, erleben ungewollt kinderlose Paare als schmerzhafte Begrenzung.
... unendlich wertvoll ...
Die aktuellen Entwicklungen in Biologie und Medizin bergen die Gefahr, dass der Mensch, das menschliche Leben zum Objekt technischer Machbarkeit oder wirtschaftlicher Interessen wird. Dadurch sind die Ehrfurcht vor dem Leben und die Achtung vor der Würde des Menschen bedroht.
... unbedingt würdevoll ...
Die BIBEL offenbart uns Gott als den Schöpfer allen Lebens. Der Mensch ist einerseits Teil von Gottes Schöpfung; zugleich aber hat er eine herausgehobene Stellung:
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde" (1.Mose 1,27). Gott bezieht den Menschen in seinen immerwährenden Schöpfungsprozess als Handelnden mit ein. Die Gottebenbildlichkeit begründet die besondere Würde des Menschen. Sie gilt dem Menschen als solchem. Sie ist jedem Einzelnen von Gott verliehen und damit unabhängig von Eigenschaften des Menschen, von Entwicklungsstadium, Leistungsfähigkeit, Krankheit oder Gesundheit. Diese Würde ist deshalb auch unverlierbar.
Auf dieser Sicht vom Menschen basiert unser GRUNDGESETZ:
"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." (GG Artikel 1,1)
... geschaffen und gewollt ...
Jeder einzelne Mensch darf sich als von Gott geschaffen und gewollt verstehen.
"Du hast mich gebildet im Mutterleibe. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war." (Psalm 139,13-16)
MARTIN LUTHER formulierte im kleinen Katechismus:
"Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält."
Wir selbst und jeder Mensch verdanken unser Leben Gott, dem Schöpfer. Er hat uns ins Leben gerufen, und er wird uns auch aus dieser Welt abberufen – wann er es will: "Alles hat seine Zeit: Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit" (Prediger 3,2). Wir werden geboren ohne unser Zutun. Wir müssen sterben. Das ist unabwendbar. Unser Leben ist ein Geschenk auf Zeit.
... geschenkt und geschützt ...
Gott, der Herr allen Lebens, wird im Buch der Weisheit auch als Freund und Liebhaber des Lebens bezeichnet (Weisheit 11,26). Gott will das Leben. Er will, dass es zur Entfaltung kommt. Daraus folgt, dass menschliches Leben vom Menschen nicht angetastet werden darf. Es steht nicht zu unserer Verfügung. Das fünfte Gebot zieht eine klare Grenze: "Du sollst nicht töten." (2.Mose 20,13) Auf dieser Basis hält das GRUNDGESETZ fest: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." (Artikel 2,2)
Sobald wir die Menschenwürde an Bedingungen knüpfen, kann sie rasch einem Embryo im frühesten Entwicklungsstadium, aber auch einem Schwerbehinderten oder einem verwirrten alten Menschen abgesprochen werden. Wenn wir Gottes Autorität nicht achten, dann sind Grenzen kaum aufrecht zu erhalten. Daher werden die Zehn Gebote eingeleitet mit einer Selbstvorstellung Gottes: "Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe" (2.Mose 20,2). Gott hat sein Volk in die Freiheit geführt und gibt ihm nun eine Lebensordnung. Alle ethischen Anweisungen sind auf Gott bezogen. "Ich bin der Herr, dein Gott … Du sollst nicht töten." Gott setzt der menschlichen Willkür Grenzen, um Leben zu ermöglichen, um den Einzelnen und die Gemeinschaft zu bewahren. Nach der Bibel ist Leben immer Leben in Beziehungen, in Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen.
... Liebe zum Leben ...
Gott enthüllt uns seinen heilsamen Willen und erweist sich zugleich als der Barmherzige. Als Menschen leben wir von seinem Erbarmen. "Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte" (Psalm 103,8). Gott liebt gerade das Schwache und Unvollkommene. Deshalb hat Jesus sich in besonderer Weise der Kranken und Schwachen angenommen. Er hielt auch seine Nachfolger an, Barmherzigkeit zu üben. "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer" (Matthäus 9,13).
Die Ehrfurcht vor dem Schöpfer umfasst folgerichtig die Ehrfurcht vor dem von Gott geschaffenen Leben. Durch die Jahrhunderte haben sich vor allem Christen im Dienst für den Nächsten eingesetzt, in der Pflege der Kranken, in der Hilfe für Behinderte, in der Beratung und Hilfe für ungewollt Schwangere, in Lebensrechtsgruppen, Altenpflege und Hospizbewegung.
Für diese Sicht des Menschen, für seine Wertachtung und für den Schutz des Lebens sind die Kirchen immer wieder entschieden eingetreten.
Hier seien nur einige Meilensteine der letzten Jahre genannt:
- Die Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz von 1989 "Gott ist ein Freund des Lebens" – Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens.
- Beitrag der Kammer für Öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland "Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen" – Argumentationshilfe für aktuelle medizin- und bioethische Fragen, aus dem Jahr 2002
- Kundgebung der EKD-Synode vom November 2002 "Was ist der Mensch?"
- die gemeinsame Aktion "Woche für das Leben" der evangelischen und katholischen Kirche. Das Leitthema für die Jahre 2002-2004 heißt "Um Gottes Willen für den Menschen".
... Konsequenzen ...
Aus dieser theologischen Grundlegung ergeben sich folgende Konsequenzen:
- Das Leben von Menschen ist unbedingt schutzwürdig von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Ihm gebührt deshalb Vorrang vor allen anderen Interessen, insbesondere wirtschaftlichen Interessen und Forschungszwecken.
- Das Leben von Menschen beginnt mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle. Von diesem Augenblick an ist das Individuum mit seinen Eigenschaften und Potenzialen genetisch bestimmt und damit unverwechselbar.
- Auch der Embryo außerhalb des Mutterleibes unterliegt dieser unbedingten Schutzwürdigkeit. Er ist kein Material, das zu irgendeinem Zweck dienen darf.
- Eine verbrauchende Embryonenforschung lehnen wir ab, sowie jede Form der Selektion und daher die Präimplantationsdiagnostik (PID) und das Klonen von Menschen. Ein Urteil über lebenswertes und –unwertes Leben steht uns nicht zu.
- Abtreibung bedeutet Tötung eines Menschen. Daraus erwachsen für uns eine Fülle von seelsorgerlichen Herausforderungen. Auch schuldig Gewordene brauchen unseren Zuspruch der Vergebung Gottes.
- Im Blick auf Spätabtreibungen lebensfähiger Föten besteht dringender politischer und rechtlicher Handlungsbedarf.
- Aktive Sterbehilfe lehnen wir ab. Der Tod eines Menschen muss abgewartet, er darf nicht herbeigeführt werden. Aktive Sterbehilfe birgt die Gefahr, dass ein Mensch unter Druck gerät, darin einzuwilligen, wenn sein Zustand für andere zur psychischen oder wirtschaftlichen Belastung geworden ist. Stattdessen wollen wir wo möglich eine wirksame Schmerztherapie und die liebe- und würdevolle Begleitung am Ende des Lebens fördern.
Diese grundlegenden Auffassungen wollen wir festhalten, bzw. wieder in Erinnerung bringen. Sie können eine ethische Haltung begründen und festigen, die den Einzelnen hilft, in konkreten Lebenssituationen zu einer verantwortlichen Entscheidung zu kommen.
Wir verkennen nicht, dass Menschen in schwierigste Entscheidungssituationen geraten können, bei denen jede Option mit einem Dilemma behaftet ist und nicht mit letzter Sicherheit auszumachen ist, welche das geringere Übel darstellt. Wer schuldig geworden und in seinem Gewissen belastet ist, soll erfahren, dass Gottes Gnade immer noch größer ist. Als Christen sehen wir uns in der Pflicht, betroffenen Menschen vorurteilsfrei beizustehen und vorbehaltlos zu helfen.
Downloads
Entschließung zur Würde des Menschen und zum Wert des Lebens
Broschüre des Landessynode zur Entschließung [PDF, 60 KB]
Protokoll der 26. Sitzung der Landessynode, 25.11.2004
Protokoll der Aussprache zur Entschließung [PDF, 375 KB]
Antrag 33/04: Entschließung zur Würde des Menschen und zum Wert des Lebens
Antragstext der Entschließung [RTF, 20 KB]
Antrag 33c/04: Entschließung zur Würde des Menschen und zum Wert des Lebens
Änderungsantrag zur Entschließung [RTF, 20 KB]
Beschlossener Antrag 33/04: Entschließung zur Würde des Menschen und zum Wert des Lebens
Beschlossene Entschließung [RTF, 50 KB]





